Gegen das Atelier

Robert Smithson: „Kulturelle Gefängnisse“ (1974), in: Ders.: Gesammelte Schriften, hg. v. Eva Schmidt/Kai Vöckler, Köln 2000, S. 185.

Nachdem ich im Mai 2020 in meiner Kolumne für ‚art – das Kunstmagazin‘ über Friedrich Overbeck, Daniel Buren und das Ideal ortsfester Kunst geschrieben hatte (nachzulesen hier), habe ich das Thema noch ausführlicher erforscht. Mich interessierte dabei vor allem der Topos, dass Kunst, die in einem Atelier entsteht, von vornherein schwächer sei als eine Kunst, die für einen bestimmten Ort gedacht ist und an diesem geschaffen wird. Dieser Topos sowie seine allgemeinere Version, wonach jegliche mobile Kunst beliebig-wurzellos sei, existiert vor allem in konservativ-reaktionären Kreisen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und erfährt dabei in Extremfällen eine klar antisemitische Konnotation, taucht aber auch in postavantgardistischer Kunst unter anderen Vorzeichen wieder auf. Umso wichtiger scheint es mir zu sein, dem weit verbreiteten Misstrauen gegenüber mobiler Kunst genauer nachzugehen, zumal es fast immer auch ein Misstrauen gegenüber Kunst in Museen und auf dem Markt ist. In der Pop-Zeitschrift sind meine (bisherigen) Recherchen und Überlegungen zu diesem Thema nun erschienen – nachzulesen unter dem Titel „Gegen das Atelier. Mobile Kunst zwischen reaktionärer und postavantgardistischer Kritik“.

Web-Gespräch mit Susanne Ristow über ihr Buch „Kulturvirologie“

Für den YouTube-Channel von „Digitale Bildkulturen“ habe ich mit der Kulturwissenschaftlerin und Künstlerin Susanne Ristow über einige Themen ihres 2021 erschienenen Buchs „Kulturvirologie. Das Prinzip Virus von Moderne bis Digitalära“ gesprochen.

Unser Ausgangspunkt ist Ristows Diagnose eines „metaphorischen Wildwuchses“, würden doch „viele der Inhalte, die heutzutage als ‚viral‘ bezeichnet werden, […] keinesfalls den Kriterien des Viralen“ entsprechen. Daraus ergeben sich folgende Fragen, denen das Gespräch gewidmet ist: Was sind die Kriterien für Viralität? Inwiefern werden diese Kriterien von Memen erfüllt? Was sind historische Vorläufer digitaler viraler (Bild)phänomene? Warum lässt sich aus heutiger Perspektive vor allem von der Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre lernen? Warum ist gerade Yoko Ono wieder so aktuell? Von der Collage zum Mashup und Mem – ein kulturvirologisches Paradigma? – Das Gespräch ist hier verfügbar!

#MakartNow

Die Hamburger Kunsthalle hat ihr flächenmäßig größtes Gemälde, Hans Makarts Der Einzug Karls V. in Antwerpen (1878), zur Diskussion gestellt und innerhalb der Aktion #MakartNow Statements zu diesem Hauptwerk der Salonmalerei gesammelt, das einige Zeit abgehängt war, seit 2020 aber wieder zu sehen ist – obwohl oder gerade weil es in seiner Thematik nach heutigen Maßstäben nicht unproblematisch ist. Auch ich wurde um ein Statement dazu gebeten (hier auch die anderen Statements sowie die Hintergründe der Aktion):

