Stellungnahme zu „Siegerkunst“

siegerkunst-bildverbot

Das Buch „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“ ist den markanten Veränderungen des Kunstbetriebs seit Beginn des 21. Jahrhunderts gewidmet. Eine Beobachtung ist, dass Künstler nicht mehr grundsätzlich eine Außenseiterrolle einnehmen, sondern in dem Maße, in dem sie Mächtige und Erfolgreiche (Sieger der Gesellschaft) als Kunden haben, selbst über Macht verfügen. Eine weitere Beobachtung besteht darin, dass künstlerische Arbeit oft nicht mehr auf die Werkproduktion beschränkt ist, sondern sich vieles, was im weiteren als Qualität gewürdigt wird, erst in der Postproduktion entscheidet. Für Künstler ist also die Art und Weise, wie sie z.B. in Interviews über sich und ihre Arbeit sprechen, das nachträgliche Transparentmachen ihrer Werkprozesse oder die wechselnde  Kontextualisierung ihrer Werke bedeutsam für ihr Ansehen und, vor allem, ihren Marktwert.

Beide Beobachtungen erfahren eine Zuspitzung, wenn man darauf aufmerksam wird, dass Künstler auch das Urheberrecht zunehmend dazu nutzen, Einfluss darauf zu nehmen, wie über sie geschrieben wird. Machtausübung und Postproduktion kumulieren in dem Versuch, durch das Verbot von Abbildungen zu verhindern, in einem Kontext aufzutauchen, der Wertschöpfungsambitionen zuwiderläuft oder kritisch ist. Tatsächlich kommt es immer häufiger vor, dass Autoren, die keine Eingriffe von Künstlern in ihre Texte zulassen, auch keine Werkreproduktionen mehr abbilden dürfen. Schlimmstenfalls kann das eine Publikation verhindern, sind Abbildungen doch eventuell unverzichtbar für die Verifikation eines Arguments. Auf jeden Fall aber beeinflusst es den Diskurs über Kunst erheblich. Es wird dazu führen, dass Kunstkritik, Kunstwissenschaft und Kunsttheorie – also genau die vom Kunstmarkt unabhängigen Gattungen – entweder auch noch zu willfährigen PR-Organen der Künstler, Galeristen und Sammler werden oder aber aufgrund der gegen sie betriebenen Sanktionspolitik immer weiter verkümmern.

Auch für „Siegerkunst“ wurde eine nennenswerte Anzahl von Abbildungen verboten. Hier sollen nun erstmals die jeweiligen Hintergründe dieser Verbote offengelegt werden. Damit lassen sich zugleich beliebte Strategien erkennen, wie das Urheberrecht heutzutage als Waffe gegen eine unabhängige Kunstliteratur verwendet wird.

Erläuterungen zu den einzelnen Verboten und Links zu den im Buch fehlenden Abbildungen sind zu finden unter: Siegerkunst – Stellungnahme

 

Comments 17

  1. Stefan Hetzel 6. Februar 2016

    @Wolfgang Ullrich: Danke für die Dokumentation, es scheint sich hier wirklich um offenbar fast schon „normale“ Übergriffe der PR-Abteilungen dieser Künstler auf die Publikationsfreiheit zu handeln. Gut, dass die Blogosphäre dem publizistisch ein wenig entgegentreten kann 🙂 Ich möchte sie, „Senior-Blogger“ (aktiv seit 2011), der ich bin, hiermit sehr herzlich in „der“ Blogosphäre begrüßen 🙂

    Vielleicht schauen Sie ja ab und zu mal rein in meine „Weltsicht aus der Nische“ (stefanhetzel.wordpress.com). Dort geht es zwar eher um Kunstmusik als um Bildende Kunst, aber was die analytisch-kritische Herangehensweise betrifft, glaube ich doch, eine gewisse Geistesverwandtschaft erkennen zu können.

