Streitort Museum

Für „Neues Deutschland“ nehme ich zu den Debatten Stellung, die seit einigen Jahren in und über Museen geführt werden – und in denen aus politischen oder moralischen Gründen etwa die Abhängung von Werken gefordert wird. Schnell ist dann von ‚Cancel Culture‘ die Rede. Doch warum sollte es nicht als Gewinn angesehen werden, wenn neben kunstspezifischen Kriterien auch (möglichst viele) andere Kriterien darüber entscheiden, was museumswürdig ist?

Für mich gilt, so schreibe ich, „dass man Kategorien der Kunst nicht zwangsläufig zu missachten braucht, nur weil man zudem berücksichtigt, wie ein Werk auf verschiedene Teile seines Publikums wirken könnte, welche Provenienz es hat oder unter welchen Bedingungen es entstanden ist. Nachdem man bei vielen Konsumprodukten und erst recht bei der Beurteilung ihrer Qualität bereits ganz selbstverständlich soziale oder ökologische Kriterien einbezieht, sollte endlich – spät genug – auch bei Kunst so verfahren werden. Es wäre ein erheblicher Gewinn, würde der Blick auf die Werke doch differenzierter; je mehr unterschiedliche Kriterien ins Spiel kämen, desto mehr Sensibilitäten prägten sich aus. Und das, was dann letztlich für gut befunden wird, ist es in umfassenderer Weise als bisher. Gerade von Kunst – von Artefakten, an die man höhere Ansprüche als an anderes stellt – sollte erwartet werden können, dass sie nicht nur in einer, sondern in möglichst vielen Hinsichten über Exzellenz verfügen, also nicht nur formal brillant, geistreich und überraschend, sondern zugleich frei von Diskriminierungen, besonders ressourcenbewusst und unter absolut fairen Bedingungen produziert sind.“

Hier der komplette Text!

Comments 6

  1. kopfundgestalt 30. Oktober 2020

    Dadurch würde z.b. spontane, „gestische“ Kunst, die es ja traditionell auch gibt, nochmal genauer in den Fokus rücken.

    Bei manchem zeitgenössichen Kunstartefakt war ja auch schon immer nicht klar, was eigentlich der Tenor, die gewollten Botschaften des Werks sind. Und wenn der Tenor so gelesen werden kann, wie womöglich nicht intendiert, aber durchaus naheliegend, dann ist das problematisch.
    Eine Botschaft/Lesart kann sich durchaus auch Jahre nach der Entstehung des Werks ändern.

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  2. Roland Nachtigaeller 30. Oktober 2020

    Lieber Wolfgang Ullrich,

    ich gestehe, ich habe von ihrem jüngsten Beitrag bisher nur das in dieser Benachrichtigungsmail aufgeführte Zitat gelesen. Aber ich widerspreche: Kunst muss erst einmal gar nichts! Und dann darf sie zumindest, wenn sie schon nicht muss, frech, provokant, unkorrekt, radikal, unbequem, unfair etc. sein. Ihre Forderung nach ressourcenschonendem, fairem, diskriminierungsfreiem Arbeiten beziehe ich eher auf das Museum und da gibt es auch für uns noch viel zu tun. Aber mir ist es ein Anliegen, dass die Kunst ein Freiraum bleibt, in dem bis zu gewissen, vielleicht immer wieder neu zu verhandelnden Grenzen, alles möglich ist, und dass wir diesen Freiraum mit Leidenschaft verteidigen. Dazu gehört übrigens auch, dass ich die Kategorie der „Verletzung religiöser Gefühle“ (oder ähnlicher) für die zeitgenössische Kunst fast als eine Art Kapitulation der Institutionen erlebe, wenn bei einzelnen Werken davor gewarnt wird.

    Mit herzlichen Grüßen und den besten Wünschen für Gesundheit und Optimismus in schwierigen Zeiten

    Roland Nachtigäller
    Direktor | Director

    Marta Herford gGmbH
    Goebenstraße 2–10, D-32052 Herford
    T: +49 (0) 52 21/99 44 30 -16, F: …-18
    roland.nachtigaeller@marta-herford.de

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    • wolfgangullrich 31. Oktober 2020

