Deko und Diskurs

Bildschirmfoto 2017-07-19 um 12.10.13

Bei Perlentaucher habe ich einen Essay veröffentlicht, in dem ich darüber spekuliere, ob in der Kunst so etwas wie ein Schisma bevorsteht. Gerade die jüngsten Erfahrungen des ‚Superkunstjahrs 2017‘ bewegen mich dazu. Wird man also auch in zehn Jahren noch von einem Superkunstjahr sprechen?

„Selbst und gerade wenn die Preise auf Großmessen dann noch höher und die kuratorischen Botschaften auf Großereignissen noch lauter und politischer als heute sein sollten, könnte es sein, dass niemand mehr ein Superkunstjahr erkennen kann. Und dies aus dem einfachen Grund, dass eine Documenta und eine Art Basel – allgemeiner: ein kuratorisches und ein kommerzielles Event – nicht mehr gleichermaßen als Kunstveranstaltungen wahrgenommen werden. Tatsächlich scheint mir vorstellbar, dass innerhalb der bildenden Kunst ein Schisma stattfindet, weil sich all das, was bisher noch unter ‚Kunst‘ gefasst werden konnte, immer weiter auseinanderentwickelt. Ein Schisma – das hieße, dass sich einzelne Teile des Kunstbetriebs abspalten, sich institutionell verselbständigen, sich nicht mehr miteinander verbinden lassen.“

Warum das so sein könnte und was es bedeuten würde, ist hier zu lesen!

Comments 5

  1. Mynah Plate 23. Juli 2017

    Mir fehlt in Ihrem Essay noch die dritte Bedeutung von „Kunst“, die mir am wichtigsten ist, vielleicht ist es die traditionelle. Es geht der Künstlerin dabei weder darum, reich und berühmt zu werden, noch die Welt zu verändern. Sie folgt vielmehr einem Ruf oder einer Berufung, zu gestalten, einer Vorstellung von Qualität, den Forderungen der Arbeit selbst. Genau wie auch Musiker mit ihren Instrumenten immer dazulernen, sich der Musik zur Verfügung stellen. Die Künstlerin sucht ein Publikum für ihre Arbeiten, weil sie eine Resonanz braucht. Musik will gehört werden, Bilder wollen gesehen werden. Oder ist es das, was Sie mit „die Welt verändern“ meinen? Es gibt ein Scheitern und ein Gelingen an den Ansprüchen der Kunst. Diese Ansprüche ergeben sich aus der Vergangenheit, aus der Dialektik der Betrachter mit den Bildern und aus dem Arbeitsprozess der Künstlerin.

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    • wolfgangullrich 25. Juli 2017

      Danke für Ihren Kommentar! Die dritte Bedeutung von Kunst, die Sie ansprechen, scheint mir genau die Tradition autonomer Kunst zu sein, auf die ich auch eingehe. Es ist die Spielart, die heute offenbar vielfach nicht mehr als relevant genug empfunden wird – und dies, gerade weil sie autonom ist und damit vermeintlich nicht genügend Realitätsbezug (zu Markt oder Politik) hat. Autonome Kunst verstand sich ja immer als Alternative, Parallele, Jenseits zur realen Welt – als Fiktion -, aber eben das erscheint heute vielen eher als Schwäche, als Zeichen von Impotenz.

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  2. Milena Burzywoda 27. Juli 2017

    Danke fuer den Artikel, den ich mit grossem Interesse gelesen habe. Dass die Kunstwelt heute angetrieben wird von Kraeften, die an sich nichts mehr mit Kunst zu tun haben scheint mir mit einer der wichtigsten Punkte, der bislang in der oeffentlichen Debatte kaum wahrgenommen worden ist. Dennoch glaube ich, dass Sie die Lage nicht ganz klar sehen, dass Sie etwas uebersehen, und das hat damit zu tun, dass die eigentliche und wirklich dramatischste, folgenreichste Aufspaltung, die sich vor allem in den letzten 20 Jahren vollzogen hat, die Aufspaltung zwischen oeffentlichem und privaten Kunst-Schaffen ist, quasi in ein ‚Oben‘ und „Unten‘, wobei das Schisma, das Sie beschreiben, exklusiv im ‚oberen‘ Bereich stattfindet. Und dort ist meiner Meinung nach die Unterscheidung in die eine oder andere Faktion eigentlich gar nicht so wichtig. Ich glaube Sie gehen fehl, weil Sie vom dem Begriff einer ‚autonomen Kunst‘ ausgehen, der jedoch das, was diesen ‚underground‘ Bereich, den Sie nicht sehen, nicht greift. Dass Sie diesen Bereich nicht wahrnehmen, hat genau mit dieser Aufspaltung zu tun: das, was in der nicht-oeffentlich Sphaere stattfindet tritt logischerweise nicht zutage. Ich moechte Sie auch daran erinnern, dass Sie selber nicht kuenstlerisch arbeiten, Sie also nicht aus dieser Perspektive denken und sehen koennen. Die Notwendigkeit des Kuenstlers, in den Untergrund zu gehen, sich selbst und die eigene Arbeit nicht mehr der Oeffentlichkeit preiszugeben hat damit zu tun, dass diese Kuenstler konsequent und konzentriert sich wirklich den fundamentalen Fragen unsere Zeit zuwenden – und nicht nur scheinbar und oberflaechlich wie dieser ganze Quatsch, den man heute als ‚politically correct‘ und daher als Kunst bezeichnet. Quantenphysik, Informationsrevolution, Topologie, Kosmologie sind nur einige der Themen, denen sich Kuenstler in Tiefe und Konzentration zuwenden, weil dort die tiefsten Umwaelzungen stattfinden, die unser Verstaendnis von der Natur unserer Realitaet kontinuierlich und auf dramatischste Weise neu in Frage gestellt werden. Diese tiefe, auf Wissen und konzentriertem Studium basierte Auseinandersetzung veraendert das eigene Weltbild, die eigene Sprache und wirft damit neue Moeglichkeiten der Fragestellung in der kuenstlerischen Arbeit auf. Die eigene Arbeit UND die Geschichte der Kunst sind gemeinsam ein festes Gedankengebaeude oder -system, eine Art ‚Maschine‘ durch die man Fragen aus anderen Bereichen filtern lassen kann, und auf diese Weise nicht nur die Auseinandersetzung mit den oben genannten Themen vertiefen, sondern umgekehrt die eigene kuenstlerische Arbeit messen kann. Dabei ist die Frage nach Standards essentiell, auch Standards, die in der Kunstgeschichte von bestimmten Werken gesetzt wurden. Soll man diese art von Aktiviataet ‚autonome Kunst‘ nennen? Das Publikum und der oeffentliche Diskurs finden auf einem Niveau statt, das schlichtweg nicht dazu ausgestattet ist, diese Art von Arbeit ueberhaupt zu rezipieren. Der oeffentliche Raum ist dermassen kontaminiert, dass es auch gar nicht ratsam ist, das Auftauchen nach Oben zu wagen. ‚Underground artists‘ haben wenig Hoffnung, dass sich an dieser Lage etwas fundamental aendern wird. Ich schreibe ihnen also quasi von „Unten‘, unendlich gelangweilt davon, was in der oberen Sphaere fuer ein Spektakel stattfindet. Sagen Sie mir nicht, dass es diesen unteren Bereich nicht gibt – ich befinde mich mittendrin!

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