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    • Kirsten 26. Juni 2017

      … bis es im ‚Blogs‘ auch vorbei ist. Dort wird leider auch viel rundum PR gemacht – und da sind Sie im Kommentar, herrn Hetzel, leider auch ein typisches Beispiel. Oder muß ich die ‚Vielleicht schauen‘-stelle die fast der hälfte ihrer Kommentar beinhalte und ihrer promotion zur Senior-Blogger anders interpretieren? Gibt es im Internet – oder im Blogs – überhaupt diese Freiheit – oder ist es ein medium der Selbstinszenierung und ständige Selbstpromotion? Deswegen: ich bin Kirsten aus den Niederlanden und interessiere mich für Kunst und Kultur… da ich leider aus den Niederlanden komm, ist mein Deutsch im Schrift nicht recht gut… habe kein blog, keine Facebook und so weiter… so Sie können nirgendwo vorbei schauen… soweit die eklige Selbstinszenierung.

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  8. milena burzywoda 21. September 2017

    Mit vielen Ihrer sehr interessanten Texte gibt es fuer mich ein Grundproblem: dass Sie auf KunstMARKTbewegungen reagieren, die kein Fundament fuer Kunst liefern, sondern die Moeglichkeit fuer Kunst untergraben. Ihre Texte fuellen das Vakuum der beschrieben Arbeiten mit Gesellschafts-
    aber nicht mit Kunsttheorie oder gar Kritik – damit untermauern Sie letztendlich deren ohnehin schon ueberwaeltigenden Erfolg. Sie beschreiben viele Mechanismen so glasklar (und das ist hilfreich und oft erhellend) aber Sie versaeumen es letztendlich, eine Position zu beziehen – genau DAS waere in dieser Zeit so dringend von Noeten! Kunst und Kultur sind in einer Krise, und Sie sehen das, aber Sie benennen sie nicht; Sie schreiben drumrum. Ist ein Kunstkritiker / Kulturwissenschaftler denn wirklich nur eine neutrale Huelle durch die man egal welche Inhalte hindurchspuelt, ohne dass sie selber eine eigene Kontur hat? WARUM KLAGEN SIE NICHT AN? Sie haben selber die kritische Stille diagnostiziert mit der der zeitgenoessischen Kunst und dem Kunstmarkt begegnet wird. Warum beziehen Sie nicht selbst Stellung? Sie selbst beschreiben doch selbst, wie disillusioniert Sie vom Kunstbetrieb an der Akademie waren – aber setzen Sie wirklich etwas dagegen? Oder habe ich da etwas ueberlesen? In ihrem Perlentaucher Artikel „Zwischen Deko und Dikurs‘ schrieben Sie, dass es Star Kuenstler gibt, aber keine Star Kritiker. Da wuenschte ich mir, dass Sie sich einmal selber an der Nase ziehen.

    Sie haben doch die Mittel!

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    • Kirsten 23. September 2017

      Interessantes Kommentar! Aber „[sind] Kunst und Kultur (…) in einer Krise“ nicht genau deswegen das immer eine weitertreibende ‚Position‘ eingenommen werden muß, von jeden die etwas darüber sagt? Kann es nicht einmal genau ‚drumrum‘ geschrieben werden sodass nur dass Problem erst überhaupt sichtbar wird? Muß mann gleich darüber eine Position einnehmen?

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      • milena burzywoda 26. September 2017

        ‚Drumrum schreiben‘ verstehe ich in Bezug auf direkte Inhalte einer kuenstlerischen Arbeit, die aus ihrer eigenen inneren Komplexitaet und der Komplexitaet ihrer Zusammenhaenge hinaus, sich nicht auf einfache Positionen und Formeln reduzieren laesst. Diese Art von Arbeit passt jedoch nicht in das weltweit atemberaubend erfolgreiche Programm zeitgenoesschischer Kunst, das Ullrich in seinem Perlentaucher Artikel mit der Formel „Dekor und Diskurs“ fasst und unterstuetzt. Erstere wird hingegen aktiv von Autoren wie Ullrich, sowie vom gesamten Kunstmarkt als irrelevant erklaert und damit regelrecht zensiert.

