„Der Anbräuner“ von Neo Rauch – eine Linksammlung und ein kurzer Kommentar zur Versteigerung

Aufgrund wiederholter Nachfrage fasse ich hier kurz die Vorgänge rund um Neo Rauchs Gemälde „Der Anbräuner“ zusammen (hier eine gute Reproduktion), das in der ZEIT am 27. Juni 2019 als Replik auf einen Artikel erschien, den ich am selben Ort am 16. Mai 2019 publiziert hatte. Der Artikel handelt von der aktuell beobachtbaren Rechtsverschiebung des Autonomie-Begriffs der Kunst – und davon, wie sich dadurch generell das Verständnis von Kunst ändern könnte (z.B. käme es zu einer Wiederbelebung eines martialisch-männlichen Kunstbegriffs mit heroisierenden, aber auch aggressiv-exkludierenden Elementen). Neben anderen analysiere ich in dem Artikel auch Neo Rauch als einen der Künstler, an denen sich diese Verschiebung bereits erkennen lässt. (Den Artikel und mehr dazu gibt es hier.)

Rauchs Antwort darauf hat manche in ihrer Heftigkeit sicher überrascht, sie steht in seinem Werk aber alles andere als isoliert. So zeigte die Kunsthistorikerin Petra Kunzelmann bereits 2016 in einem Aufsatz (hier als PDF: 212-17-78661-3-10-20170810 (ab S. 204), ferner hier), welche Ressentiments und zum Teil sogar Gewaltphantasien Rauch in mehreren Bildern seit 1998 gegenüber (Kunst)kritikern zur Schau stellte. Neu ist diesmal höchstens die Adressierung an einen speziellen Kritiker.

„Der Anbräuner“ (ein von Ernst Jünger geprägter Begriff) hat in den letzten Wochen ganz unterschiedliche Reaktionen und Deutungen erfahren, in großen Feuilletons (z.B. hier) und in der Kunstpresse (z.B. hier und hier) genauso wie auf (meist rechten) Blogs und Facebook-Accounts, insbesondere dem Account des Leipziger Malers Axel Krause (z.B. hier und hier). Ich selbst habe mich gleich nach dem Erscheinen des Bildes in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur dazu geäußert – zu hören hier. Obwohl Gattung, Ikonografie und mentalitätsgeschichtlicher Hintergrund höchst diskussionswürdig sein dürften, habe ich mich danach entschieden, nichts weiter zu dem Bild selbst zu sagen, würde man mir als seinem Adressaten doch eine Befangenheit unterstellen, die meine Thesen von vornherein schwächt. Auch ein Dialog mit Neo Rauch kam nicht zustande, lehnte er doch Einladungen sowohl von privater als auch von institutioneller Seite zu einem Treffen mit mir ab.

Am 27. Juli 2019 wurde „Der Anbräuner“ innerhalb einer Benefiz-Gala im Anschluss an das „GRK Golf Charity Masters“ in Leipzig zum Preis von EUR 750.000.- an den Immobilienunternehmer Christoph Gröner versteigert. Rauch, der auch in früheren Jahren schon (kleinere) Werke für diese Veranstaltung gestiftet hatte, deren Erlöse einem Kinderhospiz zugutekommen, war bei der Versteigerung persönlich anwesend. Und diese Auktion möchte ich doch nicht gänzlich unkommentiert lassen, da sie meine langjährige kunstsoziologische Arbeit im Kern betrifft.

So ist „Der Anbräuner“ seit der Auktion ein Stück dessen, was ich als Siegerkunst bezeichne. (In meinem gleichnamigen Buch von 2016 gibt es übrigens auch schon eine kurze Passage über Neo Rauch.) Ein Künstler, der zu den Reichsten und Erfolgreichsten der Gesellschaft gehört, und ein Käufer, für den dasselbe gilt, feiern gemeinsam ihre Charity. Allerdings schießen sie dabei über das offizielle Ziel einer Spenden-Gala hinaus, da die exorbitant hohe Summe noch mehr als ihre Wohltätigkeit vor allem ihren Reichtum demonstriert. Sie zeigen, in einer anderen Liga als fast alle anderen Anwesenden (und erst recht die Abwesenden) zu spielen, die sie damit wie im Fall eines Potlatschs deklassieren. Die anderen Stifter und Spender, bei denen es ‚nur’ um fünf- oder niedrig sechsstellige Beträge ging, wurden in der Medienberichterstattung über die Gala entsprechend fast gar nicht mehr erwähnt. (Da das relativ große Format von 1,50 x 1,20 m, das Rauch für das Bild gewählt hat, für seinen ursprünglichen Zweck, nämlich die Abbildung in einer Zeitung, gar nicht nötig gewesen wäre, darf man spekulieren, dass es ihm auch von vornherein darum gegangen ist, es mit einem möglichst hohen Preis zu ‚branden’.)

