„Viel Zeit auf wenig Fläche. Zu Hubert Beckers Fotografien“

Hubert Becker baut Fotografien oder Gemälde in Form aufwendiger 3D-Modelle nach, um diese dann abzufotografieren. Im Lauf von mehr als zwei Jahrzehnten hat er so einen individuellen Kanon der Werke geschaffen, die ihm besonders viel bedeuten, von Walker Evans (siehe Abb.) bis Luigi Ghirri, von Giorgio de Chirico bis Matthias Weischer. Die so entstehenden Bilder nach Bildern sind diesen sehr ähnlich, haben aber dennoch einen anderen Charakter. Sie wirken eingefroren oder künstlich. In jedem Fall wird man dazu verleitet, ein Becker-Foto analytisch zu betrachten, kleine Lücken oder Risse im perfekten Schein zu suchen. Man will kapieren, wie das Bild entstanden ist, gerade wenn es sich um ein Motiv handelt, dessen Vorbild man kennt. Dass Beckers Fotos ihre Machart aber nie ganz offenbaren, sondern bezogen auf sich selbst ausnehmend diskret sind, zeichnet sie aus. – Für den Katalog zu einer Ausstellung Beckers in der Kölner Galerie M29 habe ich einen Text geschrieben – hier zu lesen:

Vortrag: Die Aktivierung der Bilder im digitalen Raum. Was heißt das für die Fotokunst?

Auf der Biennale „düsseldorf photo+“ hielt ich am 31. Mai 2022 einen Vortrag darüber, welche Folgen Charakter und Funktionen von Bildern im digitalen Raum für die Fotokunst haben. Inwiefern ist es eine Gefahr für diese, dass Bilder in den Sozialen Medien adressiert, vereinnahmend, auf Reaktion angelegt sind? Und wie kann man mit spezifisch künstlerischen Methoden wichtige Gegenakzente setzen und der Fotokunst damit zu umso größerer Legitimation verhelfen? – Der nochmals nachproduzierte und etwas gekürzte Vortrag ist auf dem YouTube-Channel von „Digitale Bildkulturen“ hier anzuschauen.

Ergänzend zum Vortrag gibt es ein Gespräch, das Andy Scholz mit mir für seinen Podcast „Fotografie neu denken“ aufgenommen hat – zu hören hier!

Thematisch verwandt ist zudem ein Beitrag, den ich für das Programmheft der „düsseldorf photo+“ schrieb. Der Text mit dem Titel „Der zweite Klick“ ist hier abrufbar:

Karin Kneffel: Ontologisches Neuland

Für die Ausstellung „Karin Kneffel – im Augenblick“ im Max Ernst Museum Brühl habe ich einen Katalogbeitrag geschrieben. Unter dem Titel „Ontologisches Neuland“ widme ich mich darin vor allem Karin Kneffels Auseinandersetzung mit der Klassischen Moderne:

„Dank der vielfältigen Brechungen und Überlagerungen und wegen der dadurch entstehenden Verfremdungen erscheinen die [durchwegs der Kunstgeschichte der Klassischen Moderne entstammenden] Räume, Skulpturen und Gemälde auf Karin Kneffels Bildern wie verhext oder verzaubert. Es ist, als würde es in ihnen spuken. Dass es oft dunkel ist, dann aber plötzlich irgendwo ein Licht auftaucht, verstärkt diesen Eindruck, ebenso wie jede Unklarheit darüber, ob eine Figur ein Mensch oder eine Skulptur ist, ob sich etwas vor oder hinter einer Glasscheibe abspielt, ob es sich bei einem Phänomen um eine Spiegelung oder eine Projektion handelt oder von was für einer Lichtquelle ein Schatten herrührt. Eine derart verwunschen-unheimliche Atmosphäre kennt man sonst vor allem aus Erzählungen und Filmen von alten Schlössern, in denen Untote oder Geister ihr Unwesen treiben. – Ist die Moderne also ein Spuk? Sind ihre Orte gar nicht nüchtern, nicht die oft propagierten White Cubes, sondern im Gegenteil Räume voll unerlöster Objekte und Beziehungen? […] Zumindest entsteht auf Kneffels Gemälden ein ganz anderes Bild der Moderne, als deren Protagonisten es selbst vermittelt hatten. Und den berühmt gewordenen Satz des Kurators Roger M. Buergel, wonach „die Moderne unsere Antike“ sei, mit dem er die von ihm verantwortete documenta 12 im Jahr 2007 erläuterte, hört man auf einmal mit einem düsteren Unterton. Ist die Moderne vielleicht nicht deshalb nach wie vor so präsent in vielen zeitgenössischen Œuvres, weil sie als das strahlende Vorbild, als geradezu allgemeingültiger, unüberholbarer Maßstab fungiert, sondern weil sie zum Wiedergänger mutiert ist und sich als solcher in vielfältigster Gestalt in die Werke heutiger Künstler und Künstlerinnen einschleicht, ja zur Obsession geworden ist?“

