„Essen als Konfession“ (Radio-Essay)

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Im SWR 2 wurde am 13. Februar 2017 mein Essay „Essen als Konfession“ gesendet, in dem ich mich mit zeitgenössischen Formen des Umgangs mit Ernährung auseinandersetze. Mich interessiert die Aufwertung des Essens zu einem Medium für Bekenntnisse und zu einem Ort der (Selbst)inszenierung. Hier ein paar Thesen:

„Auf der Video-Plattform „YouTube“ finden sich unzählige Videos von Menschen, die von ihrer Ernährungsumstellung berichten und den Zuschauern Mut machen, sich auf denselben Weg zu begeben. Oft handelt es sich, wie auch sonst bei YouTubern, um junge Leute – 16-, 18-, 20-jährig –, die sich in absoluter Ernsthaftigkeit Video um Video mit ihrer Ernährungsumstellung befassen: Ausführlich legen sie die Gründe dar, warum sie vegan geworden sind oder künftig komplett auf irgendetwas verzichten, äußerst gewissenhaft beschreiben sie alle Veränderungen, die sie infolge ihrer neuen Ernährungsgewohnheiten verspüren, nicht ohne Pathos schildern sie die – oft ablehnenden – Reaktionen von Familienmitgliedern und Freunden, durch die sie zu Außenseitern werden. Wer sich daran erinnert, welcher Habitus unter Jugendlichen noch vor zwei, drei Generationen üblich war, kann nicht aufhören, sich über das Auftreten der Ernährungsumsteller zu wundern. Statt mit Drogenerfahrungen, Exzessen und Mutproben anzugeben, ja statt mit Ausnahmezuständen zu sympathisieren und sich draufgängerisch zu geben, beschwören sie einfach ein gesundes Leben. Voller Genugtuung teilen sie mit, wovon sie sich befreit haben und wie sie dadurch bei sich selbst angekommen sind. Überschüssige Kräfte werden nicht ausgelebt oder geradezu mutwillig vernichtet, indem man beim Essen und Trinken über die Stränge schlägt, sondern man haushaltet vernünftig damit, hegt und pflegt sie, sorgt sich bei jeder kleinen Übertretung.“

„Ist es nicht so, dass bezogen auf ihren Stoffwechsel hypersensibel gewordene Individuen selbst zu Akteuren einer Biopolitik werden, die von der Idee beherrscht ist, der eigene Körper sei fortwährend bedroht und müsse vor bösen Einflüssen geschützt werden? Die Angst vor falscher Ernährung ist von einem Denken gespeist, das streng zwischen dem Eigenen und dem Fremden unterscheidet und gegenüber allem, was von außen kommt, zuerst mit Misstrauen und Abwehr reagiert. Die Sorge um den Stoffwechsel ist also weitergehend eine Sorge um stabile, gut kontrollierte Grenzen, und Menschen, die sich über Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Inhaltsstoff-Intoleranzen definieren, könnte unterstellt werden, eine ähnliche Mentalität wie diejenigen zu haben, die aus Angst vor Überfremdung gegen eine multikulturelle, offene Gesellschaft zu Felde ziehen. Nur dass einmal der eigene Körper, im anderen Fall die gesamte Kultur – für manche auch der Volkskörper – als gefährdet erscheint und zum Gegenstand xenophober Reflexe wird. Die Beschwörung des Echten, Authentischen, Reinen sollte also zu denken geben, und wer sieht, wie viele Jugendliche mittlerweile nicht nur Videos über Ernährungsumstellung und Entgiftung drehen, sondern auch sonst viel Zeit und Engagement darauf verwenden, einen passenden Ernährungsstil zu finden, sollte sich bewusst sein, dass die hierbei eingeübten Denkmuster genauso dazu geeignet sind, etwas als fremd Empfundenes zu denunzieren und eine auf Abgrenzung und Reinhaltung angelegte Identitätspolitik zu betreiben. So wie die Protagonisten der 68er-Bewegung die Überzeugung vertraten, auch und gerade das Private sei politisch, ließe sich mittlerweile also konstatieren, dass Essen und Trinken zumindest nicht länger unpolitisch sind.“

„Die Einzigartigkeit der fotografischen und symbolischen Omnipräsenz, die das Essen in der gegenwärtigen Kultur erlangt hat, lässt sich nicht einmal damit relativieren, dass man etwa auf die jahrhundertelange Tradition der Stilllebenmalerei verweist, in der neben Büchern, Kerzen und Geschirr vor allem auch Essen und Trinken beliebte Sujets waren. So handelte es sich bei Stillleben fast immer um Reflexionen über den Wert des Materiellen – um Denkbilder, die Wohlstand würdigen oder vor Vergänglichkeit warnen, beim Betrachter also Empfindungen von Demut und Bescheidenheit wecken sollten. Sie selbst waren ihrerseits oft ein kostbarer materieller Besitz und damit einer Elite, einem kleinen Milieu reicher und gebildeter Menschen vorbehalten. Zudem tauchen auf alten Stillleben fast nie fertige Gerichte, sondern Zutaten und Grundnahrungsmittel auf; höchstens sieht man gebackenes Brot, Kuchen oder Pasteten auf ihnen. Das mag damit zu tun haben, dass ein gekochtes Essen nicht so lange sein Aussehen hätte bewahren können, bis ein Künstler es abgemalt gehabt hätte. Es könnte aber auch daran liegen, dass es als unpassend und zweckentfremdend, gar als Sakrileg empfunden worden wäre, etwas vor allem deshalb zu kochen, damit es dann als Sujet für ein Gemälde fungiert. Es hätte dem lange Zeit selbstverständlichen Grundsatz „Mit Essen spielt man nicht“ widersprochen. – Ein starkes Indiz für die Existenz eines ziemlich strengen Abbildungstabus, was Speisen anbelangt, liefert die Geschichte der Fotografie. Denn obwohl es schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts gut möglich gewesen wäre, gekochte Speisen aufzunehmen, hat sich kein entsprechendes Bildgenre entwickelt. Während sich fast alle heute üblichen Gattungen der Fotografie sehr schnell durchsetzten und man dafür zum Teil sogar großen technischen Aufwand in Kauf nahm, blieb das Essen rund ein Jahrhundert lang als Sujet komplett ausgespart. Erst ab den 1920er Jahren trifft man vereinzelt auf erste Kochbücher, in denen Speisen abgebildet sind, damals aber meist, um zu veranschaulichen, wie sie angerichtet und serviert werden können. Es geht also mehr um Geschirr und Tischdekoration als um Konsistenzen und Details der Zubereitung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, die vom Wirtschaftswunder, von technischem Fortschritt und einer Verweltlichung vieler Lebensbereiche geprägt war, wird es zum Standard, Kochbücher zu bebildern, aber ebenso in Zeitschriften oder auf Kochkarten zunehmend professionell fotografierte Speisen zu präsentieren. Nur unter Bedingungen des Wohlstands hat es also nicht Frivoles mehr, wenn Lust auf das Kochen und Mut zum Ausprobieren neuer Gerichte gemacht wird. Es dauerte dann nochmals ein paar Jahrzehnte, bis nicht nur spezialisierte Fotografen Speisen inszenierten, sondern bis daraus eine alltägliche Praxis vieler Nutzer von digitalen Kameras und Smartphones wurde.“

Und hier der gesamte Essay zum Hören und Lesen!

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