Die Kunst als einsames Haus. Über Heribert C. Ottersbach

Bildschirmfoto 2019-09-14 um 18.44.14

Für den Katalog zur Ausstellung „Identität und Gelände“, die neue Werke von Heribert C. Ottersbach zeigt und am 5. September 2019 in der Galerie Beck & Eggeling in Düsseldorf eröffnet wurde, habe ich einen Text geschrieben. Er trägt den Titel „Die Kunst als einsames Haus“  und wird im folgenden veröffentlicht. (Mehr zum Katalog – mit vielen Bildbeispielen – gibt es hier!)

In den letzten Jahren hat Heribert C. Ottersbach oft Häuser gemalt, und die meisten sind in doppeltem Sinn einsam: Sie stehen allein, in offener Landschaft oder an einem Waldrand, und sie wirken verlassen. Nie sind vor oder in ihnen Menschen zu sehen, manchmal zeigen sich sogar Anzeichen von Verfall. Graue, fahle Farben und verwaschene Formen steigern den Eindruck: Hier wird nichts instandgehalten, und neu war hier schon lange nichts mehr. Ein Titel wie „Kein Zug fährt vorbei“ verweist auf bessere Zeiten einer intakten Zivilisation. Jetzt aber droht das große Aussterben.  In In anderen Titeln ist vom Großvater oder vom Vater die Rede, aber nie von einem Sohn oder einer Enkelin, so als gebe es nur die älteren Generationen und keine jüngeren – und damit keine Zukunft. Otterbachs Bilder muten also als gemalter Kulturpessimismus an,

nur schwer entzieht man sich ihrer Melancholie. Und wenn es – wieder in einem Titel – heißt, „Auch Fische haben Depressionen“, dann liest man das sogar als Formulierung für Ausweglosigkeit: Nichts bleibt von Düsternis verschont, die Natur ist nach dem Rückzug der Zivilisation gerade kein triumphaler Sieger, sondern ihrerseits müde und erschöpft.

Aber vielleicht ist dieser Rückzug gar nicht endgültig? In starken, frischen Farben steht auf einem Bild „No Trespassing“ – und diese Warnung vor unbefugtem Betreten ist ein Signal, dass offenbar doch – noch oder wieder – Eigentumsansprüche gegenüber dem Haus geltend gemacht werden, das auf dem Gemälde zu sehen ist. Aber das Verbot ist auch etwas unheimlich; es deutet darauf hin, dass sich da jemand abschotten will – sich in ein einsames Haus zurückzieht, um ungestört zu sein. Die Abgeschiedenheit zieht bestimmte Charaktere an, vom alternativen Romantiker, der aus der hektischen Stadt flieht und der Landlust frönen will, bis zum apokalyptischen Prepper, der sich verschanzt und, gut vorbereitet, auf den Staatsnotstand oder eine Naturkatastrophe wartet.

So künden Ottersbachs Bilder weniger von einer Gegenwart ohne Zukunft als von einem Übergang, von Versuchen einer Neubesetzung, von einem Strukturwandel. In etlichen Regionen Europas gibt es seit zwei, drei Jahrzehnten einen solchen Strukturwandel, so etwa in Ostdeutschland, in ehemaligen Industriehochburgen wie dem Ruhrgebiet oder in Belgien, aber genauso in Frankreich oder in den skandinavischen Ländern. Oft sind die Symptome von Niedergang und Entvölkerung dort jeweils viel sichtbarer als die Anzeichen neuer Nutzung von Land und Häusern, doch es braucht nur mäßig viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie schon bald Ortschaften, die bereits fast aufgegeben waren, einen zweiten Frühling erleben und sich in ihnen aus zuerst vereinzelten, verstreut lebenden Siedlern neue Milieus bilden, die die Gesellschaft insgesamt verändern.

Aber wie kommt ein Künstler, ja wieso kommt Heribert C. Ottersbach darauf, der Atmosphäre eines solchen Umbruchs nachzuspüren? Vermutlich tut er das, weil er darin gerade auch die Situation seines eigenen Metiers wiedererkennt. Oder ist die Kunst nicht ihrerseits wie ein einsames Haus, lange schon außerhalb der Zentren der Gesellschaft angesiedelt, nun aber zusehend auch verwaist und verlassen, nur von wenigen verteidigt – und damit ebenfalls in unsicherer, umbruchartiger Lage?

