Katalogtext über Ellen Akimoto

Die Malerin Ellen Akimoto präsentiert am 5. Juni 2020 innerhalb ihrer Ausstellung „Creamy Feelings Curdle“ in der Galerie Rothamel in Frankfurt ihren neuen (gleichnamigen) Katalog (erschienen im Kerber-Verlag). Dafür habe ich einen Text verfasst, den ich aus Anlass der Präsentation im folgenden publiziere:

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Im Jahr 2017 malte Ellen Akimoto ein Bild, dem sie den Titel „The Lower Left Hand Corner of Such a Good Painting“ gab. Es unterscheidet sich von vielen anderen ihrer Bilder, da es aus nur drei Elementen besteht: einem Parkettfußboden, einer weißen Wand, einem an ihr hängenden abstrakten Gemälde. Perspektive und Bildausschnitt sind so gewählt, dass die drei Sujets jeweils nur zum Teil zu sehen sind. So entsteht zwar ein illusionistischer Bildraum, doch fällt es nicht schwer, das Bild genauso als Abfolge von drei Flächen zu betrachten. Akimotos Bild hat damit den Charakter eines Kippbildes: Es lässt sich entweder als gegenständliches oder als abstraktes Bild wahrnehmen. Und da es als gegenständliches Bild ein abstraktes Gemälde als Sujet hat, wiederholt sich derselbe Gegensatz von ‚gegenständlich’ und ‚abstrakt’ nochmals auf anderer Ebene. Durch den Titel wird er sogar ein weiteres Mal zum Thema, weist dieser doch das abstrakte Bild im gegenständlichen Bild als „so ein gutes Gemälde“ aus. Damit würdigt die gegenständliche Malerin die abstrakte Malerei.

Eine solche Geste wäre jahrzehntelang unvorstellbar gewesen. Während der gesamten Klassischen Moderne gab es klare und strenge Trennlinien – schon zwischen einzelnen Avantgarden und Richtungen, aber erst recht zwischen dem Gebiet gegenständlicher Malerei und dem Bereich abstrakter Kunst. Es waren unterschiedliche, unvereinbare Weltanschauungen, die darin jeweils zur Geltung kamen, und der Kalte Krieg nach 1945 verlieh dem Gegensatz zudem eine stark politische Dimension. Zwar gab es Abweichler, die sich nicht an die Vorgaben hielten und die im Osten abstrakt, im Westen gegenständlich malten, aber statt damit zu einer Entspannung der Fronten zu führen, heizten sie die ideologisch geführten Debatten nur noch weiter an. Mittlerweile ist aber auch das längst so sehr Geschichte wie der Kalte Krieg, und es fällt sogar schon schwer, sich den Richtungsstreit, der einige Generationen von Künstlern in Beschlag nahm, in all seiner Unerbittlichkeit überhaupt noch vorzustellen.

Die heutigen Maler aber profitieren gleich doppelt von dieser Entwicklung. Sie haben nicht nur mehr Möglichkeiten, weil ihnen nun endlich die gesamte Bandbreite an bildnerischen Mitteln und Methoden zur Verfügung steht, sondern ihnen kommt es auch zugute, dass diese in den Jahrzehnten der Trennung jeweils in einer unglaublichen Vielfalt entwickelt worden waren. Gerade weil beide Seiten ihre Überlegenheit und ihre Fortschrittlichkeit beweisen wollten, brachte jeder Ismus und jede Strömung eigene, zusätzliche malerische Möglichkeiten hervor. Im Rückblick erscheint die Moderne wie eine Anzahl von Laboratorien, in denen unter Hochdruck Stil um Stil, Effekt um Effekt, Faktur um Faktur entwickelt wurde. Viele davon wurden dann kaum gebraucht, weil schon die nächsten zur Verfügung standen, andere gingen in Richtungskämpfen unter oder wurden schlicht übersehen. Und sie alle sind nun frei verwendbar, ohne die ideologischen Hypotheken, die auf ihnen ursprünglich lasteten, in nahezu beliebigen Kombinationen und Mischungen.

Bildschirmfoto 2020-06-05 um 10.05.38Ellen Akimotos Malerei liefert viele eindrucksvolle Beispiele dafür, in was für eine reiche Phase ihrer Geschichte die Malerei eingetreten ist. Auf ihren Bildern finden sich Drippings und Striche im Geist des Action Painting direkt neben Partien, die einen Vorhang so plastisch abbilden, dass man die samtige Oberfläche zu spüren glaubt (z.B. „Talking Incomprehensibly About the Leaf“, 2019). Oder monochrome Flächen im Stil des Suprematismus tauchen auf demselben Bild auf wie veristisch gemalte Objekte, die an die Malerei der Neuen Sachlichkeit erinnern (z.B. „Nighttime“, 2019). Oder ein im Bild gemaltes Landschaftsgemälde verwandelt sich plötzlich in eine abstrakte Malerei, überschreitet den eigenen Rahmen und verschmilzt mit dem Gesicht einer Frau, die auf einem Sofa unter dem Gemälde sitzt („Speaking Persuasively“, 2018). Akimoto zitiert also nicht einfach nur Stilmittel aus dem Repertoire der jüngeren Malereigeschichte, sondern stellt sie in überraschende, witzige Beziehungen zueinander und verwandelt sie in ihrer Verbindung in etwas Neues.Bildschirmfoto 2020-06-05 um 10.03.29

Die Gemälde von Ellen Akimoto strahlen daher die Freude unbeschwerten Machens aus. Auf ihnen ist die Malerei voll zu sich gekommen, ja ist im doppelten Sinne selbstbewusst geworden: Indem sie die Stilmittel verschiedener Provenienz gleichermaßen aufgreift und miteinander ins Spiel bringt, reflektiert Akimoto sie zugleich und macht sie sich auf dem jeweiligen Bild selbst bewusst. Damit aber wird auch gegenwärtig, wie viele Möglichkeiten der Malerei zur Verfügung stehen; es wird präsent, was sie stark sein lässt, und daraus bezieht sie Selbstbewusstsein. Dieses Gefühl von Stärke überträgt sich auf die Betrachter. Sie fühlen sich herausgefordert, ihre eigenen Mittel und Möglichkeiten zu erfassen und nicht brachliegen zu lassen. Sie lernen, im Umgang damit ebenfalls unbeschwerter zu werden. Die Freiheit, der sich Akimotos Bilder verdanken, pflanzt sich durch sie also weiter fort.

Und hier das PDF des Texts: ullrich_akimoto

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