Der Potlatsch-Charakter wird durch das Sujet des Bildes und seine ursprüngliche Funktion als „wohlverdiente Ohrfeige“ (so Rauch in einem Interview in der „Welt am Sonntag“) noch verstärkt. Gerade an einem Schmähbild mit dem zentralen Motiv ‚Scheiße’ den eigenen Reichtum – die eigene Wohltätigkeit – demonstrieren zu wollen, hat – ich kann es, hier vielleicht doch wieder befangen, nicht anders sehen – etwas Höhnisches. Je nach Blickwinkel ist es geschmacklos-derb oder sogar zynisch. Das aber erhöht zugleich die Disktinktionskraft von Bild und Auktion, ja sorgt für umso mehr Befremden. Und daher ist das vermutlich keine Panne, sondern Absicht.

Hier kommen nun vor allem die Interessen des Käufers ins Spiel. Christoph Gröner erscheint in mehreren Homestories und Interviews als jemand, der ganz gerne die Rolle des ebenso erfolgreichen wie knallharten Unternehmers spielt, sich in seiner Unverblümtheit aber sogar in eine Wahlverwandtschaft zu Donald Trump begibt. Selbst eine Karriere als Politiker (mit eigener Partei) scheint er nicht auszuschließen. Neben der Geldanlage dürfte es für ihn beim Erwerb des Rauch-Bildes also auch darum gegangen sein, mit einer besonders provokanten, für manche sogar obszönen Geste auf sich aufmerksam zu machen. Dass die BILD-Zeitung titelte „750.000 Euro für ein ‚Scheißbild’“, zeugt davon, dass diese Geste auch angekommen ist. „Der Anbräuner“ passt also perfekt in Gröners Portfolio.

Aber damit nicht genug: Nach der Versteigerung verkündete Gröner, der sich bisher schon gerne ‚mit dem Rücken zur Kunst’ postierte, diese also als Statussymbol zu nutzen versteht, dass er das Bild in das Foyer seines neu zu gründenden „Vereins für den gesunden Menschenverstand“ hängen will. Zwar könnte das – ebenfalls in Trumps Manier – ein bloßer Bluff sein, um die Stimmung noch etwas anzuheizen. Aber ob die Aussage nun stimmt oder nicht, scheint gar nicht so wichtig, denn so oder so drückt sich darin eine fragwürdige Haltung aus. Gewiss ist der gesunde Menschenverstand eine feine Sache, doch in dem Moment, in dem ihn jemand programmatisch und vereinsmäßig für sich in Anspruch nimmt, droht daraus auch eine Überheblichkeit zu erwachsen, die letztlich auf die Abwertung oder gar Exklusion derer hinausläuft, die anders denken. „Der Anbräuner“ bestätigt diese Tendenz. Denn wenn ein Bild, das einen unliebsamen Kritiker fäkal schmähen soll, zum Symbolbild für den gesunden Menschenverstand erklärt wird, dann wird daraus eine pauschale Diffamierung von Kritikern und Intellektuellen. Ihnen hält man kurzum – wie schon öfter in der Geschichte – vor, mit ihrer ‚Klügelei’ destruktiv, unnütz und parasitär zu sein. Populismus und Plutokratie gehen bei der gesamten A(u)ktion also eine Verbindung ein, die – zu – viel über den heutigen Zeitgeist verrät.

Update vom 7. August 2019: Für die „Badischen Neuesten Nachrichten“ interviewte mich Michael Hübl zu dem Gemälde und seiner Versteigerung – nachzulesen hier!

Update vom 25. September 2019: Im „Kunstforum International“ hat Michael Hübl eine Analyse des „Anbräuners“ sowie seiner Versteigerung veröffentlicht – abzurufen unter KuFo_263_Protz_und_Pranger_Hübl.

Comments 4

  1. Pingback: „Der Anbräuner“ von Neo Rauch – eine Linksammlung und ein kurzer Kommentar zur Versteigerung – Kon/Spira[l]

  2. Stefan Hetzel 30. Juli 2019

    @Wolfgang Ullrich: Mit Ihrem ursprünglichen Artikel haben Sie offenbar ins exakt richtige Wespen-, oder besser, Hornissennest gestochen, wie alle von Ihnen geschilderten Folge-Ereignisse beweisen. Das Verstörende ist nur, dass offenbar nicht unerhebliche Teile der gebildeten Öffentlichkeit ebenfalls darin saßen, bzw. sitzen und nun aufgescheucht um sich stechen. Ich wünsche Ihnen viel Kraft!

    Liken

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