Neu erschienen: „Anton Henning – Noch moderner“ – Band 2

Nachdem 2018 der erste Band einer geplanten Trilogie erschienen ist, die dem Werk von Anton Henning gewidmet ist und die von mir im Kerber Verlag herausgegeben wird, haben wir nun den zweiten Band fertiggestellt, wiederum von der Grafikerin Verena Gerlach gestaltet und wiederum viersprachig (dt./engl./franz./jap.).

Ging es im ersten Band um Hennings Auseinandersetzung mit den Positionen und Stilmitteln der Klassischen Moderne, die er neu entdeckt und in ihren Möglichkeiten auslotet, so bietet der zweite Band einen anderen Blickwinkel auf sein malerisches Werk der letzten drei Jahrzehnte. „Noch moderner“ bedeutet bei Henning nämlich oft auch, über die Moderne hinweg Verbindungen zu früheren Epochen der Kunstgeschichte zu knüpfen. Ein Akt der Renaissance, eine barocke Landschaft oder ein Programmbild des 19. Jahrhunderts – das alles kehrt bei ihm vielfach gebrochen und modernisiert wieder. So wird ein barockes Ambiente etwa mit Motiven aus der zeitgenössischen Popkultur angereichert, Landschaften des 17. Jahrhunderts sind bei ihm mit Figuren bevölkert, die vor dem Kubismus noch unmöglich gewesen wären, und eine Marienfigur sieht so aus, als hätte Raffael nach fünfhundertjähriger Pause erneut in die Kunstgeschichte eingegriffen.

Dem umfangreichen Bildteil ist ein Gespräch vorangestellt, das Anton Henning und ich geführt haben und das seinem Selbstverständnis als Künstler, seiner künstlerischen Praxis sowie seinem Verhältnis zu anderen Künstlern gewidmet ist.

Meine kurze Einleitung sowie das vollständige Gespräch lassen sich hier

Streitort Museum

Für „Neues Deutschland“ nehme ich zu den Debatten Stellung, die seit einigen Jahren in und über Museen geführt werden – und in denen aus politischen oder moralischen Gründen etwa die Abhängung von Werken gefordert wird. Schnell ist dann von ‚Cancel Culture‘ die Rede. Doch warum sollte es nicht als Gewinn angesehen werden, wenn neben kunstspezifischen Kriterien auch (möglichst viele) andere Kriterien darüber entscheiden, was museumswürdig ist?

Für mich gilt, so schreibe ich, „dass man Kategorien der Kunst nicht zwangsläufig zu missachten braucht, nur weil man zudem berücksichtigt, wie ein Werk auf verschiedene Teile seines Publikums wirken könnte, welche Provenienz es hat oder unter welchen Bedingungen es entstanden ist. Nachdem man bei vielen Konsumprodukten und erst recht bei der Beurteilung ihrer Qualität bereits ganz selbstverständlich soziale oder ökologische Kriterien einbezieht, sollte endlich – spät genug – auch bei Kunst so verfahren werden. Es wäre ein erheblicher Gewinn, würde der Blick auf die Werke doch differenzierter; je mehr unterschiedliche Kriterien ins Spiel kämen, desto mehr Sensibilitäten prägten sich aus. Und das, was dann letztlich für gut befunden wird, ist es in umfassenderer Weise als bisher. Gerade von Kunst – von Artefakten, an die man höhere Ansprüche als an anderes stellt – sollte erwartet werden können, dass sie nicht nur in einer, sondern in möglichst vielen Hinsichten über Exzellenz verfügen, also nicht nur formal brillant, geistreich und überraschend, sondern zugleich frei von Diskriminierungen, besonders ressourcenbewusst und unter absolut fairen Bedingungen produziert sind.“

Hier der komplette Text!