„Fans – eine neue Größe im Kunstbetrieb“

Am 25. Juni 2021 hielt ich auf Einladung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) einen Online-Vortrag unter dem Titel „Fans – eine neue Größe im Kunstbetrieb“. Meine These: Seit einigen Jahren werden – forciert vor allem durch die Social Media und das Prinzip ‚Follower‘ – auch in der Bildenden Kunst Fans zu einer wichtigen Größe. Anders als Sammler*innen haben sie zwar weniger Geld, definieren sich im Unterschied zu Rezipient*innen aber auch über den Besitz von Artefakten. Diese entstehen oft in großen Auflagen und vielen Varianten (oder, als Spezialbereich, als NFTs). Jedenfalls haben sich viele Künstler*innen bereits darauf eingestellt, ihre Bedeutung nun nicht mehr nur dem Zuspruch von Kurator*innen und Sammler*innen, sondern eben auch von Fans zu verdanken, was innerhalb des Vortrags am Beispiel von Damien Hirst genauer dargestellt wird.

Indem Follower und Fans zunehmend an Einfluss gewinnen, nähert sich die Bildende Kunst strukturell Bereichen wie der Musik, dem Film oder der Literatur an. Außerdem scheint hier ein globalisierungsbedingt starker Einfluss von asiatischen Ländern wie Süd-Korea und Japan vorzuliegen, in denen es schon länger viel stärker etablierte Fankulturen gibt, worauf der Vortrag im zweiten Teil etwas näher eingeht.

Der Vortrag ist als Fortsetzung eines Videoessays zu begreifen, den ich im August 2020 publizierte und in dem ich am Beispiel von Jeff Koons‘ „Balloon Dog“ zeigte, wie Werke, deren Sujets ursprünglich aus der Pop- und Alltagskultur stammen, immer wieder dorthin zurückkehren, nachdem sie auf dem exklusiven Feld der Kunst geadelt wurden.

Die allerersten Sätze – Begrüßung und Einleitung – fehlen bei der Aufzeichnung, die hier anzuschauen ist.

Kunst und Markt – zwei Videos

Im Oktober 2020 wurde ich von Lena von Geyso und Franziska Meier, zwei Doktorandinnen des Promotionskollegs „Kunst, Kultur und Märkte“ der Universität Heidelberg, zur Warenästhetik von Kunst interviewt. Dabei diskutierten wir einige Phänomene des zeitgenössischen Kunstbetriebs unter den Leitbegriffen ‚Vieldeutigkeit‘, ‚Serialität‘ und ‚Partizipation‘. Diese Begriffe sind fast immer im Spiel, wenn es darum geht, Kunstobjekte zu besonders attraktiven Konsumgütern zu machen. Das Video des Gesprächs ist nun online und hier anzuschauen!

Am 26. April 2021 nahm ich am Online-Symposium „Global – Lokal / Do the winners take it all?“ teil, das die Produzentengalerie DER MIXER im Rahmen eines Ausstellungsprojekts veranstaltete. In meinem Impulsstatement aktualisierte ich einige Überlegungen aus meinem Buch „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“ (2016) und versuchte zu zeigen, dass die global erfolgreichsten Künstler*innen mittlerweile auch für lokale Galerien und Künstler*innen zu einer Konkurrenz und damit zu einer Bedrohung werden, ja dass sie auch die lokalen Märkte zunehmend beherrschen. Andere Impulsstatements waren von Nina Tessa Zahner, Stefan Heidenreich und Hans Dieter Huber. Die darauf folgender Diskussion wurde von Dorothee Baer-Bogenschütz moderiert. Auch diese Veranstaltung ist nun komplett online verfügbar und hier anzuschauen (mein Impulsstatement beginnt bei Minute 29:05) Mehr zur Veranstaltung hier (u.a. mit ZOOM-Link): 

Video-Essay: Die Politisierung des Gesichts. Über Makeup-Aktivismus im Netz

Das Selfie, eine der ältesten und wichtigsten Gattungen von Bildern in den Sozialen Medien, hat sich in den letzten Jahren weiter ausdifferenziert. Dabei wird das Gesicht immer häufiger zu einem politischen Ort aufgeladen. Mit Makeup, Filtern, Frisuren und Accessoires wird es zum Botschafter für diverse gesellschaftspolitische Themen. Nahezu alle relevanten aktuellen politischen Diskurse schlagen sich mittlerweile also auch in Stylings nieder, die meist für Fotos innerhalb der Sozialen Medien entwickelt werden. In diesem Video-Essay, der auf einen Vortrag zurückgeht, den ich am 28. April 2021 auf Einladung der Universität Zürich gehalten habe, konzentriere ich mich auf die Analyse einiger jüngerer Entwicklungen im Bereich der Makeup-Art.