Der autonome Künstler ist heute tatsächlich kein in Gruppen auftretender, selbstbewusster Bohemien mehr, sondern viel häufiger ein Eigenbrötler und Einzelkämpfer in defensiver Position. Einerseits hat er sich anzustrengen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu finden und ernst genommen zu werden, andererseits aber fühlt er sich im Modus der Abwehr und muss – zumal wenn er etwas bekannter ist – aufpassen, nicht von einem Markt verschlungen zu werden, der ihn zum bloßen Lieferanten von Luxusobjekten degradieren will (das schon Thema von Ottersbachs Ausstellung „Umständehalber abzugeben“ (2016)). Zugleich hat der Künstler Angst, zum Spielball von Kuratoren zu werden, die sein künstlerisches Werk für gesellschaftspolitisch ambitionierte Ausstellungen ausbeuten und auf die Frage reduzieren, ob sich damit feuilletontaugliche Thesen illustrieren lassen. In seiner wachsenden Randständigkeit muss der um Autonomie – um Unabhängigkeit und Integrität – bemühte Künstler, der die Kunstideale der beiden letzten Jahrhunderte nicht einfach preisgeben will, schließlich auch noch gewärtigen, plötzlich in die Gruppe der ‚weißen alten Männer’ einsortiert und damit endgültig zu einem ungeliebten Auslaufmodell erklärt zu werden.

Der defensiv-widerständige Habitus des autonomen Künstlers schlägt sich aber auf das Werkklima nieder, wie sich gerade im Fall von Ottersbach erkennen lässt. Nicht genug damit, dass die Gemälde von Menschen und Farben weitgehend verlassen sind. Statt von Heiterkeit und ‚joie de vivre’ zeugen seine Gemälde darüber hinaus von sprödem Eigensinn und einem Auf-Distanz-Gehen. Der Künstler will mit den Gefälligkeiten von Warenästhetik und Popkultur nichts zu tun haben, und wenn er schon ein Außenseiter ist, dann will er das zum Besten wenden und die Freiheit nutzen, keine Rücksichten nehmen zu müssen. Damit aber stehen seine Gemälde in schroffem Gegensatz zum Hauptstrom (‚mainstream’) der Bilder, der heute schneller, breiter und bunter denn je fließt. Ottersbachs Gemälde sind weniger Medium als Remedium, also nicht smarte Vermittler von Botschaften oder Ideologien, sondern Heilmittel, ja Gegengift. Manchmal unterläuft Ottersbach sogar gezielt die Mechanik aktuell dominanter Bildtypen wie etwa von Memen, die in den Sozialen Medien viral gehen. Entsteht bei ihnen aus einer Verbindung von Bild und Text eine Pointe, die von Feed zu Feed hüpft, so verweigert Ottersbach gerade alles bloß Witzige, wenn er Worte über ein Sujet malt. Es geht ihm dann nicht um Schlagfertigkeit, sondern darum, ausnüchternd auf die exzessive Gegenwartswelt zu wirken.

Hier wie bei anderen Spielarten der Distanzierung bietet Ottersbach den Betrachtern also die Chance, selbst innezuhalten – und nicht zuletzt über die Rolle von Bildern nachzudenken. Aus der Widerständigkeit wird dann ein Akt der Selbstbehauptung, und darin liegt der Strukturwandel der Malerei, die aus ihrer Abgeschiedenheit heraus vielleicht doch wieder neue Kraft und Autorität bekommt. Dazu passt, dass Ottersbach die Werke der letzten Jahre unter das Motto „Identität und Gelände“ gestellt hat. Das Gelände ist der Raum zwischen Zivilisation und Wildnis, vermessen und strukturiert, aber auf keinen Fall ganz definiert, vielmehr mit zahlreichen Zonen der Unbestimmtheit und mit Möglichkeiten zur Umgestaltung. Hier kann man sich frei bewegen und Diverses ausprobieren, hat Platz für neue Formationen, kann schließlich zu einer Identität finden und diese stärken, ausbauen, manifestieren. Dann ist die Kunst auch kein verlassenes Haus mehr, sondern wieder bewohnt und belebt – von einzelnen Menschen, die trotz allem an ihre Zukunft glauben.

Als PDF gibt es den Text hier: Die Kunst als einsames Haus

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