Buchpräsentation „Feindbild werden. Ein Bericht“

Innerhalb des Programms der (sonst ausgefallenen) Frankfurter Buchmesse präsentierte ich zweimal mein neues Buch „Feindbild werden. Ein Bericht“ – zuerst (am 14.10.) auf dem ‚Blauen Sofa‘ des ZDF, auf dem mich Thorsten Jantschek befragte, und dann (am 15.10.) bei ‚OPEN BOOKS‘ in Frankfurt, wo ich mit Stefan Trinks diskutierte. – Vollständige Mitschnitte beider Veranstaltungen sind online verfügbar:

> Blaues Sofa

> OPEN BOOKS

Rezensionen zu „Feindbild werden. Ein Bericht“

Die ersten Rezensionen zu meinem im September erschienenen Buch „Feindbild werden. Ein Bericht“ (Verlag Klaus Wagenbach) sind da! – Hier die Liste mit Links:

> Kolja Reichert: „Kunst, Macht, Geld“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27. September 2020

> Michael Hübl: „Wolfgang Ullrichs Antwort auf Neo Rauchs Bild ‚Der Anbräuner‘ und die Folgen“, in: Badische Neueste Nachrichten vom 1. Oktober 2020

> Robert Braunmüller: „Unbewältigte Vergangenheit“, in: Abendzeitung vom 2. Oktober 2020

> Peter Hintz: „Kunstautonomie als rechtes Ideal – von Neo Rauch bis Uwe Tellkamp“, auf: 54 books, 6. Oktober 2020

> Michael Wurlitzer: „Ullrichs ‚Feindbild werden‘. Kulturkampf zwischen Maler und Kritiker“, in: Der Standard vom 6. Oktober 2020

> Tilman Urbach: „‚Feindbild werden‘ – Mehr als ein Streit um rechte Kunst“, in: Bayerischer Rundfunk, Diwan vom 11. Oktober 2020

> Mario Donick: „Gesellschaftsdiagnose und Traumabewältigung. Wolfgang Ullrich: Feindbild werden“, auf: Überstrom vom 17. Oktober 2020

Update vom 22. Oktober 2020:

> Jens Kassner: „Schießscheibenbildanalyse“ auf: Jens Kassner vom 18. Oktober 2020

> Daniel Völzke: „Ein Monster von einem Bild“, auf: Monopol vom 20. Oktober 2020

> Jana Münkel: „‚Feindbild werden‘ – Wolfgang Ullrichs Debatte mit Neo Rauch“, in: Deutschlandfunk Kultur, Lesart vom 22. Oktober 2020

> Thomas Rogers: „A German Painter’s New Rule: ‘Never Answer a Critic’“, in: New York Times vom 22. Oktober 2020

Update vom 30. Oktober:

Auf der Sachbuchbestenliste von LITERARISCHE WELT, WDR 5, NZZ und Österreich 1 ist „Feindbild werden“ im November auf Platz 4.

Update vom 10. November:

> Jakob Hayner: „Kunstfreiheit im Kulturkampf“, in: Neues Deutschland vom 10. November 2020

Update vom 19. November:

> Christoph Dieckmann: „Im innerdeutschen Kulturkampf“, in: Die ZEIT 48/2020 vom 19. November 2020

Und hier und hier und hier und hier und hier noch ein paar Kommentare auf Twitter.

„Bitte mal auffallen“

Zum 10. Geburtstag von Instagram habe ich in der ZEIT einen Artikel geschrieben, in dem ich dem wohl wirkmächtigsten Medium der Gegenwart aber nicht nur gratuliere, sondern auch schreibe, was sich im zweiten Jahrzehnt ändern muss:

„In den letzten Jahren hat nichts die Mode, die Kunst- und Designwelt so stark verändert wie Instagram. Auch für das Wohnen, Essen oder Reisen hat die 2010 gegründete Plattform die ästhetischen Standards neu definiert. Wohl noch nie in der Kulturgeschichte war ein Medium so viel stärker als das, was es vermittelt, noch nie konnte es die Welt so sehr nach seinen Bedingungen umformen. Immer mehr Lebensbereiche werden „instagramable“ gemacht. […] Allerdings  ist es ein Problem, ja ein Skandal, dass gerade das Medium, das so demokratisierend auf die Bildkultur gewirkt hat, selbst völlig undemokratisch ist. Algorithmen werden geheim gehalten, Entscheidungen, die zuerst nur die Infrastrukturen der Plattform betreffen, dann jedoch gewaltige Folgen für die ganze Gesellschaft haben, bleiben gänzlich intransparent. Das muss sich ändern. Es sollte endlich die Mitbestimmung der User ermöglicht werden, um wählen zu können, wie Algorithmen und Features weiterentwickelt und eingesetzt werden. So mächtig Instagram im ersten Jahrzehnt geworden ist, so sehr ist es die Aufgabe des zweiten Jahrzehnts, diese Macht des Facebook-Konzerns demokratisch zu gestalten.“

Hier geht es zum Artikel!