        Es ist diese komplette, gar gespenstische kritische Stille unter Kunstkritikern, Journalisten, dem generellen Publikum und vor allem aber auch der Kuenstler selber gegenueber dieser Zensur und Krise, die verheerende Konsequenzen hat und zu der DRINGEND oeffentlich Position bezogen werden muss.

        Unsere eigene Position im Detail -in Antwort auf Ullrich’s Essay- kann man hier nachlesen:
        https://www.artistunderground.co.uk/the-schism-art-over-and-underground

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  9. wolfgangullrich 26. September 2017

    Liebe Frau Burzywoda,

    vielen Dank für Ihre Kommentare, Ihre Anregungen und Ihre Kritik! – Ich versuche nochmal in aller Kürze, meine Position zu klären, die es durchaus gibt, auch wenn Sie offenbar das Gegenteil wahrnehmen. Aber hat und braucht man nicht schon eine Position, wenn man auch nur Entwicklungen beschreiben will? Das setzt immerhin voraus, dass man gewisse Phänomene in Beziehung zueinander bringt, dass man einen Plot dafür findet und damit natürlich auch eine Deutung vorschlägt. Im Begriff „Siegerkunst“ steckt ein solcher Plot – die These der Rearistokratisierung des Kunstbetriebs -, und im Begriff „Schisma“ steckt auch ein Plot – die Unterstellung, verschiedene Teile des Kunstbetriebs würden sich in entgegengesetzte Richtungen entwickeln und eine leere Mitte zurücklassen. Mir ist aber gerade wichtig, dass mit solchen Beschreibungen und Plots keine eindeutige Bewertung vorgenommen wird. Das wäre so, als würde ein Autor am Ende seiner Geschichte den Zeigefinger heben und selbst die Moral verkünden. Natürlich muss man, um den Plot spannend zu inszenieren, die Sympathien des Publikums lenken, aber sich letztlich viel mehr um Komplexität als um Eindeutigkeit bemühen. Man muss anerkennen, dass sich die einen über die Rearistokratisierung oder das Schisma freuen, andere es hingegen schrecklich finden. Ich bin auch nicht so sehr Betroffener, dass ich zu einer eindeutigen Antwort überhaupt fähig wäre, vielmehr sehe ich es auch deshalb als meine Aufgabe an, ein differenziertes Bild zu liefern.

    Für meine Schisma-These ist entscheidend, dass die (autonome) Kunst von verschiedenen Seiten her gleichsam übernommen wird, sie also eine Fremdbestimmung erfährt, die dazu führt, dass der Begriff ‚Kunst‘ selbst eine Aushöhlung erfährt und so irgendwann gar nicht mehr gebraucht wird. Die eine Übernahme passiert auf dem Markt – durch die Sammler, Galeristen, Auktionatoren, denen es gelingt, Werke so teuer zu verkaufen, dass sie mehr über den Preis als über eine andere formale oder inhaltliche Eigenschaft definiert sind. Die andere Übernahme passiert durch Kuratoren, die die Kunst so stark als Medium nutzen, um bestimmte Themen zu besetzen oder Identitätspolitiken zu treiben, dass das ebenfalls die Wahrnehmung und Erfahrung der betroffenen Werke mehr prägt als jede Setzung, die von den Künstlern selbst vorgenommen wurde. In beiden Fällen wird das, was von außen an die Kunst herangetragen wird – Preis oder Politik -, vom Publikum letztlich als stärker, als realer empfunden als die Kunst selbst. Das kann man nun entweder als Aggression der Bereiche ‚Wirtschaft‘ und ‚Politik‘, aber auch als Zeichen einer Schwäche der Kunst – oder einer Erschöpfung des Paradigmas der Autonomie – deuten. In keinem Fall aber würde ich von Zensur sprechen. Denn das unterstellt, jemand würde absichtlich etwas unterdrücken – aus Angst, es könnte sonst zu stark werden. Eben das aber kann ich nicht sehen, das hieße, die autonome Kunst zu heroisieren.

