Katalogtext über Stephan Balkenhol

Im Museum Jorn in Silkeborg (Dänemark) findet seit heute eine Ausstellung über Stephan Balkenhol statt. Für den Katalog habe ich einen Text geschrieben, den ich hier veröffentliche:

Stephan Balkenhol – der Souverän

Souverän sei, „wer den Normalfall garantiert“.[1] Das sagt Bazon Brock und dementiert damit die berühmte Formel des Staatsrechtlers Carl Schmitt, demzufolge Souveränität demjenigen zukomme, „der über den Ausnahmezustand entscheidet“.[2] Die Differenz zwischen Schmitts Satz von 1922 und Brocks Reaktion von 2006 besteht aber nicht nur in ihrer Antwort auf die Frage, wann sich am besten erkennen lässt, ob jemand im Vollbesitz der Macht ist. Vielmehr verrät die jeweilige Formulierung auch, worauf sich die stärkeren Sehnsüchte richten. Bildschirmfoto 2020-07-05 um 12.07.00Carl Schmitt ist dabei ein typischer Vertreter der Moderne. So wurden Ausnahmezustände in ihr – von Philosophen, Schriftstellern, Avantgardisten – immer wieder verklärt. Die Welt der Zivilisation und der alltagssichernden Institutionen galt als korrumpiert, unrein, entfremdend, entartet, lähmend oder lasch – dagegen erhoffte man sich von Krieg und Krisen eine Rückkehr zu vergessenen Ursprüngen, eine Suspendierung von Konventionen, eine Zeit für Heroen. Als schwächlich und feige galt, wer sich um Normalität bemühte. Brock hingegen würdigt, wie schwer es ist, so etwas wie Normalität, ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Frieden überhaupt herzustellen und dauerhaft zu bewahren. Und wer den Verdacht äußert, der Normalfall könne schnell öde werden, wird von ihm, der selbst Krieg und Vertreibung erleben musste, an Ausnahmezustände erinnert, die höchstens so lange verheißungsvoll erscheinen, als sie aus der Ferne betrachtet werden.

Kein zeitgenössischer Künstler repräsentiert mit seinem Werk mehr Normalität als Stephan Balkenhol. Und da er das nun schon seit Jahrzehnten in beispielloser Kontinuität tut, hat er bewiesen, dass er sie auch garantiert. Damit ist er, zumindest gemäß der Logik Brocks, der wahre Souverän – derjenige, der sich grundsätzlich nicht beeindrucken lässt von Exzessen und Extremen, von den Verführungen zum Radikalen, denen so viele andere immer wieder erliegen. Ist gerade die jüngere Kunstgeschichte voll von Werken, die infolge von Drogenexperimenten und Bewusstseinserweiterungen, körperlichen Zerreißproben und existenziellen Zumutungen, radikalen Verweigerungen und Spielarten des Maßlosen entstanden sind, so verkörpern Balkenhols Skulpturen im Kontrast dazu immer Gleichmut und Sachlichkeit. Spektakuläres, Schrilles, Exzentrisches sucht man bei ihnen vergebens, und eigentlich müssten konservative Kulturkritiker, die für die gesamte Moderne einen ‚Verlust der Mitte’ (Hans Sedlmayr) beklagen, in seinen Figuren einen Gegenpol zu dieser Entwicklung erkennen.

Manchmal kann der Verzicht auf jegliche Form der Überzeichnung allerdings seinerseits programmatischen Charakter annehmen – so etwa im Fall von Balkenhols 2016 entstandener Bronze-Version der Laokoon-Gruppe. Denn selbst hier begegnet man statt Helden Männern mit weißem Hemd und dunkler Hose, und während die von Schmerz und Angst verzerrten Gesichtszüge des Laokoon und seiner Söhne vor allem im Klassizismus für lange Debatten gesorgt haben, die sich darum drehten, ob und inwiefern heftige Affekte die Ruhe des Betrachters und damit die Würde der Kunst stören könnten, unterläuft Balkenhol mit der demonstrativen Unterkühltheit seiner Gesichter von vornherein die Macht starker Gefühle. Die Gefahr, in einen Strudel der Emotionen zu geraten und so für Reflexion und Läuterung untauglich zu werden, besteht für die Rezipienten hier nicht.

