Katalogtext über Fritz Schwegler

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Fritz Schwegler: Effeschiade 188 
(„Ausschlaggebender schwarzer 
Damenfuß“), 1969

Für den Katalog zur Ausstellung „Fritz Schwegler“, die am 10. November 2016 in der Kunsthalle Mannheim eröffnet wurde, habe ich einen Beitrag verfasst. Unter dem Titel „Ende der Inkubationszeit“ interpretiere ich Schwegler darin als einen Künstler, dessen Werk ausdrücklich darauf angelegt ist, inspirierend auf andere zu wirken. Seine in sogenannten ‚Urnotizen‘ gefassten Bildeinfälle übertrug er nicht nur selbst wiederholt in andere Formen und Medien, sondern sah sie vor allem auch als Partituren an, nach denen andere Menschen ihrerseits bildnerisch tätig werden können. Bestenfalls sollten seine Urnotizen so nach und nach zu „Volkseigentum“ werden.

Damit war Schwegler einerseits ein Zeitgenosse von Künstlern wie Joseph Beuys oder Franz Erhard Walther, die ebenfalls versuchten, passive Rezipienten zu eigener schöpferischer Tätigkeit zu ermächtigen, lässt sich andererseits aber auch als Vorläufer einer Kunstvermittlung ansehen, bei der es darum geht, Impulse von Werken aufzunehmen und in praktische bildnerische Aktivitäten zu übersetzen:

„Erst recht wollte Schwegler Laien erreichen. Selbst Ausstellungseinladungen, die auf der einen Seite Urnotizen abbilden, nutzte er, um rückseitig dazu aufzufordern, diese umzusetzen und ihre „Realisation mitzubringen oder zuzuschicken“. Er wollte die Etüden des Publikums sogar „mit ausstellen“, ja schätzte sie offenbar nicht geringer als seine eigenen Fassungen, attestierte er ihnen doch, sie seien etwas, woran man „womöglich sich erfreut und was lernen kann“. Damit spielt er auf das ‚delectare et prodesse’, also eine traditionsreiche Funktion der Kunst an; zugleich beschwört er die Freiheit, die in Gefahr sei, würde man Gutes nicht teilen.“

War es in den 1970er Jahren, als Schwegler sein Konzept entwickelte, oft noch schwierig, Bildideen aufzugreifen und variiert umzusetzen, haben sich die Verhältnisse infolge von Digitalisierung und Sozialen Medien grundlegend geändert:

„Innerhalb weniger Jahre hat sich hier eine Bildkultur etabliert, die tatsächlich „Volkseigentum“ ist. An die Stelle eines Urheberstolzes tritt die Freude, andere inspirieren zu können, gute Bildideen verbreiten sich wie Witze oder Redewendungen und alle, die sich an dieser Form der Kommunikation mit Bildern beteiligen, fühlen sich in einen Zustand versetzt, in dem sie mehr Freiheit und Möglichkeiten besitzen als sonst. Vermutlich ist das jedoch erst der Beginn eines großen neuen Kapitels in der Geschichte der Bilder – eines, in dem die stärksten unter ihnen nicht mehr darüber definiert sind, Kunst zu sein, sondern in dem sie jenseits von Originalitätskult, Urheberrecht und Markt als „Stücke zum Glücke“ fungieren. Fritz Schwegler ließe sich als geistiger Schirmherr dieser Entwicklung würdigen. Die Inkubationszeit seines Programms ist jedenfalls vorüber, für die Urnotizen gibt es endlich einen Ort, an dem sich ihre Bestimmung erfüllen kann.“

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GORSAD.KIEV, auf: http://gorsadkiev.tumblr.com/image/92465247555, 2015

 

Den vollständigen Katalogtext gibt es unter schwegler-mannheim.

Im Frühjahr 2016 veröffentlichte ich bereits in der ZEIT einen Beitrag über Fritz Schwegler als Lehrer, der hier nachzulesen ist.

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