    Herzliche Grüße

    Wolfgang Ullrich

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  10. milena burzywoda 27. September 2017

    Lieber Herr Ullrich,

    Ich danke Ihnen fuer Ihre Antwort. Was ich meiner ausfuehrlicheren Antwort vorausschicken moechte ist dies:

    Was ich schlichtweg nicht verstehe, ist wie Kritiker und Menschen wie Sie – gebildet, erfahren, intelligent usw.- sich NICHT vor den meisten Werken der zeitgenoessischen ‚Dekorkunst‘ oder gar ‚Siegerkunst‘ zu Tode langweilen, oder Sie sich ebenso nicht daran zu stoeren scheinen, dass ‚Diskurskuenstler‘ schlichtweg nichts zu sagen haben, und ueber das Vakuum Ihrer eigenen Position ablenken, indem sie es mit Bezug auf emotionale Krisenherde im Weltgeschehen fuellen und damit auf obzoenste Weise das Leiden anderer zu ihren eigenen reinen Kunstmarktzwecken ausbeuten. Hat jemals jemand untersucht inwiefern Fluechtlinge davon profitieren, dass Sie zum Beispiel in Venedig zum Lampenbauen angestellt, mit anderen Worten: MISSBRAUCHT werden? Es sollte einmal jemand hingehen und die Effektivitaet dieser weltweiten Kunstpraxis im Hinblick auf ihre soziale und politische Wirksamkeit hin zu ueberpruefen. Ich habe KEINEN Zweifel, dass das Resultat so schockierend wie offensichtlich waere.
    Warum stellen Sie dies nicht in Frage? Ist dies fuer Sie in der Tat fraglos? Glauben Sie wirklich die ‚Diskurskunst‘ hat eine soziale Wirksamkeit im Hinblick auf Ihre angeblichen Inhalte?

    DIe meisten Arbeiten, die heute den Kunstmarkt, die Feuilletons, die Museen usw. dominieren sind einfach atemberaubend dumm, oder so tief wie ein kurzer Witz. Wie kann es sein, dass das anschienen kaum jemanden stoert? Dass es SIE nicht stoert?! Letztlich faellt ja fuer Unzaehlige sehr viel Profit ab – anders kann man sich das einfach nicht erklaeren.

    „In keinem Fall aber würde ich von Zensur sprechen. Denn das unterstellt, jemand würde absichtlich etwas unterdrücken – aus Angst, es könnte sonst zu stark werden. Eben das aber kann ich nicht sehen, das hieße, die autonome Kunst zu heroisieren.“

    Ich glaube nicht, dass irgendwer aus Angst sogenannte ‚autonome Kunst‘ unterdrueckt; daher kann auch von einer Heroisierung keine Rede sein. Es ist vielmehr so, dass ein oekonomisches Modell ein kulturelles ersetzt, ohne dass letzteres ueberhaupt noch wahrgenommen wird. Dazu gehoert die Verdraengung von (Kunst)geschichte, denn nur in Vergessenheit der Fundamente, auf der unsere Kultur steht, kann man sich mit dem zufrieden geben, was heute produziert wird. Dieser aktive Trend zur Geschichtsvergessenheit wird in vielfaeltiger Weise gefoerdert, die hier alle auszufuehren zu weit fuehren wuerde (z. Bsp. die kuerzlich eingefuehrte Abschaffung von Kunstgeschichte an allen Schulen Englands). Das dramatische Senken von Standards, Wissen und Ambition innerhalb der Kunst in einer Welt von nie zuvor dagewesener Komplexitaet ist eine Tatsache, die unbedingt im Bereich von Kunst und Kultur Aufmerksamekit erhalten muesste. In der Politik sind wir mit ganz aehnlichen Faktoren konfrontiert, wo ein Rueckzug aus der Komplexitaet der Weltzusammenhaenge es vermag, politischer schwarz-weiss Malerei – und damitTrump, Brexit usw.- Rueckenwind zu geben.

