Video-Essay: Die Politisierung des Gesichts. Über Makeup-Aktivismus im Netz

Das Selfie, eine der ältesten und wichtigsten Gattungen von Bildern in den Sozialen Medien, hat sich in den letzten Jahren weiter ausdifferenziert. Dabei wird das Gesicht immer häufiger zu einem politischen Ort aufgeladen. Mit Makeup, Filtern, Frisuren und Accessoires wird es zum Botschafter für diverse gesellschaftspolitische Themen. Nahezu alle relevanten aktuellen politischen Diskurse schlagen sich mittlerweile also auch in Stylings nieder, die meist für Fotos innerhalb der Sozialen Medien entwickelt werden. In diesem Video-Essay, der auf einen Vortrag zurückgeht, den ich am 28. April 2021 auf Einladung der Universität Zürich gehalten habe, konzentriere ich mich auf die Analyse einiger jüngerer Entwicklungen im Bereich der Makeup-Art.

Am 30. April 2021 erschien in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ein Text des Philosophen Giorgio Agamben, in dem er beklagt, dass es infolge der staatlich verordneten Maskenpflicht zu einem „völligen Verschwinden“ des Gesichts in der Öffentlichkeit komme. Da das Gesicht aber „der Ort der Politik“, ja „das politische Element an sich“ sei, wirft er den Staaten vor, sie hätten durch die Maskenpflicht „jede politische Dimension aus sich getilgt.“ Und weiter: „In diesem leeren Raum, jederzeit einer unbegrenzten Kontrolle unterworfen, bewegen sich nun voneinander isolierte Individuen, die das unmittelbare, wahrnehmbare Fundament ihrer Gemeinschaft verloren haben und nur noch Nachrichten austauschen können, gerichtet an einen gesichtslosen Namen.“ In der „Auslöschung des Gesichts“ erblickt Agamben nicht weniger als eine diktatorische „Regierungsmaschine“ und „sanitären Terror“ – und schließt mit der Behauptung: „Eine Gesellschaft ohne Gesicht […] ist eine unfreie Gesellschaft von Gespenstern. Es ist eine Gesellschaft, die als solche mehr oder weniger schnell dem Untergang geweiht ist.“ – Mein Video-Essay versteht sich in diesem Sinne als Gegenentwurf zu Agambens Kulturpessimismus. Mir erscheint das Gesicht als Ort der Politik sogar noch nie so lebendig gewesen zu sein wie heute: in Zeiten eines Selfie- und Makeup-Aktivismus, der die politische Ikonographie innerhalb weniger Jahre – seit dem Erstarken der Sozialen Medien – markant verändert und bereichert hat.

Der Video-Essay ist auf dem YouTube-Channel „Digitale Bildkulturen“ veröffentlicht und hier anzuschauen!

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