Werte muss man sich leisten können – der neue Moraladel

In einem Gastkommentar im Feuilleton der NZZ gehe ich, ähnlich wie schon in meinem Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“, sowohl der Attraktivität als auch der Gefahr nach, die eine Wertethik kennzeichnet. Sich zu Werten zu bekennen und danach zu handeln, verheißt Selbstverwirklichung und Individualität, es lässt die moralische Persönlichkeit als kreative Leistung erscheinen. Aber es heißt auch, dass diejenigen, die mehr Möglichkeiten als andere haben, ihre Werte zu leben, allein deshalb, weil sie reicher, gebildeter, begabter sind, auch moralisch überlegen erscheinen.


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Francesco de Pesellino: Die sieben Tugenden (ca. 1450) – Dieses Gemälde zeigt beispielhaft die Vorstellung von Tugenden als etwas, das als feststehendes Ideal über den Menschen steht. Man hat sich an ihnen zu orientieren, sie lassen dabei kaum Spielraum. Dagegen werden Werte als etwas angesehen, das immer wieder neu in Kraft gesetzt werden muss, dem Einzelnen aber auch viel Spielraum lässt.


„Wer eine nihilistische Diagnose stellt, also für die gesamte Gesellschaft einen generellen Verlust der Werte beklagt und deren Neubelebung fordert, aber auch wer sich um einzelne Werte kümmert, um individuell profilierter zu sein, vertritt gleichermassen die Überzeugung, dass Werte nur durch persönlichen Einsatz Geltung erlangen können. Solange sie nicht eigens verkörpert sind, bleiben sie abstrakt und leer. Diese Defizitunterstellung legt jedoch nicht nur eine Handlungsnotwendigkeit nahe, sondern verheisst vor allem einen Handlungsspielraum. Die Verkörperung und Realisierung von Werten verlangt und erlaubt jeweils eine Gestaltung: Hier ist Kreativität gefragt. […] [Das aber] führt dazu, dass diejenigen, die über keine Privilegien verfügen, die also nicht wohlhabend, gebildet und kreativ begabt sind und die daher jene Spielräume nicht zu füllen vermögen, sich immer wieder als Menschen zweiter Klasse erfahren müssen. Für sie stellt es einen grossen Nachteil dar, dass es unüblich geworden ist, die moralische Qualifikation an Tugenden oder Pflichten zu messen, sondern dass es vornehmlich darum geht, Werte umzusetzen. Denn um massvoll, gerecht, ehrlich oder rücksichtsvoll zu sein, braucht es weder Geld noch Begabung, ja nichts, worüber nicht jeder Mensch allein dadurch verfügt, dass er Mensch ist. Sind Tugend- und Pflichtenethiken ihrer Logik nach also egalitär, ist eine Wertethik im Gegenteil exklusiv. Sie ermöglicht es nicht allen Menschen gleichermassen, auch gute Menschen zu sein.“

Der Text ist hier nachzulesen.

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