„Architektur & Werte“ (Vortrag)

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Beim Jahresempfang 2017 des Bundes Deutscher Architekten BDA, Landesverband Baden-Württemberg, durfte ich am 6. Februar 2017 den Festvortrag halten. Er stand unter dem Titel „Architektur & Werte. Über ein ganz und gar nicht triviales Verhältnis“.

Hier einige Thesen:

„Blickt man etwas genauer darauf, wie die Werte sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Größen sowohl im philosophischen Diskurs als auch in der Umgangssprache etablierten, ja wie zunehmend mehr Themen der Ethik und Politik als Wertefragen reformuliert wurden, fällt eine Sache besonders auf. So werden Werte generell – nicht nur in Bezug auf Architekten oder Gestalter – als etwas beschrieben, das immer erst umgesetzt, verkörpert, verwirklicht werden muss. Ohne möglichst vielfältige Weisen, sich zu ihnen zu bekennen und sie real werden zu lassen, erlangen sie keine Verbindlichkeit. Anders als eine auf Tugenden oder Pflichten gegründete Ethik, bei der es

um die Erfüllung vorgegebener Ideale geht, bedarf eine Werteethik also vor allem anderen schöpferischer Individuen – Menschen, denen es gelingt, den Werten überhaupt erst Gestalt und Inhalt zu verleihen, ihnen Sichtbarkeit und Geltung zu verschaffen: sie zum Ausdruck zu bringen.“

„Politikern ist vorzuhalten, dass sie es sich zu einfach machen, wenn sie glauben, es genüge, Werte pauschal und in standardmäßigen Statements ins Feld zu führen. Vielmehr müssten sie sich zu einzelnen Werten bekennen – und das auf eine Weise, dass für möglichst viele Menschen eindrücklich erlebbar wird, was ein bestimmter Wert bedeutet, warum es sich lohnt, dafür einzutreten, was es für eine Leistung darstellt, ihn zum Ausdruck und damit zur Geltung zu bringen. Daher kann ein Bild, eine einzige überraschende Geste in der Politik, eine schlagfertige und situationssensible Äußerung so wichtig und wahlentscheidend sein, daher ist auch Authentizität in der Erscheinung so wichtig, denn das alles zeugt von Einsatz und Verkörperung.“

„Man darf mutmaßen, dass die heutige Politikverdrossenheit sowie die Abkehr vieler Menschen von Parteien der demokratischen Mitte einen Grund darin hat, dass zwar allenthalben mehr denn je von Werten die Rede ist, aber gerade das, was diese fordern, nämlich (im weitesten Sinne) schöpferische Leistungen, dank derer sie überhaupt erst real werden können, oft unterbleibt. Hier offenbart sich eine Kehrseite der Karriere, die die Werte gemacht haben: So sehr es manche Menschen beflügeln mag, wenn kreatives Tun zugleich als moralisches Tun angesehen wird, so sehr ist es eine Gefahr, wenn die Grundlage der moralischen Ordnung dadurch hohl wird, dass vor allem in der Politik selbst zu wenig kreatives Tun stattfindet.“

„In einer Kultur, in der so vieles zur Frage von Werten erklärt wird, ergeht zugleich an mehr Menschen denn je der Imperativ, selbst schöpferische Leistungen zu erbringen. In einer solchen Kultur werden Architekten auf einmal zu großen Leitfiguren und Vorbildern. Da in ihrem Fall unstrittig ist, dass sie Werte zum Ausdruck bringen können, richten sich Blicke und Hoffnungen vermehrt auf sie. Sie sollen – in Verbund mit anderen Gestaltern und Kreativen – die ersehnte Verbindlichkeit für Werte schaffen, sollen ihnen zu Wirksamkeit verhelfen, egal ob es um Nachhaltigkeit, um Freiheit oder um Toleranz geht.“

„Doch könnte es nicht zur Belastung werden, wenn den Architekten die Verantwortung für die Vitalität der moralischen Kultur nicht nur zugetraut, sondern auch zugeschoben wird? Werden sie nicht dazu gedrängt, das Ausdrücken von Werten noch viel ernster zu nehmen? Und ist die zwangsläufige Folge davon nicht eine Bekenntnisarchitektur, eine Architektur demonstrativer Gesten, mit denen jeweils bestimmte Werte sichtbar gemacht und zu Geltung gebracht werden sollen? Tatsächlich neigt eine Kultur, in der vieles zu einer Frage von Werten erklärt wird, nicht nur zu mancher zombiehaften Moraldiskussion, sondern andererseits genauso zu bekenntnishaften, expressiven, lauten Inszenierungen, die über das Ziel hinausschießen und somit letztlich ebenfalls Überdruss oder gar Ablehnung erzeugen können.“

Und hier der gesamte Vortrag zum Nachlesen.

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