Vortrag „Roland Barthes als Koralle“ beim Symposium „Wundersame Erkenntnismodelle“ in Halle/Saale (5. Juni 2015)

Wolfgang Ullrich hielt auf dem Symposium „Wundersame Erkenntnismodelle“ einen Vortrag unter dem Titel „Roland Barthes als Koralle – oder: eine Kritik des Assoziierens“.

Einige Thesen aus dem Vortrag:

„In Geisteswissenschaften und Philosophie besitzen Zitate von Autoren wie (z.B.) Barthes eine ähnliche Funktion wie (z.B.) Korallen in alten Kunst- und Wunderkammern: 1. sie sorgen aufgrund eines schillernd-mehrdeutigen Charakters für semantisches Gewicht; 2. sie werten den Kontext, in dem sie auftauchen, aufgrund der ihnen zugesprochenen Autorität auf; 3. sie fungieren als Orientierungsinstanzen, da mit ihnen schnell erkennbar ist, auf welche Traditionen und Denkmodelle sich jemand bezieht.“

„Es fällt auf, dass gerade auch in vielen aktuellen wissenschaftlichen Texten Zitate oft nur lose mit dem jeweiligen Kontext verknüpft werden; weder werden sie ausgiebig interpretiert noch zum unverzichtbaren Beleg gemacht, d.h. sie werden nicht zum Motor oder Gegenstand von Thesen. Zitate und Aussagen stehen vielmehr oft so unverbunden nebeneinander, dass es eher um Konstellationen als um Thesen geht.“

„Damit nähert sich das Zitieren dem Kuratieren an, bei dem es grundsätzlich darum geht, Konstellationen zu schaffen, die es den Rezipienten überlassen, was genau sie daraus folgern.“

„Die aus dem Ausstellungswesen stammende Idee des Kuratierens wird mittlerweile so sehr zur Leitidee, dass sie auch auf ganz andere, bisher streng logozentrisch verfasste Bereiche wie Wissenschaft und Philosophie Einfluss hat.“

„In einer Zeit, in der sich viele Menschen als kreativ und leistungsfähig erleben wollen, wird es zum stärkeren Bedürfnis, durch einen Text oder eine Konstellation (z.B. auch bei einer Ausstellung) eine Verheißung von (eigener) Erkenntnis vermittelt zu bekommen, als konkrete Thesen oder ausgereifte Erkenntisse (anderer) zu rezipieren.“

„Von Autoren und Kuratoren erwartet man die Erzeugung einer Atmosphäre der Kreativität, die Konstitution eines Potenzialis: so als könnte in jedem Moment etwas Gewaltiges und Großes passieren.“

„Das kuratorisch-konstellative Denken wird heute in vielen Formen vor allem in den Social Media entwickelt. Die Art und Weise, wie gerade auch Zitate z.B. auf Blogs auftauchen, zeigt besonders deutlich deren Verheißungsfunktion.“

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„Der große Unterschied zwischen einer Koralle in einer Wunderkammer und einem Barthes-Zitat auf einem Blog besteht darin, dass mit Wunderkammern die Idee von Universalität und Ganzheit verbunden war, sie also ein Bild der gesamten Welt liefern sollten, während Blogs, der Verheißung von Kreativität verpflichtet, Unerschöpflichkeit suggerieren. Es gilt hier: ‚infinite scroll‘ statt Totalität.“ [Vgl. dazu den Beitrag „Die Ordnung der Bilder“ auf dem Blog „So frisch, so gut – Kohout“]

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