Immersion: Eine Geschichte von Misserfolgen

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An der Hochschule der bildenden Künste Hamburg (HfbK) hielt ich am 30. Januar 2020 einen Vortrag mit dem Titel „Immersion: Eine Geschichte von Misserfolgen“. Darin gehe ich von der Beobachtung aus, dass alle bisherigen Versuche der Etablierung von ‚Virtual Reality‘ und umfassender Immersion nach einer ersten Euphorie schnell an Attraktivität verloren haben. So unterschiedliche Formate wie Transparentbilder, Dioramen oder Stereo-Fotografie hatten nur kurzzeitig Erfolg. Doch warum? Welche Erwartungen gegenüber Bildern werden von immersiven Werkformen gerade nicht erfüllt? In meinem Vortrag entwickle ich eine Antwort auf diese Frage vor allem in Rückbezug auf die Bildtheorie von Lambert Wiesing. – Der Vortrag ist hier nachzuhören – eine Kurzform davon ist im Magazin „Lerchenfeld“ der HfbK erschienen: lerchenfeld_hfbk_nr52k (S. 25-28)

Comments 2

  1. Mario Donick 17. Februar 2020

    Oh, sehr guter Beitrag zu einem meiner Lieblingsthemen, danke für’s Teilen.

    Es gibt einen Schlüsselsatz in Wiesings Band: „[E]ntweder lassen sich immersive Bilder aus technischen Gründen nicht verwirklichen, dann funktionieren sie schlicht und ergreifend nicht, oder sie funktionieren, dann läßt sich das Ergebnis nicht mehr als ‚Bild‘ ansprechen.“ (S. 212). Bildtheoretisch kann man das eigentlich so stehenlassen.

    Der Immersionsbegriff in der Praxis der Simulation, der Spieleentwicklung oder der bildtheoretisch „naiven“ Bildungsarbeit (virtuelle Museen, Labore, usw.) lässt so eine Reflexion oft vermissen, weil das Ziel dort nicht ist, von der „Zumutung der immersiven Wahrnehmung […] entlastet“ (S. 213) zu werden (der „Daueranwesenheit in der wahrgenommenen Welt“, ebd.) (um dann über das Dargestellte zu reflektieren), sondern quasi die subjektive Wahrnehmung scheinbarer Anwesenheit in der Darstellung so weit wie möglich zu treiben.

    Wenn ich beispielsweise die Darstellung eines Ausstellungsraums eines Museums unter der VR-Brille betrachte, dann i.d.R. nicht, um über die Darstellung des Ausstellungsraums als Bild zu reflektieren, sondern ich will die in dem Ausstellungsraum gezeigten Exponate in einer Umgebung anschauen, die mir das Gefühl gibt, ‚ausreichend-tatsächlich‘ im Museum zu sein. Wenn ich dieses Gefühl habe (im Prinzip die bekannte suspension of disbelief), dann ist — aus technischer und ggf. kommerzieller Sicht — dem Anbieter dieser VR-Umsetzung seine Arbeit geglückt. Dass der virtuelle Raum, an dem ich glaube, zu sein, nur ein Bild ist, auf das ich starre, ist aus dieser Sicht dann nicht so wichtig.

    Das ist der Punkt, an dem Kritik wie die von Wiesing relevant wird. Es sollte bei der Nutzung von VR-Medien darum gehen, dass man das Angebotene nicht nur naiv konsumiert oder höchstens technisch beurteilt (es entweder als ‚zu wenig immersiv‘ kritisiert, oder als ’sehr immersiv‘ bestaunt), sondern sich auch fragt, was das für die eigene Medienrezeptionspraxis bedeutet. Wenn es einer VR-Umgebung gelingt, meinen „Unglauben“ auch nur für Minuten zu suspendieren, dann macht sie zwar irgendwas richtig, aber wie macht sie das, und ist das am Ende nicht nur Unterhaltung und Effekt, der den Absichten mit großem Anspruch auftretender Projekte (gerade eben im Bildungs- oder Kunstbereich) sogar entgegensteht?

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  2. Pingback: Wolfgang Ullrich über Immersion als „Geschichte von Misserfolgen“ und Lambert Wiesings Bildtheorie – Über/Strom

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