Bei seiner Laokoon-Gruppe macht Balkenhol also formal dasselbe wie Brock bei seiner Abwandlung des Diktums von Carl Schmitt. Beide verkehren den Inhalt ihres Vorbilds, doch da es als Referenz präsent bleibt, erscheint die Normalität auch jeweils vor dem Hintergrund der Alternative eines Ausnahmezustands. Und das ist wichtig. Der Normalfall wird dadurch nämlich nicht zum Absoluten erhöht, vielmehr setzen Brock und Balkenhol ihm ausdrücklich im Verhältnis zu seinem Gegenteil ein Denkmal. Das Plädoyer für Normalität bedeutet für sie also sehr wohl ein Bekenntnis zu einem unaufgeregt-gleichmäßigen Leben und geordneten Alltag, dessen Freuden und Freiheiten sie damit würdigen wollen, aber es meint nicht einen Ruf nach Normierung oder das Streben nach einer Einebnung aller individuellen Unterschiede. Damit aber wird einem anderen üblichen Vorbehalt gegenüber dem Normalen – es sei nicht nur langweilig, sondern auch totalitaristisch – begegnet. Vielmehr lautet die Botschaft sogar: Statt zu Konformitätszwängen führt der Normalfall dazu, mehr Möglichkeiten als der Ausnahmezustand zu eröffnen.

Was das bedeutet, wird in Balkenhols umfangreichem Œuvre sehr anschaulich. So durchschnittlich seine Figuren erscheinen mögen, so sehr unterscheiden sie sich nämlich voneinander. Man glaubt sie alle irgendwie aus dem eigenen Lebensumfeld zu kennen, aber erst, wenn man sie einzeln, auf einem Sockel platziert, betrachtet, fallen ihre Eigentümlichkeiten in Haltung, Gestik, Mimik auf. Wie jemand das Kreuz leicht durchdrückt, um etwas selbstbewusster zu wirken, wie ein anderer die Hand in die Hosentasche steckt, damit es möglichst lässig aussieht, wie bei wieder einem anderen die Schultern ein wenig hängen oder der Hals kaum merklich eingezogen wird oder die Arme angespannt sind – das alles stellt Balkenhol mit schlafwandlerischer Sicherheit dar. Ob nackt oder bekleidet, allein, als Paare oder in Gruppen: in jedem Fall gelingt es ihm, seine Protagonisten als Individuen sichtbar zu machen. Damit aber wird deutlich, wie wenig sich Normalität und Eigenheit ausschließen – wie sehr es die Ausprägung von individuellen Besonderheiten sogar begünstigt, wenn normale Verhältnisse herrschen und die Lebenswelt der Menschen im großen und ganzen unspektakulär und geregelt, damit aber auch von einem Geist der Freiheit geprägt ist.

Der Sorgfalt, mit der Balkenhol seine Figuren in Szene setzt, verdankt sich auch sein über Jahrzehnte hinweg stabiler Erfolg (während viele Künstler seiner Generation, die mit ihm in den 1980er und 90er Jahren bekannt wurden, längst wieder verschwunden sind). Wieso aber stößt gerade die Darstellung von Normalität auf so viel Resonanz? Und wie wurde es möglich, dass sich ein Kunstpublikum, das daran gewöhnt war, mit immer neuen Extremen, mit großen Verheißungen und diversen Formen von Ausnahmezuständen konfrontiert zu werden, für die pure Normalität interessiert?

Offenbar erfüllt Stephan Balkenhols Kunst eine Entlastungsfunktion. So kann es auf Dauer für Kunstrezipienten anstrengend werden, sich auf die besonderen Herausforderungen einzulassen, die in irgendeiner Hinsicht extreme Werke an sie stellen. Durch die hohen Erwartungen, die geweckt werden, drohen aber auch umso mehr Enttäuschungen. Wann ist Kunst schon so überwältigend, wie sie zu sein verspricht, wann ändert sie das Leben, vermittelt völlig neue Erfahrungen oder wirkt reinigend? Das alles ist weitgehend Theorie, und daher freut man sich über Künstler, die gerade nichts Außergewöhnliches für sich in Anspruch nehmen, sowie über Werke, die den eigenen Alltag und das eigene normale Leben zum Thema haben, darüber hinaus aber nicht mit hehren Ansprüchen belastet sind.