Der vollständige Katalogtext ist hier zu lesen:

Streitgespräch über (post)autonome Kunst

Am 25. Mai diskutierte ich mit dem Philosophen Harry Lehmann im Haus am Lützowplatz (Berlin) über mein Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“. Dabei konzentrierten wir uns auf die Frage, ob man von einem Paradigmenwechsel – einer Ablösung des Autonomie-Ideals durch nicht-autonome Formen von Kunst – überhaupt sprechen kann. Nicht nur hier gelangten wir zu unterschiedlichen Einschätzungen, vor allem stritten wir auch darüber, wie postautonome Formen von Kunst gegenüber autonomen Formen zu bewerten sind. – Das von Marc Wellmann moderierte Gespräch ist nun als Video online und hier anzuschauen!

Kanzelrede über „Little Cloud“

In der St. Matthäus-Kirche in Berlin findet gerade eine Reihe von Kanzelreden statt – aus Anlass des 500. Jahrestags des Wittenberger Bilderstreits. Es geht darum, welche Bildwerke auch heute einen Streit auslösen können, mit welchen man vielleicht sogar selbst „in einen inneren Bilderstreit“ gerät. Ich sprach in meiner Kanzelrede am 1. Mai über „Little Cloud“, eines der erfolgreichsten ‚Art Toys‘ der Künstlergruppe FriendsWithYou. Dieser Figur gelingt es wie auch anderen ‚Art Toys‘, dass Besitzer:innen ein enges, emotionales Verhältnis dazu entwickeln; sie nimmt für sie die Rolle eines Talismans, Maskottchens oder Begleiters durch den Alltag ein. Oft werden ‚Art Toys‘ in der Tradition animistischer Objekte gesehen. Damit aber steht der Umgang mit ihnen in starkem Kontrast dazu, wie vor allem die Kunst des Westens rezipiert wurde und wird. Ihr begegnet man analog zu einem monotheistischen Gott als etwas, dem man unterlegen ist, das Demut und Hingabe verlangt und oft unzugänglich bleibt – gerade dann nicht tröstet, wenn man es am dringendsten nötig hätte.

Zwischen der Kunstreligion und einen Animismus entsteht aktuell also vielleicht ein ähnlicher (Bilder)streit wie vor 500 Jahren zwischen Katholizismus und Protestantismus? Davon handelt meine Kanzelrede, in der ich damit auch ein paar Thesen zuspitze, die in einem Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ in breiteren Zusammenhängen verhandelt werden.

Hier meine Kanzelrede:

Feedback zu „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Vor genau einem Monat ist mein Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ erschienen (mehr dazu hier). Hier ein Überblick über die bisherigen Rezensionen:

Der in Kiel lebende Künstler Nils Pooker hat das Cover meines Buches in Quadrate übersetzt und daraus ein Gemälde gemacht – mehr zu seinem Konzept und seinen Werkformen hier!

Mark Siemons (FAS): „Der Sneaker als Kunst und Selbstermächtigung“

Thorsten Jantschek (Philosophiemagazin): „Weltinteresse“

Janis El-Bira (Nachtkritik): „Das ‚Art Toy‘ als Lebensbegleiter“

Brigitte Werneburg (taz): „Werk ohne Grenzen“

Christina Dongowski (54books): „Ist das Kunst oder kann ich das haben?“

Tobias Bruns (philosophenstreik): „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Michael Kröger (Kunstbuchanzeiger): „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Der Perlentaucher zählt mein Buch in seinem Bücherbrief zu „den besten Büchern des Monats April“.

