Zwei Texte über Bildersozialismus

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Am 19. Oktober 2016 hielt ich auf Einladung der Kunstuni Linz einen Vortrag über die Rolle von Bildern in den Social Media. Darin stelle ich zur Diskussion, die dort sich etablierende Bildkultur im historischen Vergleich als erste Kultur zu beschreiben, in der ein Bildersozialismus existiert. Dazu beziehe ich mich (im zweiten Teil) vor allem auf Peter Weiss und „Die Ästhetik des Widerstands“, um zu zeigen, was Versuche der Aneignung elitärer Hochkultur, wie sie innerhalb der sozialistischen Bewegung stattfanden, mit heutigen Aneignungsversuchen von Ikonen der Kunstgeschichte in den Social Media verbindet – und was sie davon unterscheidet.

Der Vortrag ist nachzulesen unter bildersozialismus.

Am 31. Oktober 2016 erschien in der NZZ mein Kommentar „Der neue Bildersozialismus“, in dem ich zentrale Thesen aus dem Linzer Vortrag zusammenfasse.

Comments 2

  1. E. Wagner 29. November 2016

    Lieber Herr Ullrich,
    vielleicht ist dies der geeignete Ort für einen kurzen Kommentar zu Ihrem schönen und mitreißenden Festvortrag heute im Warburg-Haus, bei dem der Begriff „Bildersozialismus“ am Rande fiel. Dass die Produktionsmittel nun im Besitz der Massen seien, diente Ihnen als ökonomische Begründung dieses Begriffs. Dazu gebe ich Folgendes zu bedenken: Erstens wird der von den Bildermachern produzierte ökonomische Wert vollständig abgeschöpft und fließt bis auf den letzten Cent die Tasche der Unternehmer (Instagram, Pinterest, Snapchat, Twitter etc.). Im Grunde muss man von Ausbeutung sprechen, wenn man wirtschaftlich argumentieren will. Dann erkennt man auch, dass zweitens die Bilder gar nicht wirklich die Produkte sind, die Produziert werden, sondern viel mehr die Personendaten der App- und Smartphonebenutzer (sowie ihre Aufmerksamkeit für Werbungsinhalte), und dass schließlich drittens die Produktionsmittel nicht wirklich den Produzenten gehören können. Die genannten Plattformen und Apps genauso wie die Smartphones werden den Nutzern in Wahrheit doch aufgezwungen durch die endlos penetranten Imperative zu „sozialer“ Aktivität und zum „Sharen“ irgendwelcher „Inhalte“; temporär zur Verfügung gestellt im Austausch für Geld und für monetarisierbare Daten, solange bis die Hardware nicht mehr unterstützt wird. Hier von Sozialismus zu sprechen, entbehrt angesichts der totalen Ausbeutung der Produzenten nicht eines gewissen Zynismus, möchte ich meinen. Oder sehen Sie das anders?
    Mit bestem Gruß, EW

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    • wolfgangullrich 29. November 2016

      Lieber Herr Wagner,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und die kritischen Einwände zum Begriff eines Bildersozialismus! Ich kann sie natürlich gut verstehen – und habe sie mir selbst auch schon gemacht. Letztlich waren sie für mich aber nicht triftig genug, um auf den Begriff verzichten zu wollen. Indem sich der Sozialismus hierbei ja wirklich ‚nur’ auf die Bilder bezieht, ist über die Art der Ökonomie, innerhalb derer er stattfindet, noch gar nichts gesagt. Und die ist faktisch alles andere als sozialistisch, da sind wir sicher einig.
      Ich habe den Begriff also auch nicht ökonomisch hergeleitet oder begründet, sondern einerseits damit legitimiert, dass (Bild)produktionsmittel nun, verglichen mit früheren Phasen der Kulturgeschichte, weithin günstig verfügbar sind (es geht dabei um Zugang, nicht unbedingt um Eigentum!), andererseits damit erklärt, dass die Bilder in den Social Media mehr denn je dazu dienen, so etwas wie soziale – gesellschaftskonstituierende – Zwecke zu erfüllen.
      Dennoch will ich noch kurz auf Ihre Einwände zu sprechen kommen.
      1. Der größte Teil des ökonomischen Werts dessen, was für die Social Media produziert wird und dort zirkuliert, wird fraglos von den Betreibern der Plattformen abgeschöpft. Dennoch gibt es gar etliche, die ein wenig oder auch gar nicht so wenig oder sogar sehr viel Geld allein damit verdienen, dass sie bestimmte Arten von Bildern machen und online stellen. Denken Sie nur an das Influencer-Marketing, das zu einem gewaltigen Millionenmarkt geworden ist, ja das bereits zu neuen Berufsbildern geführt hat.
      2. Von Ausbeutung würde ich nicht sprechen, da das voraussetzen würde, dass jemand die Notlage eines anderen ausnützt. Es wird aber niemand gezwungen, Bilder zu machen oder überhaupt die Social Media zu nutzen.
      3. Auch von einem Aufzwingen würde ich daher nicht sprechen. Sie sind doch frei genug, um selbst zu entscheiden, ob Sie bestimmte Apps erwerben, ja ob Sie überhaupt ein Smartphone nutzen. Allerdings haben Sie Recht: Wenn Sie sich erst einmal für etwas entschieden haben, sind Sie in dessen Nutzung und erst recht hinsichtlich der Verwendung der Daten, die Sie produzieren, durch die Unternehmen nicht mehr frei. Das verlangt immer wieder eine möglichst bewusste Auseinandersetzung. Aber irgendwann wird es hoffentlich auch einen stärkeren Verbraucherschutz geben – dies das Pendant zu den Gewerkschaften zu Zeiten des politischen Sozialismus 😉

      Herzliche Grüße

      Wolfgang Ullrich

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