Vortrag über Kunstrezeption bei der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil (21. Mai 2015)

Abb. 1a Abb. 1b

.Der Umgang mit Kunst war während der gesamten Moderne geprägt von Rezipienten, die die Werke nicht besaßen, sondern sie im Museum, bei Ausstellungen, vielleicht auch nur durch Reproduktionen auf sich wirken ließen. Sie bemühten sich dabei um eine sekundäre Aneignung, lernten also, durch diverse Praktiken des Sprechens, Schreibens, Interpretierens das Nicht-Besitzen zu kompensieren. – Der Vortrag beleuchtet einige der Aneignungspraktiken der Moderne und grenzt sie von Formen des Umgangs mit Kunst ab, die typisch für diejenigen sind, welche sie sammeln und besitzen. Er analysiert ferner, wie heute im Kuratieren und Vermitteln von Kunst zwei primär nicht-verbale Formen der Aneignung von Kunst an Relevanz gewonnen haben.
Der Vortrag bietet Stoff für den aktuellen Streit über Kunstvermittlung. Er leitet die Idee der Kunstvermittlung nämlich aus der Geschichte sekundärer Aneignung von Kunst her, ja identifiziert sie sogar ausdrücklich als die konsequente Fortsetzung – oder gar Vollendung – des Ideals des Museums: Mehr denn je wird es heute als Ort begriffen, an dem es nicht um den Besitz von Kunst geht, sondern darum, Zugang zu ihr durch aktive Rezeption zu erlangen.
Diese Herleitung der Idee der Kunstvermittlung ist nachzulesen als Extrakt des Vortrags über Aneignungsprsaktiken der Kunst.

Comments 3

  1. kultureventbuero 22. Mai 2015

    Lieber Herr Ullrich,

    was für eine wunderbarer Stich von Chodowiecki. Ich habe mich spontan an eine Übung mit Peter Ludwig erinnert, an der wir jungen Kunstgeschichts-Studenten im Museum teilnahmen. Ich war damals ziemlich beeindruckt davon, wie er einfach eines der Bilder (ich glaube, es war ein Lichtenstein) anfasste, es etwas anhob und dahinter nach einer Signatur o.Ä. suchte.

    Sehr spannend, wie Sie die Geschichte durchforsten nach Aneignungs-Modellen. Besonders interessant sind die unterschiedlichen Szenarien im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel.

    Was Sie im letzten Satz zur Kunstvermittlung schreiben, ist eine oft gesehene Praxis. So ist es wünschenswert „… die Besucher zu eigener gestalterischer Tätigkeit anzuleiten …“. Allerdings meine ich, dass die beschriebene Methode („Sie sollen im selben Stil malen, in dem die Bildwerke einer Ausstellung gemalt sind …“) nicht zu den innovativen Ansätzen gehört, die es in der Kunstvermittlung durchaus gibt.

    Mir ist es sehr wichtig, Respekt der Kunst gegenüber zu vermitteln. Aber mit Demut kann ich in diesem Zusammenhang nicht so schrecklich viel anfangen. Allerdings haben Sie ja lediglich die Haltung auf dem linken Chodowiecki-Bild beschrieben.

    Um der Diskussion auch noch einmal einen Gedanken aus den Reihen der Kunstproduktion hinzuzufügen, möchte ich gerne aus dem Fluxus-Manifest (1962) von George Maciunas zitieren:

    „Reinigt die Welt von bourgeoiser Übelkeit, „intellektueller“, professioneller und kommerzieller Kultur. Reinigt die Welt von toter Kunst. […] Fördert die Nicht-Kunst-Realität, so dass sie von allen Menschen verstanden wird – nicht nur von Kritikern, Dilettanten und Profis.“

    Warum klingt das heute – über 50 Jahre später – so unglaublich radikal und provozierend?

    Herzliche Grüße von Anke von Heyl

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    • wolfgangullrich 22. Mai 2015

      Liebe Frau von Heyl,

      vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Ihre Peter-Ludwig-Anekdote gefällt mir natürlich sehr gut.
      Was Sie zu innovativen Ansätzen der Kunstvermittlung anmerken, so könnte man in diesem Zusammenhang ja auch nochmal über die Möglichkeiten digitaler Medien und der Social Media nachdenken. So finde ich z.B. viele Blogs auf Tumblr, bei denen Werke aus der Kunstgeschichte mit Bildern ganz anderer Provenienz kombiniert werden, sehr eindrucksvoll. Hier wird Kunst nochmals ganz anders angeeignet, eben nicht verbal, sondern über Formen des Zeigens. So wie es lange üblich, gar verlangt war, eigene Kunsterfahrungen vrbal auszudrücken – als Interpretation, Erlebnisbericht etc. -, könnte es künftig selbstverständlich werden, die eigene Beschäftigung mit Bildwerken in Spielarten des Bloggens und Rebloggens zu artikulieren.

      Mein Lieblings-Zital von Maciunas ist übrigens das folgende:

      „FLUXUS KUNST-AMÜSEMENT. Um seinen nicht-professionellen Status in der Gesellschaft klarzumachen, muß der Künstler seine Ersetzbarkeit und Dazugehörigkeit beweisen, muß er zeigen, daß das Publikum ihn keineswegs braucht, muß er klarstellen, daß alles Kunst sein kann und jeder Kunst machen kann. Aus diesem Grund muß das Kunst-Amüsement einfach und unprätentiös sein, sich mit Nichtigkeiten beschäftigen, keinerlei handwerkliches Können oder zahllose Proben erfordern, und es darf keinen institutionellen oder Warenwert haben. Der Wert des Kunst-Amüsements muß gesenkt werden, indem man es unbegrenzt verfügbar macht, am Fließband herstellt, allen den Zugang dazu ermöglicht, und indem es letztlich von allen herstellbar ist. Fluxus-Kunst-Amüsement ist die Nachhut ohne jeden Anspruch oder Drang, sich an der ‚Eine-Nasenlänge-Voraus‘-Konkurrenz der Avantgarde zu beteiligen. Es strebt die einfachen Strukturen und untheatralischen Qualitäten eines schlichten Naturereignisses, eines Spiels oder Gags an. Es ist die Verbindung von Spike Jones, Vaudeville, Gag, Kinderspiel und Duchamp.“

      Sie sehen: mit der Deumut habe ich’s auch nicht so, siehe „Tiefer hängen“.

      Herzlich

      Wolfgang Ullrich

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  2. kultureventbuero 23. Mai 2015

    Lieber Herr Ullrich,
    fantastisches Zitat!

    Ich bin sowieso der Meinung, dass wir nicht so weit voneinander entfernt sind. Letztendlich kommt es auf die Haltung an. Über einzelne Vorgehensweisen lässt sich dann trefflich diskutieren. Es gilt, von Fall zu Fall zu entscheiden, was angemessen ist!

    Ihr Buch „Tiefer hängen“ hab ich übrigens mit große Begeisterung gelesen und schon damals auf meinem Blog rezensiert 🙂
    Herzliche Grüße

    Anke von Heyl

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