Zwar hat Stephan Balkenhol, anders als einige seiner besonders exzentrischen Kollegen, vermutlich keine glühenden Bewunderer und keine Groupies, die alles über ihn wissen wollen. Aber dafür hat er ein großes Publikum, das über seine Werke und die immer wieder leicht anderen Variationen des Normalen dankbar ist. Und da Balkenhol mit seinen Werken schon so lange und gerade auch im öffentlichen Raum präsent ist, gehört er für viele selbst zum Alltag. Er ist ein festes Merkmal normalen Lebens. Man würde ihn vermissen, wäre er auf einmal nicht mehr da.

Dass Balkenhol den Normalfall garantiert und von der Sehnsucht nach dem Außerordentlichen, nach Superlativen und Extremen entlastet, erhebt seine Werke zugleich über alle Moden. Mit einem Begriff aus der Welt des Marketing könnte man das, was er macht, daher auch als ‚Normcore’-Kunst bezeichnen. Der Begriff ‚Normcore’ wurde 2014 von einer US-amerikanischen Trendagentur geprägt, die damit das Phänomen erfassen wollte, dass angeblich immer mehr Menschen genug haben von den schnell aufeinander folgenden Hypes in Mode und Lifestyle. Statt sich am jeweils letzten Schrei, am Schrillen und Auffälligen zu orientieren, setzen sie lieber auf Outfits ganz ohne Extravaganz, die dafür länger als nur für eine Saison passen. Als Modetrend sei Normcore eigentlich gar nicht zu erkennen, „weil er eben im Gegensatz zu allen anderen Trends nicht das Außergewöhnliche, sondern die Normalität feiert“, heißt es in einem Online-Modelexikon.[3] Informiert man sich in den Sozialen Medien, was unter dem Hashtag #normcore auftaucht, stößt man überwiegend auf Fotos, auf denen dunkle Hosen oder Jeans, weiße Hemden oder einfarbige T-Shirts, in jedem Fall aber Kleidungsstücke in gedeckten Farben, ohne Muster, besondere Schnitte oder Applikationen und aus pflegeleichten Stoffen getragen werden. Und diejenigen, die sich dafür entscheiden, versuchen auch sonst nicht, durch besondere Merkmale herauszustechen.

Gemäß der Analyse eines großen Marktforschungsinstituts steht ‚Normcore’ „für das bewusste Nicht-Darstellen von Status – und damit für eine neue, reflektierte Form der Status-Symbolik zweiter Ordnung“. Damit könne man „sowohl in der Masse untergehen als auch individuell hervorstechen“. Wer sich zu Normcore bekennt, kann also auf plakative und teure Statussymbole verzichten – und gerade damit doch wieder Aufmerksamkeit bekommen. Ein solcher Verzicht setzt jedoch voraus, dass die betreffende Person über „inneres Selbstvertrauen und tief verwurzelte Kompetenz“ verfügt. Man muss sich Normalität also auch leisten können. Das aber bleibt nicht ohne Wirkung: Wer die Idee von Normcore verkörpere, so heißt es weiter, werde „als selbstbewusst erlebt“.[4]

Damit aber erschließt sich das Diktum von Bazon Brock erst in seiner vollen Bedeutung. Souverän ist, wer den Normalfall garantiert – eben weil diese Person nicht darauf angewiesen ist, sich durch die Betonung oder Inszenierung von Extravagantem wichtig zu machen. Sie braucht nicht erst einen Ausnahmezustand, um sich zu profilieren. Und so braucht Stephan Balkenhol keine Kunst mit großer Geste, um zu demonstrieren, dass er ein bedeutender Künstler ist. Er kann sich darauf verlassen, dass seine Skulpturen mit all ihren subtilen Elementen und feinen Variationen des Alltäglichen und Vertrauten letztlich doch immer zur Geltung kommen. Denn wo der Normalfall herrscht, bekommt jede Nuance eine umso größere Bedeutung.

[1] Bazon Brock: Veranstaltungsankündigung „Lustmarsch durchs Theoriegelände“,

Karlsruhe 2006, auf: https://bazonbrock.de/werke/detail/lustmarsch_durchs_theoriegelaend-2369.html.

[2] Carl Schmitt: Politische Theologie (1922), Berlin 2004, S. 13.

[3] Larissa Königs: „Normcore“, auf: https://noizz.de/fashion/hipster-lexikon-fur-normalos-n-wie-normcore/sb3y3x2.

[4] Eva Maria Sirch: „Normcore: Same same but different“, auf: https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/normcore-same-same-but-different/.

Als PDF gibt es den Text hier: Ullrich-Balkenhol

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