Aus dem Archiv: Art-Kolumne 12/2011

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Die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung, künftig in allen staatlichen Behörden im Eingangsbereich gut sichtbar ein Kreuz anzubringen, schlägt hohe Wellen. – Markus Söder stellt sich damit in die Tradition eines ‚miles christianus‘, eines Soldaten Christi.

 

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Das hat lange Tradition. in meiner Kolumne, die ich bei „ART. Das Kunstmagazin“ seit 2011 schreibe, nahm ich mir das Thema in einer der ersten Folgen vor – an einer Gegenüberstellung von Lothar de Maizière, damals Bundesverteidigungsminister, und von Kaiser Ludwig dem Frommen aus dem frühen 9. Jahrhundert.

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Hier die Kolumne:

Zwei Bilder, zwischen denen fast genau 1200 Jahre liegen und deren Ähnlichkeiten vor allem eines veranschaulichen: Bekenntnisse zum Christentum werden über einen so langen Zeitraum hinweg mit denselben Zeichen und Gesten artikuliert. Eine solche ikonographische Stabilität ist ungewöhnlich, vielleicht sogar unheimlich. Letzteres, weil 

sich darin eine enorme Durchsetzungsfähigkeit des christlichen Glaubens, seiner Symbole und Dogmen bekundet. Deshalb suchen auch gerade die Mächtigen eine Nähe zu den Zeichen des Glaubens: Wenn sie Bilder zur Repräsentation nutzen, ist ihnen daran gelegen, ihrerseits durchsetzungsstark zu erscheinen und die eigene Autorität zu sichern.

Unheimlich ist ferner, dass sich mit Thomas de Maiziere der Minister eines demokratischen Landes nicht als Diener des Staates präsentiert, sondern allein zu seinem Glauben bekennt. Bürger, die keinem oder einem anderen Glauben angehören, könnten dadurch verunsichert sein (so wie man es umgekehrt ist, wenn sich jemand offen etwa zum Islam bekennt): Wie verhält sich der Minister, falls ein demokratisch zustande gekommenes Gesetz den Grundsätzen seines Glaubens widerspricht? Welche Geltung besitzt für ihn überhaupt das demokratische Prinzip, wenn er doch mit seinem Glauben schon einer absoluten Instanz folgt? Und was bedeutet es, dass sich ein Minister in einem säkularen Staat, der von der Kirche weitgehend getrennt ist, allein als Christ in Szene setzen lässt?

Oliver Mark, der das Foto 2010, als de Maiziere noch Bundesinnenminister war, im Auftrag eines Nachrichtenmagazins machte, fand die Wand mit dem Kreuz direkt im Ministerbüro vor; den kleinen Raum, an dessen Eingang de Maiziere steht, nutzte der Minister zur Erholung. Ein Kreuz so prominent im eigenen Arbeitszimmer zu haben, ist eines, sich zusammen damit fotografieren zu lassen und das Foto dann freizugeben, ist etwas anderes. Das zeugt von missionarischem Eifer. Offenbar will der Minister, dass möglichst viele Menschen erfahren, wie sehr er sich und sein Handeln christlichen Maßstäben unterstellt. Da das Kreuz rund einen Kopf über ihm hängt, wirkt er aber selbst eher schmächtig. So wie seine Hand sich am Türstock festklammert, gibt de Maiziere zu erkennen, dass er sich nicht zutraut, ohne Schutz des Kreuzes seinen Mann zu stehen.

Zugleich jedoch zeugt die Körperhaltung von Abwehrbereitschaft. Sie signalisiert: An mir kommt hier niemand vorbei. Entschlossen bewacht de Maiziere, so als wisse er schon um sein Potenzial als Verteidigungsminister, sein Refugium und damit in seinem Fall das Kreuz. Statt nur dessen Beistand zu suchen, will er ihm durch sein Engagement zu noch mehr Macht und Präsenz verhelfen.

Dieselbe doppelte Botschaft geht von dem Figurengedicht aus, das Kaiser Ludwig den Frommen zeigt und einer Ausgabe der Schrift De laudibus sanctae crucis („Vom Lob des heiligen Kreuzes“) beigefügt ist, die der Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus um 810 herum verfasste.  Auch der Kaiser wird vom Kreuz überragt. Er hält sich an ihm fest, sucht seinen Schutz, zeigt sich aber gleichzeitig kampfeslustig, wie der Schild auf seiner anderen Seite beweist. So will er den Glauben, der ihn in seiner Macht unterstützt, auf jeden Fall verteidigen und nach Möglichkeit noch weiter verbreiten. Wie Ludwigs Beiname verrät, gehörte seine Glaubensfestigkeit zu seinen hervorstechenden Eigenschaften; man sah in ihm einen ‚miles christianus‘, einen Soldaten Christi, der bereit ist, alles für seinen Glauben zu geben. Der Heiligenschein, der seinen Kopf umgibt, soll bestätigen, wie durchdrungen der Kaiser von den christlichen Grundsätzen ist.

Auch um Thomas de Maizieres Kopf leuchtet das Licht ein wenig heller. Insgesamt erhält das Foto gerade durch Licht- und Schatteneffekte einen leicht unwirklichen Charakter; zumal das Kreuz scheint sich von der Wand, an der es hängt, zu lösen und so, als stünde es jenseits von Raum und Zeit, zum ewig-transzendenten Symbol zu werden. Oliver Mark ist es mit seinem Foto de Maizieres also gelungen, eine zeitgenössische Variante eines ‚miles christianus‘ ins Bild zu setzen.

Als einer der unkonventionellsten Fotografen, der sich nicht nur auf Politiker und Unternehmer, sondern ebenso auf Künstler, Schauspieler und Kunstsammler spezialisiert hat, pflegt Mark generell einen Stil, bei dem er die von ihm Porträtierten stark exponiert und in symbolträchtige Situationen bringt. So gelang es ihm, Sigmar Gabriel in einem Diorama zusammen mit Hirschen zu platzieren, die Guttenbergs auf dem Dinosaurier eines abgehalfterten Vergnügungsparks posieren zu lassen oder das Sammlerehepaar Würth wie Stifterfiguren einer Marienfigur an die Seite zu stellen. Während die meisten anderen Fotografen darauf achten, ihre Bilder so anzulegen, dass sie nie gegen die Fotografierten verwendet werden können, bietet Mark diesen die Gelegenheit zu mutigeren Inszenierungen. Damit können sie andere Seiten als sonst von sich offenbaren, dürfen aber auch Coolness oder einen Sinn für Humor ausdrücken. Im Fall von Thomas de Maiziere allerdings war es, so ist zu vermuten, vor allem die unbedingte Bekenntnislust eines überzeugten Christen, die dieses Foto und damit zugleich die Neuauflage einer alten Ikonographie ermöglicht hat.

 

P.S. Oliver Mark hat übrigens auch schon Markus Söder fotografiert:

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