Update 16. Mai:

Diedrich Diederichsen (Süddeutsche Zeitung): „Dieses Ende ist so hell, dass man sich eine Sonnenbrille aufsetzen muss“

Update 10. Juni:

Larissa Kunert (Neues Deutschland): „Realistischer Kunstkapitalismus“

Update 14. Juli:

Ingo Arend (Deutschlandfunk Kultur/ Lesart): „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ und hier

Update 16. Juli:

Hubertus Kohle (sehepunkte): „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

„Digital Other“

Mit der Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Katja Kauer sprach ich für den Channel „Digitale Bildkulturen“ über ihren Begriff „Digital Other“. Gemeint ist damit das Phänomen, dass Menschen, die viele Selfies machen oder die ihren Alltag in den Sozialen Medien oft zum Bild werden lassen, ihre eigene Bildhaftigkeit – den Blick von anderen auf ihre Person – verinnerlichen und entsprechend immer schon versuchen, sich möglichst so zu präsentieren, dass sie dem Bild entsprechen, von dem sie glauben, dass es jene anderen von ihnen haben. Hier ist das Video anzuschauen – und hier noch eine kurze Inhaltsangabe des Gesprächs:

Kauer beobachtet das ‚Digital Other‘ als neue Instanz der Verhaltensreflexion und -regulierung gerade auch in der zeitgenössischen Literatur – ein Beispiel im Gespräch ist eine Passage aus dem Roman „Allegro Pastell“ (2020) von Leif Randt. Das Gespräch widmet sich dann der Frage, ob das ‚Digital Other‘ eine Ausweitung der Art von Fremdbestimmung darstellt, die in der feministischen Theorie unter dem Begriff des ‚male gaze‘ – des von Frauen internalisierten Blicks von Männern auf sie – verhandelt wird.

Ferner sprechen wir über verschiedene Deutungsmöglich-keiten des ‚Digital Other‘ und ordnen es in historische Diskurse (z.B. den über ‚Anmut‘ im 18. Jhdt.) ein. Gegen Ende kommen wir auf den Internettheoretiker Rob Horning zu sprechen, der 2022 in einem Text beschrieb, wie eine große Sammlung von Polaroids aus den 1980er Jahren auf ihn wirkte. Damals hätten sich die Fotografierten noch nicht vorstellen können, dass sie allgemein sichtbar würden. Ihre Bildhaftigkeit sei ihnen noch nicht bewusst gewesen, damit würden sie arglos und unschuldig wirken, der Mangel an Bewusstsein ihrer selbst habe ihnen noch eine gewisse Aura verliehen, die, so könnte man folgern, durch das ‚Digital Other‘ verloren geht.

„Aktualitätsjetzt“

Bei DCV Contemporary ist gerade ein Buch mit dem Titel „Aktualitätsjetzt“ erschienen, das ich zusammen mit dem Künstler und Autor Roland Schappert verfasst habe. Ausgangspunkt von insgesamt vierzehn Dialogen sind jeweils Schriftbilder Schapperts. Diese sind für ganz verschiedene Medien entwickelt, sind zum Teil große Wandarbeiten, zum Teil schnelle Skizzen, liefern aufgrund ihrer jeweiligen formalen Eigenheiten aber immer viel Stoff für Diskussionen. Wir führten diese über zwei Jahre hinweg in Form von Mails und behandelten dabei auch etliche allgemeinere Fragen zu Kunsttheorie und Kunstsoziologie, sprechen also etwa über Spielarten und Funktionen politischer Kunst, über die Geschichte als Kategorie der Bewertung von Kunst, über das Verhältnis von Kunst und Kultur oder über NFTs. Exemplarisch sei hier einer der Dialoge – mit dem Titel VICTOR VICTIM – zugänglich gemacht:

Postdigitaler Salon

Am 19. März 2022 fand in Leipzig der „Postdigitale Salon“ statt – begleitend zur Popup-Buchmesse, die als Ersatz für die abgesagte Buchmesse sowie das Festival „Leipzig liest“ eingerichtet wurde. Der „Postdigitale Salon“ entstand in Kooperation des Online-Feuilletons „54books“ mit der im Verlag Klaus Wagenbach erscheinenden Reihe „Digitale Bildkulturen“.

Nun sind die Videomitschnitte des Salon-Abends online gestellt!

+ Elisa Aseva über ihr aus Facebook-Posts hervorgegangenes Buch „Über Stunden“ im Gespräch mit Simon Sahner – anzuschauen hier!

+ Annekathrin Kohout über ihr Buch „Nerds. Eine Popkulturgeschichte“ im Gespräch mit Marlen Hobrack – anzuschauen hier!

+ Berit Glanz über ihren Roman „Automaton“ im Gespräch mit Simon Sahner – anzuschauen hier!

+ Jacob Birken über sein Buch „Videospiele“ im Gespräch mit Linus Guggenberger – anzuschauen hier!

+ Christina Dongowski, Johannes Franzen und ich in der Diskussion über „Autonomie nach der Digitalisierung“ – anzuschauen hier!