Simon Fujiwara als Gewissenshändler

Im Kunsthaus Bregenz fand von Januar bis April 2018 die Ausstellung „Hope House“ statt – eine über vier Etagen gehende Installation von Simon Fujiwara, die dem Anne Frank Haus in Amsterdam gewidmet ist. In der Ausstellung traf ich auf etliche Themen, die mich in meiner eigenen Arbeit schon länger beschäftigen – Konsum, Werte, gutes Gewissen -, so dass sich aus meinen Gedanken dazu ein eigener Text ergeben hat, der hier veröffentlicht wird.

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Simon Fujiwara als Gewissenshändler

In der gegenwärtigen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft erlebt eine Praxis eine Steigerung und Vollendung, die in Religionen eine lange Vorgeschichte besitzt. Es geht darum, dem Menschen die Erfahrung zu vermitteln, sowohl schlecht und schuldig als auch gut und gerecht zu sein. In der protestantischen Theologie heißt das prägnant „simul iustus ac peccator“ („zugleich gerecht und Sünder“), und Martin Luther formulierte es noch anschaulicher, wenn er betonte, dass in jedem „zwei in ihrer Natur einander entgegengesetzte Menschen“ steckten.[1] Für ihn war diese Dualität auch unauflöslich: So sehr jeder fortwährend danach zu streben habe, von einem sündigen und schuldhaften Zustand in einen der Gerechtigkeit zu gelangen, und so sehr Luther dafür eine Haltung der Buße anmahnte, so sehr schloss er aus, dass es der Einzelne in der Hand habe, sich von Schuld zu befreien: Heil und Gnade können nicht verdient und schon gar nicht erkauft werden. 

Mit einer derart radikalen Auffassung widersetzte der Protestantismus sich jeglicher Form von Ablasshandel sowie der Überzeugung, man könne mit guten Werken, Spenden oder anderem weltlichen Einsatz zu einem gerechten und gerechtfertigten Menschen werden. Diese Überzeugung war vor der Reformation selbstverständlich, bestand jedoch – und bei weitem nicht nur in der Gegenreformation – fort. Nie mehr seit der Zeit vor der Reformation war sie so verbreitet wie heute, nun allerdings nicht mehr unter religiösen Vorzeichen. Statt von ‚Sünde‘ und ‚Gerechtigkeit‘ ist von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen auf der einen Seite und gutem Gewissen auf der anderen Seite die Rede.

Die Konsumwelt wurde in den letzten Jahrzehnten auf eine Weise verändert, dass es zum täglichen Geschäft vieler Menschen gehört, mit dem, was sie kaufen, zugleich etwas für ihr Gewissen zu tun. Wird in Zeiten, in denen der Gebrauchswert der meisten Dinge außer Frage steht, für eine Kaufentscheidung umso maßgeblicher, welcher Zusatznutzen damit einhergeht, so gibt es kaum Verheißungsvolleres, als sich durch einen Konsumakt von Schuldgefühlen zu befreien. Mit Fair-Trade-Produkten, mit der Unterstützung von Labels, die mit ihren Gewinnen Projekte in der Dritten Welt finanzieren, aber auch mit Spenden an Initiativen wie Atmosfair, die die negative CO2-Bilanz kompensieren, die man etwa mit Langstreckenflügen zu verantworten hat, kann man Geld in gutes Gewissen verwandeln.

Mittlerweile gibt es sogar so viele Möglichkeiten zum Konsum von Moral, dass manche Menschen einen Gewissenswohlstand anhäufen, der sie zu Hochmut gegenüber anderen verleitet und letztlich zu einer Spaltung der Gesellschaft beiträgt.[1] Außerdem wird das schlechte Gewissen damit zu einer knappen Ressource. Da aber viele Unternehmen davon leben, die Erlösung von Schuldgefühlen zu verkaufen, müssen sie für Nachschub sorgen und zunächst wiederum ein schlechtes Gewissen produzieren. Am besten vergegenwärtigt ein Hersteller also zuerst die Ausbeutung von Arbeitskräften, den Raubbau an der Natur oder die drohende Klimakatastrophe, um dann das eigene Produkt umso überzeugender als Heilmittel zu bewerben – und um den Kunden zu suggerieren, ihr Konsumakt sei eine moralische Handlung, durch die sie die Welt verbessern.