    Sie gehen also hin und sagen Sie wollen nicht werten. Aber Sie werten doch: und zwar mit EXKLUSIV kunstmarktinternen Kriterien! Sie schliessen sogenannte ‚autonome Kunst‘ komplett aus Ihrer Analyse der Zukunft von Kunst und Kunstschulen aus – begruendet mit Kriterien, die rein dem Kunstmarkt entstammen. Und das ist KEINE ZENSUR?

    „[…] wird vom Publikum letztlich als stärker, als realer empfunden als die Kunst selbst.“ Das Publikum, um das gebuhlt wird, bestimmt in der Tat die heutigen Standards fuer Kunst. Und da der Grossteil dieses Publikums weder Interesse noch Wissen um Kunst hat, muss das Publikum mit Kunst bedient werden, die ohne Kunst auskommt. Und genau so findet das ja auch heute statt.

    Aber SIE, und alle Ihre Kollegen – Kunsthistoriker, Kuenstler, Akademiker usw. – wie kann es sein, dass Leute wie Sie nicht die Arme ueber dem Kopf zusammenschlagen angesichts der sagenhaft niedrigen Standards der Arbeiten. Dass der extreme oekonomische Erfolg des heutigen Kunstmarkts von Oligarchen, Investoren, Auktionshaeusern usw, begruesst und gefoerdert wird, kann man DENEN nicht vorwerfen.

    Aber IHNEN werfe ich das vor. Und ich verstehe es schlichtweg nicht und ich hoffe noch sehr, dass Sie bald ein Buch schreiben in dem Sie mir DAS schluessig erklaeren.

    Mit herzlichen Gruessen,
    Milena Burzywoda

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    • wolfgangullrich 28. September 2017

      Liebe Frau Burzywoda,

      danke für Ihre Kommentare! Das Buch, das Sie sich wünschen, werde ich wohl nicht schreiben. Aber einiges von dem, was Sie anmahnen, habe ich bereits geschrieben. So etwa einen Text, in dem ich sehr kritisch über einige Arbeiten urteile, die sich mit dem Thema ‚Migration‘ befassen – darunter auch Eliassons „Green Light“:
      https://ideenfreiheit.wordpress.com/2016/06/20/essay-kunst-fluechtlinge-gewissensdienstleistung-statt-empathie/
      In einem Radiobeitrag stelle ich die Wirksamkeit von politischer Kunst wie der des ‚Zentrums für politische Schönheit‘ infrage:
      https://ideenfreiheit.wordpress.com/2017/06/19/ist-politische-aktionskunst-der-bessere-protest/
      Und in meinem neuen Buch („Wahre Meisterwerte“) gibt es etliche Passagen, die sich kritisch mit politischer Kunst und ihrem Bekenntnischarakter befassen – u.a. diese hier:
      http://www.focus.de/kultur/medien/kultur-wenn-kunst-zum-brandbeschleuniger-wird_id_7595414.html

      Auch über Künstler, die sich in der Tradition autonomer Kunst sehen, habe ich verschiedentlich geschrieben, u.a. über David Hockney, Jonathan Meese, Thomas Huber, Anton Henning. Dabei versuche ich durchaus, nicht nur mit vom Kunstmarkt vorgegebenen Kriterien zu arbeiten. Ich bleibe jedoch dabei, dass es zumindest eine Krise des Paradigmas ‚autonome Kunst‘ gibt – und empfinde es als zu vorschnell, die Schuld daran nur dem Markt und den Kuratoren zu geben. Und so wenig ich von Zensur sprechen will, so wenig auch von Verdrängung, wie Sie’s nun machen, was wiederum suggeriert, dass es einen aktiven Widerstand gegen autonome Kunst und ihre Geschichte gibt. Den kann ich aber nicht erkennen. Vielmehr scheinen mir viele Künstler selbst Zweifel zu haben, ob Autonomie nicht ‚zu wenig‘ ist. Künstler wie Meese oder Huber sind hier große Ausnahmen, ihnen gelingt es noch, eine eigene Welt zu schaffen und zu behaupten – um den Preis, dass auch sie sich sehr schwer tun, genügend Ausstellungsmöglichkeiten zu bekommen. Und viele, die noch jünger und weniger bekannt sind, haben es noch schwerer. Aber nicht weil man sie aktiv bekämpft, sondern weil man einer Siegerkunst oder einer Kuratorenkunst offenbar mehr ‚thrill‘ zutraut, mehr ‚Wirklichkeit‘, ist sie doch teuer oder aktuell, also vermeintlich ‚mehr‘ als nur Fiktion. Es ginge wohl darum, wieder bewusster zu machen, was Fiktion alles kann.

