Die Wiederkehr der Schönheit. Über einige unangenehme Begegnungen

Am 27. Oktober 2017 hielt ich innerhalb der Tagung „Ästhetik und Rhetorik des Common Ground“ an der Universität Siegen einen Vortrag, der einige Denkfiguren und Inszenierungsstrategien der rechten Identitäten Bewegung analysiert. Diese werden dabei auch mit anderen zeitgenössischen und historischen Positionen der Philosophie und des Politaktivismus in Beziehung gesetzt.

Bildschirmfoto 2017-10-26 um 23.24.25

„[…] Der wohl am weitesten verbreitete Topos in den Blogs, aber auch bei anderen Verlautbarungen der Identitären Bewegung ist der Wald. Die Art und Weise, wie Martin Sellner die germanischen Urwälder aufruft und in ihnen die Urbilder gotischer Kathedralen, aber auch Orte einer unzivilisierbaren Wildheit sieht, war schon seit der Romantik beliebt und diente oft als Motiv innerhalb einer Geschichtsideologie, die meist ebenso reaktionär wie adventistisch darin bestand, eine Zukunft zu beschwören, die eine Wiederholung einer idealisierten Vergangenheit sein sollte. […] Auf denselben Wald-Topos bezog sich auch Ernst Jünger, als er 1951 seinen Essay Der Waldgang publizierte, in dem er die Figur des Waldgängers entwickelt. Der Waldgänger steht in Opposition zum Mainstream, zu Gegenwart und Zivilisation, zu den herrschenden Mächten der Politik, Wissenschaft und Technik. Er ist es, der sich abwendet, der sich – metaphorisch – in den Wald zurückzieht, als ‚Einzigster’, als Elite und Vorhut einer neuen Zeit, auf die er wartet, während er sich im geheimen Bund mit anderen Waldgängern zum Widerstand rüstet. Waldgänger träumen, so Jünger, von einer „künftigen Epoche“, in der „die Tyrannis von Parteien und fremden Eroberern“ überwunden ist und „in gesunden Völkern“ sich „die elementare Freiheit“ wieder Bahn bricht. Der Widerstand des Waldgängers sei „absolut“, er kenne „keinen Pardon“.“

Der Vortrag ist nachzulesen auf den Seiten der Pop-Zeitschrift.

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  1. Ernst Mayer 2. Dezember 2017

    Wo im Kunstwerkaufsatz spricht Heidegger von „Schönheit“? Muss man nicht vielmehr sagen, dass gerade er die Kunst von der Forderung nach „Wohlgefallen“ befreit? Was ist denn mit dem „Stoß“ wirklich gemeint? Eine Wirkung des Erhabenen, gar faschistoide Überwältigung? Oder doch nicht vielmehr ein Moment der Irritation, in der bisher als selbstverständlich geltende Weltverständnisse in Frage gestellt werden? Umgestoßen, so Heidegger, wird das „bislang geheuer Scheinende“. Ist das nicht gerade eine Kritik an einer (etwa politischen) Kunst, die nichts anderes macht, als die Verständnisse einer Gruppe zu bestätigen? Ist das “ Ungeheure“ nicht gerade das, was jegliche Propaganda zu verdecken sucht? Ist das, was Heidegger „Wahrheitsgeschehen“ oder „Streit zwischen Welt und Erde“ nennt, denn wirklich etwas anderes, als das „Spiel der Erkenntniskräfte“? Oder ist dieser Streit nicht vielmehr gerade eine viel präzisere Interpretation eben dieses Spiels? Präziser darin, dass Heidegger nicht von einer kantischen Harmonie ausgeht, sondern eben vielmehr von einer Irritation unserer Erkenntnisvermögen, die herausgefordert werden durch das Unverständliche, das „Ungeheure“? Das Kunstwerk, das wir interpretieren, fordert uns zu eben diesem Wechselspiel zwischen Verständnissen (Welt) und spezifischer Materialität (Erde), welche durch die Formgebung (Riss) nicht mehr in den bisherigen Verständnissen aufgeht, heraus. Eben dieses Wechselspiel ist doch ein „Geschehen“, in dem uns bestimmte Dinge klarer werden. Eine ideologisch schon vorgeprägte Kunst, deren Elemente in einem einheitlichen Sinn bereits aufgehen, fordern nicht zu einer solchen Infragestellung bestehender Verständnisse auf. Mit Heideggers Kunstwerkaufsatz kann man keine politische Ästhetik beschreiben, sondern vielmehr eine grundsätzliche Ablehnung derselben.
    Nur weil ein rechter Jüngling mit Bachelor (Sellner) meint, nach ein paar Semestern Grundstudium etwas über Heidegger sagen zu können, heißt das noch lange nicht, dass diese Selbsteinschätzung auch zutrifft. Man muss vielmehr daran arbeiten, zu zeigen, wie sehr dieses identitäre Gewäsch an der Oberfläche der hölzernen Sprache Heideggers herumlaboriert. Gerade der Kunstwerkaufsatz macht doch etwa das Projekt der Dekonstruktion erst möglich, indem in ihm die Differenz zwischen Konzepten und Wirklichkeit (Welt und Erde) und die Wahrheit als niemals vollständige, abgeschlossene und überschaubare gedacht werden. Gerade die ontologischen Differenz und das Denken der Verborgenheit, die in der Wahrheit als „Un-Verborgenheit“ immer konstitutiv bestehen bleibt, sich nicht auflösen lässt, ist doch das beste Instrument gegen jedes identitäre Denken.

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