Der gut eingespielte Gewissenshandel erfährt weitere Dynamik, wenn man bei denjenigen, die ihre Schuldgefühle wegkonsumiert haben, protestantische Affekte zu wecken versteht, ihnen also neues schlechtes Gewissen bereitet, weil sie erkennen, dass es nicht reicht oder sogar zynisch ist, mit Geld oder dem schnellen Bekenntnis zu einer moralisch unumstrittenen Aktion zu gutem Gewissen gelangen zu wollen. Dieses neue schlechte Gewissen ist resistenter gegen Verwandlung in gutes Gewissen, kann man sich davon gerade nicht einfach freikaufen. Aber in einer diesseitigen Welt, in der menschliche Schuld nicht mit göttlicher Gnade zu heilen ist, lässt sich gegen das schlechte Gewissen nur mit bestimmten Formen des Handelns angehen. Auf etwas bewusst zu verzichten – statt etwas zu konsumieren –, ist die daraus resultierende Strategie, die etwa die Konjunktur des Veganismus oder des Minimalismus erklärt. Früher oder später sind die meisten jedoch wieder dazu zu verführen, etwas zu kaufen, weil man ihnen noch überzeugender als bisher klarmacht, dass sie damit die Welt verbessern können. Also verliert es auch nicht an Berechtigung, weiterhin auf protestantische Affekte zu setzen: Der Kreislauf der Verwandlung von schlechtem in gutes und wiederum in schlechtes Gewissen fließt umso intensiver.

Simon Fujiwaras Ausstellung Hope House machte diesen Kreislauf sichtbar: In ihr präsentierte der Künstler in der Tradition von Readymades Produkte und Geschäftsmodelle, die darauf abzielen, den Kunden von schlechtem Gewissen zu entlasten und mit Moralstolz zu erfüllen. Zu sehen waren etwa Artikel von Choose Love, einer Initiative, die dazu einlädt, online oder im Londoner Geschäft zu shoppen, wobei die eingekauften Produkte nicht dem Käufer geschickt werden, sondern Flüchtlingen zugutekommen („The world’s first store that sells real products for refugees“).

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Dagegen entwickelte Olafur Eliasson mit Little Sun eine Solarlampe, die nicht nur umweltfreundlich ist, sondern vor allem auch in Ländern ohne ausgebautes Stromnetz funktioniert; Projekte zu unterstützen, die ihre Verbreitung fördern, ist damit doppelt gut.

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Fujiwara zeigte ein Exemplar der Lampe seines Künstlerkollegen, präsentierte aber ebenso sein Werk Hailo Rondo, dessen Titel Bezug auf ein Abfalltrennsystem nimmt. Mit diesem lässt sich im Haushalt Mülltrennung perfektionieren und damit sogar das Wegwerfen als produktive Arbeit – als die Freigabe von Rohstoffen – erfahren. Dass Fujiwara das von ihm ausgewählte Modell mit Blattgold überzogen hat, macht die Überhöhung des Wegwerfens als Akt der Heiligung noch augenfälliger.

Ebenso bot Hope House eine Auswahl an Produkten, deren Konsum Schuldgefühle erzeugt, da mit ihnen Verschwendung oder Entwürdigung einhergeht oder den Konsumenten ihre eigene Unzulänglichkeit vergegenwärtigt wird. Dass der Luxus-Chocolatier Pierre Hermé Produkte vertreibt, die afrikanische Masken zum Vorbild haben, man sich diese also als süße Spezialität einverleiben kann, ist eine paradigmatisch koloniale Geste, die heutzutage niemand mehr ohne Gewissensbisse vollziehen kann. Erst recht haben Spielzeug-Panzer oder Sexpuppen von vornherein ein schlechtes Image; kaum jemand dürfte sie mit der Überzeugung kaufen, etwas Gutes zu tun, sondern wird wissen, damit fragwürdige – um Gewalt und Erniedrigung kreisende – Fantasien zu befriedigen.