Am 30. April 2021 erschien in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ein Text des Philosophen Giorgio Agamben, in dem er beklagt, dass es infolge der staatlich verordneten Maskenpflicht zu einem „völligen Verschwinden“ des Gesichts in der Öffentlichkeit komme. Da das Gesicht aber „der Ort der Politik“, ja „das politische Element an sich“ sei, wirft er den Staaten vor, sie hätten durch die Maskenpflicht „jede politische Dimension aus sich getilgt.“ Und weiter: „In diesem leeren Raum, jederzeit einer unbegrenzten Kontrolle unterworfen, bewegen sich nun voneinander isolierte Individuen, die das unmittelbare, wahrnehmbare Fundament ihrer Gemeinschaft verloren haben und nur noch Nachrichten austauschen können, gerichtet an einen gesichtslosen Namen.“ In der „Auslöschung des Gesichts“ erblickt Agamben nicht weniger als eine diktatorische „Regierungsmaschine“ und „sanitären Terror“ – und schließt mit der Behauptung: „Eine Gesellschaft ohne Gesicht […] ist eine unfreie Gesellschaft von Gespenstern. Es ist eine Gesellschaft, die als solche mehr oder weniger schnell dem Untergang geweiht ist.“ – Mein Video-Essay versteht sich in diesem Sinne als Gegenentwurf zu Agambens Kulturpessimismus. Mir erscheint das Gesicht als Ort der Politik sogar noch nie so lebendig gewesen zu sein wie heute: in Zeiten eines Selfie- und Makeup-Aktivismus, der die politische Ikonographie innerhalb weniger Jahre – seit dem Erstarken der Sozialen Medien – markant verändert und bereichert hat.

Der Video-Essay ist auf dem YouTube-Channel „Digitale Bildkulturen“ veröffentlicht und hier anzuschauen!

M+M: „Kein Freiheits- und Einheitsdenkmal“

Das in München ansässige Künstlerduo M+M hatte gemeinsam mit ANNABAU Architektur und Landschaft 2012 den Wettbewerb zum Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal gewonnen, der von der Stadt Leipzig ausgelobt worden war. Dennoch wurde der Entwurf unter dem Titel „Siebzigtausend“ nie realisiert, vielmehr entspannen sich infolge der Jury-Entscheidung lange und kontroverse Debatten, die letztlich dazu führten, dass der Wettbewerb komplett abgeblasen wurde. 2020 haben M+M (Marc Weis und Martin De Mattia) in der ‚edition metzel‘ des Verlags Silke Schreiber ein Buch herausgebracht, das unter dem Titel „Kein Freiheits- und Einheitsdenkmal“ den Streit, den der Wettbewerbssieg auslöste, mit vielen originalen Dokumenten rekonstruiert. Aus Anlass dieses Buchs führte ich mit M+M einen Mail-Dialog, der nun veröffentlicht wurde und hier nachzulesen ist!

Web-Talk: Angriff von allen Seiten: Kunstfreiheit in Gefahr!?

Auf Einladung der Kulturpolitischen Gesellschaft durfte ich am 20. April 2021 zusammen mit Gerhart Baum und Ina Hartwig und moderiert von Anke von Heyl zu den aktuellen Diskursen über Kunstfreiheit Stellung beziehen. Der vollständige Mitschnitt der Veranstaltung ist nun veröffentlicht – anzuschauen hier (YouTube) und anzuhören hier (Soundcloud) oder hier (Spotify)! Mein Impulsreferat beginnt bei Minute 40:30 und gründet auf der These, dass der Begriff der Kunstfreiheit mit der Krise bzw. dem Ende der autonomen Kunst seine ideelle Grundlage weitgehend eingebüßt hat und damit sehr leicht instrumentalisierbar geworden ist.

