In Memoriam: Martin Warnke

Auch wer nicht bei Martin Warnke studierte, wurde in meiner Generation von ihm, seinen Thesen, seiner Art des Argumentierens – und hoffentlich auch von seinem wissenschaftlichen Ethos – beeinflusst. Meine wichtigste Lektüreerfahrung mit einem Text von Warnke hatte ich in den frühen 1990er Jahren – nicht mit einem der Bücher, die ihn berühmt machten, sondern mit einem ganz kurzen Aufsatz, fast versteckt in einem von Volker Plagemann herausgegebenen Sammelband über „Kunst im öffentlichen Raum“. Unter dem Titel „Kunst unter Verweigerungspflicht“ entfaltete Warnke dort eine alternative Erzählung von Entstehung und Charakter moderner Kunst. Für ihn sind „die Künste […] nicht so sehr deshalb autonom geworden, weil sie es immer gewollt und unter Opfern schließlich auch durchgesetzt hätten, sondern wahr­scheinlich deshalb, weil sie in den herkömmlichen Rollen nicht mehr gebraucht wurden, da andere, in der modernen Massenge­sellschaft wirkungsvollere Medien an ihre Stelle treten konnten“. Die Kunst der Moderne erscheint vor diesem Hintergrund als Versuch, ihr eigenes Ende abzuweh­ren oder einen (radikalen) Neu­anfang zu erreichen, der gemäß Warnke darin bestand, alle ehedem üblichen Erwartungen gegenüber der Kunst aufzukündigen. Nur durch eine streng befolgte „Ver­weige­rungs­pflicht“ sei es der Kunst gelungen, erneut eine Existenzberechtigung zu erlan­gen und ihr eigenes Ende zu verhindern.

Diese alternative Erzählung der Moderne, die viel Skepsis gegenüber deren vermeintlichen Errungenschaften und allen Formen von kunstreligiöser Apotheose einschloss, setzte sich in mir fest und schien mir überzeugender als die übliche Darstellung, wonach die Autonomisierung als heroischer Emanzipationsprozess, als ein Zu-sich-selbst-Kommen der Kunst zu feiern ist. Schließlich wurde Warnkes Plot zur Grundlage für einige meiner eigenen Publikationen, in denen ich, so vor allem in „Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst“ (2003), dafür plädierte, Kunst nüchterner, nicht demütig im Tonfall der Heldenverehrung zu betrachten und von den damit verbundenen Überforderungen zu befreien. (Wobei gerade jene ‚Verweigerungspflicht’ überfordernd sein kann!)

Wichtig schien mir vor allem, Warnkes Kritik am Fach ‚Kunstgeschichte’ zu bekräftigen und fortzusetzen. So hatte er 1970 für großes Aufsehen gesorgt, als er auf dem Kunsthistorikertag in einem Vortrag über „Weltanschauliche Motive in der historischen Populärliteratur“ sprach und dabei aufzeigte, wie autoritätshörig und untertänig die meisten Texte verfasst sind, die in auflagenstarken Büchern Kunst an ein breites Publikum vermitteln. Die Kunstreligion der Moderne führt somit zu alles andere als freien Verhältnissen, sie beeinträchtigt aber vor allem auch die Qualität und Leistungsfähigkeit der Kunstwissenschaft. Diese gerät gegenüber ihren Sujets zum „Knechtungsakt“, wie es Warnke ebenso scharf wie genau formulierte.

Doch reicht es nicht, nur die Wissenschaft zu kritisieren. Im Zuge der Kunstreligion ist vielmehr auch immer wieder Kunst entstanden, die sich darauf verlässt, dass es bewundernde Interpreten gibt – und die entsprechend so vieldeutig, geheimnisvoll, pathetisch angelegt ist, dass man zwar von ihr schwärmen, sie aber nicht mit hermeneutischen Methoden wissenschaftlich erschließen kann. Bei einem Symposium, das im Oktober 2007 zum 70. Geburtstag von Martin Warnke im Warburg-Haus in Hamburg unter dem Titel „Wie weltanschaulich darf Kunstgeschichte sein?“ veranstaltet wurde, wählte ich deshalb als Vortragsthema mit den Triptychen von Max Beckmann exemplarisch eine Werkgruppe moderner Kunst, bei der ich bezweifle, dass sie als Gegenstand einer exegetischen Wissenschaft taugt. Ein Aufsatz von Martin Warnke, 1998 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unter dem Titel „Beschreibung von Dienstverhältnissen“ veröffentlicht, ermutigte mich zu diesem Vortrag. In diesem Text legt Warnke dar, dass die „traditionellen methodischen Ansätze“ „für die Gegenwartskunst“ nicht mehr verwendbar seien – und vertritt die These: „Es führt von der alten Ekphrasis kein Weg zu einem avantgardistischen Kunstwerk.“

*  *  *

Im Jahr 2011 wurde mir, für mich ganz überraschend, die (alle drei Jahre vergebene) Martin Warnke-Medaille verliehen – von allen Auszeichnungen diejenige, die mich am meisten gefreut hat. Obwohl krank, kam Martin Warnke eigens zur Verleihung in das Warburg-Haus. So selbstlos war er. Dass er, der immer ganz still, zurückhaltend und nüchtern auftrat, so vielfältig wirken konnte, erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Und vielleicht ist der wissenschaftliche Geist, den er vorgelebt hat, letztlich sogar das Allerwichtigste.

(Hier noch mein Vortrag von 2007 unter dem Titel „Warum Max Beckmann kein Gegenstand der Kunstgeschichte ist“: Warnke-Symposium_2007)

 

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