      Übrigens entspricht es nicht meinem Selbstverständnis, nur über Kunst zu schreiben, die ich interessant und wichtig finde. Gerade auch das, was ich langweilig oder gar missglückt finde, reizt mich als Beobachter und Theoretiker. Allerdings – da haben Sie recht – schreibe ich dann oft auch weniger über die Kunst selbst als über ihre Umstände und Kontexte. Der Boom kunstsoziologischer Texte in den letzten Jahren ist also vielleicht selbst Folge jenes Vakuums, das ich in meinem Schisma-Text diagnostiziere.

      Es grüßt Sie herzlich

      Wolfgang Ullrich

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  11. milena burzywoda 27. September 2017

    „Hostility to art is nothing new; it is, and has always been, part and parcel of all societies. If in Poland the Writer’s Union is banned, and artists – as in all dictatorships- are persecuted, this only represents the more brutal and direct side of the hostility that art has the capacity to provoke.

    Our free democratic system has other ways of showing its hostility to art. Instead of banning art, the politicians and the state promote it on a gigantic scale, devoting vast resources to official art administration in museums, exhibition buildings, arts associations, giant exhibitions, festivals and congresses, and through an unconscionable deluge of publications – not to speak of the positively criminal subvention of the theatre. By these and countless other measures, art is warped, crippled, buried and murdered, replaced by mammoth quantities and mammoth sums of money.

    Hosts of artists trained in this way work for a system wholly dedicated to administration and entertainment; it is they, more than anyone, who help to prevent and destroy art.”

    Gerhard Richter, Notes, 1984 [!]

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  12. milena burzywoda 5. Oktober 2017

    Sehr geehrter Herr Ullrich,
    Ich schaffe es einfach nicht, Ihre oben erwaehnten Essays,
    z.Bsp. den ueber Kunst mit Fluechtlingen (https://ideenfreiheit.wordpress.com/2016/06/20/essay-kunst-fluechtlinge-gewissensdienstleistung-statt-empathie/)
    mit den Inhalten von „Dekor und Diskurs“ in Einklang zu bringen.

    Wenn ich das richtig sehe, so haben sie den Text ueber ‚Fluechtlingskunst‘ im Jahr vor dem Dekor Essay geschrieben.
    In ersterem dekonstruieren Sie -und erklaeren als wirkungslos- den einen der zwei der Pole (Diskurs), auf den Sie dann aber wieder in letzterem Essay Ihre Analyse der Zukunft von Kunst und Kunstschulen aufbauen. Sie nehmen also in letzterem Ihre eigene Einsicht ueber die soziale und politische (Un-)Wirksamkeit von Fluechtlingskunst wieder komplett zurueck. WARUM? Ist das nicht genauso, als wuerden Sie, oder jemand, sagen: „Plastik ist sagenhaft erfolgreich auf dem Markt und in unserer Umwelt, gar bis in die Fundamente unseres Daseins, bis hin zur Infiltrierung von Wasser mit ‚plastic micro beads‘ und dadurch unserer Nahrungskette – und darueber freuen sich so sooo viele, weil es macht ja Geld, und Geld ist real, und Wasser auch! Daher kann man auf gar keinen Fall Plastik als katastrophal darstellen!“

    Man muss ja schliesslich „ein differenziertes Bild“ liefern !???

    Really?