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All diese und einige weitere Exponate zeigte Simon Fujiwara wie an einem ‚Point of Sale‘, tatsächlich aber in einem über drei Geschosse des Kunsthaus Bregenz sich erstreckenden Nachbau des Amsterdamer Anne Frank Hauses. Dieser Nachbau orientierte sich jedoch nicht an dem originalen Gebäude, sondern an einem Spielzeug-Bausatz, der im dortigen Museumsshop zu erwerben ist und dessen Teile Fujiwara auf die Originalgröße des Prinsengracht-Hauses vergrößern ließ. In jedem Geschoss des Kunsthauses waren eineinhalb Etagen des Anne Frank Hauses eingebaut. Das Display eines Shops verschränkte sich in dieser Gesamtinstallation mit den Elementen des Wohnhauses.

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Da das Anne Frank Haus zu den weltweit bekanntesten Sehenswürdigkeiten gehört, vor allem aber als Bekenntnisort fungiert, an dem Besucher ihr Entsetzen über den Holocaust demonstrieren können, spricht Fujiwara mit dem übergeordneten Sujet seiner Ausstellung einmal mehr die Erfahrung des Menschen an, gleichermaßen schuldhaft und moralisch sein zu können. So eignet sich ein solcher Ort besonders gut für eine kritische Selbstbefragung, ob man in einem Gewaltregime möglichweise selbst auf der Seite der Täter gestanden hätte; ebenso kann man hier eher als sonst die eigenen Lebensumstände – in einer von Frieden und Wohlstand geprägten Demokratie – als unverdient empfinden und deshalb Schuldgefühle entwickeln. Zugleich aber bekundet man mit dem Besuch den Willen, die Opfer nicht zu vergessen und vergleichbar Schlimmes nie wieder zuzulassen, zeigt sich also als Mensch mit Gewissen und Moral. Ein Eintrag im Besucherbuch oder ein Einkauf im Museumsshop kann schließlich sogar das Gefühl bereiten, nicht nur eine gute Gesinnung zu haben, sondern auch aktiv etwas Gutes zu tun. Fotos, die Besucher des Anne Frank Hauses etwa auf Instagram posten, zeugen nicht selten von dem Bestreben, sich als besonders engagiert-betroffen zu erweisen. Daneben gibt es aber auch Fotos von Besuchern, die sich angewidert von dem Shop zeigen und es in protestantischem Habitus für verkommen erklären, sich mit dem Konsum von Anne-Frank-Notizblöcken oder anderen Accessoires als guter Mensch hervorzutun.

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Simon Fujiwara richtete mit seiner Ausstellung Hope House seinerseits ein Setting ein, das protestantische Gefühle zu stimulieren vermochte. Die Art und Weise, wie er im Erdgeschoss Produkte des Amsterdamer Museumsshops ausbreitete, ließ diese als monströs erscheinen. Die Verbindung von Ladenästhetik und Gedenkstättenatmosphäre in den darüber liegenden Stockwerken konnte bei den Besuchern des Kunsthaus Bregenz zu Beklemmung führen, fühlte man sich doch dabei ertappt, im Wechsel von Produkt-Vitrinen und Wohnaccessoires letztere auch mit den Augen des Konsumenten zu betrachten. Dass Fujiwara die ärmliche Toilette der Frank-Familie aus den 1940er Jahren gegen das Modell Happy-D des Designers Philippe Starck ausgetauscht hat, verwischte die Grenzen von Konsum und Gedenken noch mehr und ließ den Besucher mit dem Gefühl zurück, einer Kommodifizierung sei nirgendwo mehr zu entgehen, der Kommerz habe alles erobert – auch und gerade die Orte, an denen es eigentlich um Moral und Gewissen gehen sollte.