      Lieber Herr Nachtigäller,

      herzlichen Dank für Ihren Zuruf! Vermutlich liegen wir nicht einmal so weit auseinander. Ich schreibe ja an keiner Stelle, Kunst ‚müsse‘ irgendetwas oder ‚dürfe‘ etwas anderes nicht. Es geht mir aber darum, die Debatten über Kunstfreiheit anders als üblich zu führen. Es erscheint mir unproduktiv, das, was meist mit dem Schlagwort ‚Political Correctness‘ bezeichnet wird, in Opposition zur Kunst zu bringen. Dann wirkt es gleich so, als ginge es nur ums Verbieten, ja um Kulturkampf. Dabei ist die Sache doch einfacher. So kann ich mir nämlich gar nicht vorstellen, dass (relevante, ernsthafte) Künstler*innen von dem Bedürfnis getrieben sind, andere zu diskriminieren oder zu verletzen. Ja, ich kann mir keine Kunst vorstellen, die konstitutiv darauf angewiesen ist, ihre Autonomie damit zu beweisen, dass sie aggressiv um sich schlägt und rassistisch, sexistisch, blasphemisch etc. ist. Dana Schutz wollte die Schwarzen mit ihrer Paraphrase auf Emmett Till nicht verletzen, aber sie hat’s getan – und sie hat richtig darauf reagiert und wird ihr Bild nicht mehr zeigen. In Fällen gezielter Provokation muss man immer sehr genau fragen, ob der Zweck die Mittel heiligt, was es also bringt, etwas zu machen, das bestimmte Gruppen oder Individuen herabsetzt oder angreift. Das kann im Einzelfall durchaus begründbar sein, aber je sorgfältiger darüber diskutiert wird, je mehr Sensibilität grundsätzlich vorhanden ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass letztlich etwas Gutes entsteht. Mir geht es also nicht um einen Gegensatz von Kunst und Moral, sondern darum, Kunst dadurch klüger, reflektierter, komplexer zu machen, dass Künstler*innen solche Fragen nach der Rezeption ihrer Werke durch verschiedene Teile ihres Publikums von vornherein im Blick haben. Kunst könnte (und sollte?) hier sogar vorbildlich wirken, im Moment gefällt sie sich leider oft in pauschalen, selbstgerechten Rufen nach totaler Freiheit. Die Aufgabe des Museums ist es, solche Debatten über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft zu führen und gerade an Einzelfällen zu erörtern, was im öffentlichen Raum – der das Museum ja auch ist – gewünscht, möglich oder eben gefährlich ist. Ich freue mich über jede Debatte – und nachdem wir in den letzten Jahren ein paar hatten, ist ja auch schon zu erkennen, dass sie im Ergebnis sehr unterschiedlich verlaufen – dass es aber auch nicht dazu kommt, dass immer noch mehr Rufe nach immer noch mehr Verbannungen laut werden. Mir scheint vielmehr, dass die Beteiligten insgesamt sehr ernsthaft streiten, natürlich gibt es gelegentliche Fanatisierungen auf beiden Seiten, aber eigentlich beweist jede dieser Debatten mehr als vieles andere, welche Bedeutung Kunst nach wie vor haben kann. Da ich Sie in besonders entschiedener Weise als jemand erlebt habe, der das Museum als öffentlichen Raum – als Ort, an dem Gesellschaft lebendig wird und nicht nur der Kunst als Kunst gefrönt wird – begreift, bin ich guten Mutes, dass Sie meiner Position zumindest nicht ganz abgeneigt sind 😉

      Ganz herzlich
      Ihr
      Wolfgang Ullrich

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  3. kopfundgestalt 1. November 2020

    Erfahren denn Aussteller – in voller Breite- welche Wirkung jeweils ein einzelnes Werk zeitigt? Darüber weiss ich wenig.
    Zeitgenössische Kunst zieht mich mehr an als die Klassiker. Dennoch kann ich mich an mindestens zwei Fälle der letzten wohl 20 Jahre erinnern, in der ich schockiert war.
    Nicht jeder Schock ist im übrigen heilsam.
    Das als kleine Anfügung.

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    • wolfgangullrich 1. November 2020

      …Aussteller bekommen das spätestens dann mit, wenn es Proteste gibt. Diese können vorhersehbar sein oder auch überraschend erfolgen. So oder so sollte man sie erstmal ernst nehmen und einzuordnen sowie zu verstehen versuchen. – Provokation ist eine wichtige Strategie der Kunst, aber es geht darum, sie in jeder Hinsicht möglichst genau zu definieren, also zu überlegen, (1) wen man (2) warum und (3) womit (4) wozu provozieren will.

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      • kopfundgestalt 1. November 2020

        Den einen Fall, den ich im Kopf habe, kann ich in der Hinsicht mal abklopfen.
        Das „wen“ blieb dort im Unklaren, wenn Kinder oder Sensible Texte lesen können, die zwar offenbar versteckt und quasi ausser Zusammenhang angebracht, aber dennoch auffindbar sind.

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