    Das fatale an dieser Art der Praesentation der Situation von Kunst und Kultur, die meiner Meinung nach genauso ernst ist wie der Abgrund vor dem wir durch unsere aktive Naturzerstoerung stehen ist, dass Sie damit die Ernstheit der Lage verschleiern.

    BEIDE POLE -Dekor und Diskurs- die Sie als fundamental tragend fuer ihre Analyse der Zukunft von Kunst und Kunstschulen darstellen, sind REINE SCHEINWELTEN. Es sei denn, man zaehlt das Geld dazu, dass natuerlich SEHR reale Wirksamkeit hat. Aber ist das die Ebene auf der wir jetzt die Situation unserer Kultur diskutieren wollen? Die Trumps dieser Welt sehen das ja genau so. Und mit aus diesem Grund sind wir ja genau in dieser mehr als besorgniserregenden Lage.

    Die Unschaerfe der Begriffe im zeitgenoessischen Diskurs, die auf purem Schein aufgebaute zeitgenoesschische ‚Kunst‘ -entweder explizit schoener teurer Schein (Dekor), oder scheinbar politisch, scheinbar sozial wirksam, und daher SCHEINBAR REAL- verlangt unbedingt einer Klaerung- dieser Schein AN SICH, so offensichtlich er auch ist, muss blossgestellt werden. Das wuerde dann wirklich endlich ein wirklich „differenziertes Bild“ liefern.

    Das Verstaendis dessen was ‚autonome‘ Kunst ist, oder sein koennte, ist direkt verknuepft mit unserer Auffassung dessen, was es bedeutet, sich in der kuenstlerischen Arbeit mit ‚Realitaet‘ zu befassen.

    Im Moment ist die Definition von Begriffen wie „Realitaet‘ , ‚Relevanz‘ , ‚Wirksamkeit“, „Fiktion“ usw. den Rezeptoren der zeitgenoessischen Kunstwelt ueberlassen (schlechte Kunstkritiker, oberflaechlich arbeitende und schlichtweg faule Journalisten, Kuratorengeschwafel usw.). Ist Ihnen einmal aufgefallen, dass dies alles Begriffe sind, fuer die sich diese Kunst selbst ueberhaupt NICHT interessiert! Mir faellt nicht eine einzige zeitgenoessische Arbeit ein, die sich mit damit auseinandersetzen wuerde! Ist das nicht merkwuerdig? Es wird einfach ALLES von vorneherein als Realitaet vorausgesetzt- eben wegen der nun totalen Kongruenz von Kunst und Leben, die der heutige Standard ist.

    Die Gleichzeitigkeit von dem Verschleiern und Ignorieren dieser Begriffe (und damit natuerlich ihrer INHALTE und potentiellen Fragen), und dem Verdraengen der sogenannten „autonomen Kunst“ aus der oeffentlichen Kunstwelt ist NICHT zufaellig.

    Die aeussere Kontur der von der Oeffentlichkeit abwesenden autonomen Kunst ist damit klar umrissen.

    p.s.
    Auch wenn ich die Aufteilung in ‚Dekor und Diskurs‘ fuer die Diskussion sehr hilfreich finde, so ist meine /unsere artistunderground Sicht der Lage eine andere. ‚Dekor und Diskurs‘ fuegen sich jedoch problemlos in unsere eigene Analyse ein:
    https://www.artistunderground.co.uk/the-main-art-market-strategies

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  13. milena burzywoda 5. Oktober 2017

    PS
    Die Gleichsetzung von Kunst mit Realitaet macht das, was als Kunst so produziert wird also dennoch nicht real, eben WEIL es dann DOCH wieder Kunst sein soll. Der KunstMARKT braucht genau diese Art von ‚Kunst‘, daher ist es auch gar nicht wuenschenswert, dass  Kuenstler irgendwann wirklich zu reinen sozialen und politischen Aktivisten in der ‚realen‘ Welt werden und somit echte Wirksamkeit erlangen. Der Kunstmarkt braucht die Realitaetsleere der Arbeiten die -weder Kunst noch Wirklichkeit- nur leere Huellen sind und sein muessen.]

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