Kunstfreiheit

Im SWR2 habe ich einen Essay zum Thema Kunstfreiheit veröffentlicht (Titel: „Tabubrecher! Wie moralisch soll Kunst sein?“), der hier nachzulesen und hier nachzuhören ist.

Bildschirmfoto 2018-05-15 um 14.16.20

Das Thema ‚Kunstfreiheit‘ ist in letzter Zeit wieder vermehrt in die Diskussion geraten. Einerseits berufen sich gerade aktivistische Gruppen mehr denn je darauf, andererseits gibt es, zumal im Zuge der #MeToo-Debatte, auch Stimmen, die darin ein Rechtsgut sehen, von dem lange Zeit vor allem eine privilegierte Minderheit profitiert habe und in dessen Namen viel Unheil passiert sei. Extremer können die Auffassungen also
kaum auseinandergehen. Daher ist es an der Zeit, neu über den Sinn einer Idee von Kunstfreiheit nachzudenken. Wie kam es überhaupt dazu, dass sie es (in Deutschland) bis in den Grundrechtsteil des Grundgesetzes (Art. 5.3) geschafft hat? Und wie verhält sich die Kunstfreiheit zur Meinungsfreiheit?

Diesen Fragen widme ich mich in meinem Essay. Deutlich wird, dass der Idee der Kunstfreiheit ein idealistischer Begriff von Kunst zugrunde liegt. Künstler als Genies, Kunstwerke als autonome Schöpfungen – das ist die Grundlage dafür, Kunst als etwas zu würdigen, das über Meinungsäußerungen hinausgeht: In dem Maß, in dem Kunstwerke nicht tagesaktuell motiviert, sondern auf Ewigkeit angelegt sind, sollen sie auch nicht bloß nach Maßstäben der Gegenwart, also etwa nach dem jeweiligen Moralempfinden beurteilt werden. Das heißt jedoch nicht, dass Künstlern mehr Rechte als anderen Menschen zustehen, würde das doch den Gleichheitsgrundsatz – eines der obersten Prinzipien jedes Rechtsstaats – infrage stellen. Die Kunstfreiheit ist somit kein exklusiver Freibrief, sondern würdigt allein die besonderen Formen und Umstände von Kunst.

Voraussetzung dafür, sich überhaupt auf die Kunstfreiheit berufen zu können, ist es, einen entsprechend idealistischen Begriff von Kunst nicht nur zu haben, sondern im eigenen künstlerischen Tun zugleich glaubhaft zu machen. Es gibt also durchaus Fälle, in denen eine Unterscheidung zwischen Kunst- und Meinungsfreiheit sinnvoll, ja sogar notwendig ist. (In meinem Essay zeige ich das am Beispiel von Jonathan Meese.) In anderen Fällen ist es jedoch angemessener, sich auf die Meinungsfreiheit zu berufen, nämlich dann, wenn – wie bei aktivistischen Gruppen – mit dem eigenen Tun ein konkretes politisches Ziel verfolgt oder ein spezifisches Gegenüber adressiert wird.

Deshalb erscheint es mir fragwürdig, wenn sich gerade aktivistische Gruppen immer wieder auf die Kunstfreiheit berufen. Sie erwecken damit den Eindruck, doch einen weitergehenden Schutz als andere Bürger zu beanspruchen. Tatsächlich schreibt etwa Philipp Ruch, Chef des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS), in der Ausgabe 5/2018 des Kunst-Magazins „Monopol“, Künstler hätten „de facto mehr Meinungsfreiheit als eine Normalbürgerin“. Dass er dieses (gegen den Geist des Rechtsstaats gerichtete) Diktum damit begründet, Kunstwerke wie die Aktionen des ZPS würden „in langwierigen Prozessen über Jahre“ entstehen, seien also nicht wie ein Demo-Banner „in einer Stunde auf Stoff [zu] malen“, zeugt zwar von dem Anspruch des Aktivisten, etwas zu machen, das sich von anderen Meinungsäußerungen unterscheidet. Doch ist zu fragen, ob vermehrter Aufwand an Zeit, Geld oder anderen Ressourcen schon hinreicht, um ein Kunstwerk zu schaffen, das einem idealistischen Kunstbegriff – und damit einer Idee von Kunstfreiheit – genügt. Haben die Aktionen von Kunstaktivisten nicht darin ihren Kern, dass sie sich in die aktuelle politische Meinungsbildung einmischen, polemisch gegen einzelne Menschen oder Gruppen agieren und auf eine spezifische Situation zugespitzt reagieren? Das alles aber qualifiziert sie viel eher als sorgfältige, reflektierte Meinungsäußerungen denn als Kunstwerke. Warum also sollte man sich mit dem Ballast eines idealistischen Kunstverständnisses und eines überholten Genie-Konzepts beschweren und die eigene Arbeit damit gar noch um ihre politische Schlagkraft bringen, wenn man in einem Rechtsstaat sicher sein kann, dass die Meinungsfreiheit ein genauso gut geschütztes und weitreichendes Rechtsgut ist wie die Kunstfreiheit?

(Philipp Ruch antwortet mit seinem Artikel in „Monopol“ übrigens auf einen Debattenbeitrag, den ich vor knapp drei Jahren hier veröffentlicht hatte.)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s