Sebastian Jungs skeptischer Aktivismus

Der in Leipzig lebende Künstler Sebastian Jung hat in den letzten Jahren diverse Zyklen von Zeichnungen angelegt, die sich sozialen Konflikten und politischen Auseinandersetzungen widmen. Vor allem Demonstrationen begleitet Jung oft mit Block und Bleistift. Seit einem Jahr sind so nicht zuletzt die durch Corona entstandenen gesellschaftlichen Verwerfungen sein Thema, also etwa die Proteste von ‚Querdenkern‘ und die Reaktionen darauf. Einige Serien dieser Zeichnungen aus der Corona-Zeit wurden nun innerhalb eines von ihm initiierten Projekts der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht. Unter dem Titel „Hot Spot Society“ werden die Zeichnungen von Statements verschiedener Expert*innen begleitet, die die sozioökonomischen Folgen der Pandemie für unterschiedlich betroffene Bevölkerungsgruppen beurteilen. Ich habe zu dem Projekt einen Essay über Jungs Zeichnungen und seine künstlerische Haltung beigesteuert:

„Die Aggressivität bei vielen Demonstrationszügen kann Jung mit seinem formelhaft reduzierten Strich genauso rauskürzen wie die Gier, Einsamkeit oder Angst von Leuten im Kaufrausch oder das Elend von Obdachlosen. Zwischen den Sujets und ihrer Darstellung entsteht auf diese Weise also ein starker Kontrast, und beim Betrachten der Zeichnungen ist man mit sehr unterschiedlichen Empfindungen zugleich beschäftigt: getriggert von der Heftigkeit des jeweiligen Themas, beeindruckt vom Mut des Künstlers, der sich beim Zeichnen nicht selten gefährlichen Situationen aussetzt, amüsiert von Kringeln und verrutschten Proportionen, von einer grundkomischen Anmutung des Personals auf den Zeichnungen. Was aber ist der Sinn dieser Widersprüchlichkeit?“

Die Antwort auf diese Frage und der gesamte Essay sind hier zu lesen!

Neue Werkformen, neue Ansprüche: Ausblicke auf die Kunstwelt der Zukunft

Dass infolge der Pandemie u.a. auch Reisen nur noch eingeschränkt möglich sind, stellt gerade für große Teile des sonst sehr reisefreudigen Kunstpublikums eine einschneidende Erfahrung dar. Was aber, wenn der aktuelle Verzicht nur einen ersten Vorgeschmack auf eine Zukunft liefert, in der es vor allem aus ökologischen Gründen nicht mehr verantwortbar sein wird, zu jeder Messe, Biennale, Blockbuster-Ausstellung zu reisen?

In einem Vortrag den ich am 25. März 2021 auf Einladung der Prince House Gallery gehalten habe, mache ich mir über eine solche Zukunft Gedanken, in der viel weniger gereist werden wird – und in der Formen von Kunst Konjunktur haben dürften, die ihrerseits nicht auf Transporte und aufwendige Reisen angewiesen sind. Dabei handelt es sich nicht nur um digitale Kunst, sondern vermutlich auch um Kunst, die vor allem aus dem Evozieren innerer Bilder besteht. Einige Künstler*innen stellen sich bereits auf die sich ändernden Verhältnisse ein, andere, die auch früher schon auf die Vorstellungskraft ihres Publikums gesetzt haben, stehen vielleicht vor einem Revival und erlangen unter ökologischen Vorzeichen neue Bedeutung.

Der Vortrag ist nun auf YouTube veröffentlicht!