Ebenso wurde man durch einige Arrangements der Ausstellung dazu gebracht, jede Form von Bekenntniseifer zu missbilligen. Dass Prominente von Hillary Clinton über Tim Cook bis hin zu Justin Bieber und Beyoncé den Besuch des Anne Frank Hauses dazu genutzt haben, sich ihren Fans als moralisch integer zu präsentieren, lässt sich als geradezu obszön gegenüber den Opfern empfinden, derer hier gedacht werden soll. So überdeckte Fujiwara die bescheidene Wand, an die Anne Frank einst Fotos und Erinnerungsstücke gepinnt hatte, mit den Autogrammkarten der Stars, die die Gedenkstätte heute besuchen. Ihr Drang, sich zum Guten zu bekennen, erschien auf einmal moralisch höchst fragwürdig, und auch die Besucher der Bregenzer Ausstellung konnten unsicher werden, ob sie nicht schon oft zu viel Energie auf ein schönes Bekenntnis, aber zu wenig auf uneigennütziges Handeln verwendet haben. Zudem machte Fujiwara – nicht nur in der Ausstellung, sondern noch deutlicher in  einem Vortrag über sein Projekt[2] – bewusst, wie sehr selbst Bekenntnisgesten in kommerziellen und konsumistischen Mechanismen gefangen sind: Mochte Beyoncé bewusst ein schlichtes, farbarmes Kostüm angezogen haben, als sie das Anne Frank Haus besuchte und dort Selfies für Instagram machte, so kam bei ihren Followern nicht diese dezente Geste an, vielmehr entfachten die Fotos den Wunsch, genau diesen Anzug besitzen zu wollen. Innerhalb einer Stunde war er weltweit ausverkauft.

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Simon Fujiwaras Ausstellung produzierte schlechtes Gewissen – und zwar eines, das sich einer einfachen Umwandlung in gutes Gewissen widersetzt hat. Aber auch hier gibt es einen Ausweg. Allein dadurch, dass es sich um eine Kunstausstellung handelt, besteht die Chance, sich nicht nur ertappt, sondern zugleich geläutert zu fühlen. Denn gilt die Beschäftigung mit Kunst nicht wie der Besuch einer Gedenkstätte als Zeichen von Sensibilität und Empathiefähigkeit? Und ist es nicht einer der ältesten Topoi der, dass Kunst reinigen und läutern kann? Deshalb finden Museen und Ausstellungshäuser auch nicht nur Zuspruch von Besuchern, die in der Begegnung mit Kunst nicht zuletzt ihr moralisches Bewusstsein weiterentwickeln wollen, sondern wecken ebenso das Interesse von Sponsoren, die sich Image-Vorteile erhoffen, wenn sie sich mit Geld zu Kunst bekennen.

Tatsächlich verdankt sich auch die Ausstellung Hope House dem Bedürfnis von Menschen sowie von Repräsentanten diverser Institutionen, mit Hilfe von Kunst die eigene Schuldbilanz aufzubessern. Ging man durch die Stockwerke des Kunsthaus Bregenz und vergegenwärtigte sich den materiellen und handwerklichen Aufwand, den es verlangt hat, den Spielzeug-Bausatz des Anne Frank Hauses in lebensgroße Dimensionen zu übertragen, ahnte man, wie viel gutes Gewissen Simon Fujiwara all denen ermöglicht hat, die daran als Sponsoren mitgewirkt haben. Mit ihrem ganz und gar nicht protestantischen Gewissenshandel haben sie zugleich eine Ausstellung unterstützt, die ihrerseits darauf zielte, protestantische Affekte zu wecken und zu stärken. Damit aber wurde nicht nur einmal mehr der Kreislauf zwischen der Produktion von gutem und schlechtem Gewissen geschlossen, er wurde sogar noch enger und vielschichtiger. Niemand, nicht einmal der Künstler selbst, kann ihm und seinen letztlich immer kommerziellen Spielarten entkommen. Und alle, gleich in welcher Rolle oder Einstellung sie mit Hope House zu tun hatten, erfuhren sich als Menschen, die sowohl schlecht und schuldig als auch gut und gerecht sind. Und sie wissen nun besser als zuvor, was es heißt, dass in jedem „zwei in ihrer Natur einander entgegengesetzte Menschen“ stecken.

[1] Vgl. Wolfgang Ullrich, Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, Berlin 2017.

[2] Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=HjYp2bXaSh8.

[1] Martin Luther, Predigten, hg. von Kurt Aland, Göttingen 2002, S. 434.

Als PDF gibt es den Text unter: Simon Fujiwara

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