Update vom 6. Oktober 2020: Im SWR2 wurde ich zum Instagram-Geburtstag interviewt – nachzuhören hier!

Home Art Objects

Aus dem 2019 erschienenen Heft 14 der Printausgabe der Pop-Zeitschrift wurde nun ein Aufsatz online gestellt, den ich zusammen mit Annekathrin Kohout unter dem Titel „‚Hi Art!!‘ statt High Art“ verfasst habe:

„Die wohl interessantesten Veränderungen des Kunstbetriebs fanden in letzter Zeit in Museumsshops und an anderen ›Points of Sale‹ statt. Dort gibt es nämlich in großer, rasch wachsender Zahl Objekte, deren Status mit herkömmlichen Kategorien nur bedingt zu begreifen ist. Im Shop des New Museum in New York werden sie als »Home Art Objects« bezeichnet – und das ist vielleicht gar kein so schlechter Begriff, zumal er, zumindest im Deutschen, die Assoziation zulässt, dass es neben Haustieren nun auch Hauskunst geben könnte. Kunst zum Liebhaben und zum Knuddeln? Kunst für den Alltag?“ – Zum weiteren Text geht es hier!

Buchankündigung: „Feindbild werden. Ein Bericht“

Am 24. September erscheint im Verlag Klaus Wagenbach mein neues Buch unter dem Titel „Feindbild werden. Ein Bericht“ – mit folgendem Klappentext: 

„Gibt es unter Künstlern aus dem Osten vermehrt rechte Tendenzen? Wolfgang Ullrich hat 2019 eine Diskussion über diese Frage angestoßen, Neo Rauch, der bekannteste ostdeutsche Maler, reagierte darauf mit dem polemischen Bild Der Anbräuner. Dieser Konflikt zeigt exemplarisch die Entfremdung zwischen alten und neuen Bundesländern. Ist der ‚Anbräuner’ der neue ‚Besserwessi’? Protagonist einer freiheitsfeindlichen ‚DDR 2.0’? Oder Symbolfigur eines Kulturkampfs?“ 

Wer mehr über Ursprung und Hintergründe des in dem Buch verhandelten Konflikts wissen will, findet hier eine Reihe von Links und Informationen.

Es wäre schön, könnte das Buch zu der ein oder anderen Diskussion beitragen, die dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung geführt werden sollte. Und vielleicht liefert es sogar einen Beleg dafür, dass die Interpretation eines Bilds – in diesem Fall des Gemäldes von Rauch – Freiräume eröffnet, in denen festgefahrene Positionen plötzlich wieder etwas Spiel haben.

Hier die ersten Seiten des Buchs als PDF: 

Und hier ein Interview in SWR2 mit mir zum Buch!

Bildende Kunst – ein neues Feld für Fans

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Für den YouTube-Kanal „Digitale Bildkulturen“ habe ich einen Videoessay konzipiert, der sich dem relativ neuen Phänomen widmet, dass Werke, deren Sujets ursprünglich aus der Pop- und Alltagskultur stammen, immer wieder dorthin zurückkehren, nachdem sie auf dem exklusiven Feld der Kunst geadelt wurden. Statt eines herkömmlichen Rezipientenpublikums engagieren sich in der popkulturellen Welt aber vor allem Fans. Sie konnten für einen Bereich wie die Kunst – das die These – jedoch erst durch die Etablierung der Sozialen Medien entstehen. Am Beispiel von Jeff Koons’ „Balloon Dog“ betrachte ich das Phänomen näher – und stelle die Frage, ob die Existenz von Fans sogar eine neue Phase in der Geschichte der Kunst einläutet. (In zwei früheren Texten – nachzulesen hier und hier – habe ich mich bereits mit anderen Aspekten von Fans als neuem Typus von Kunstpublikum befasst.)

Verantwortungsdesign. Konsumieren als moralisches Handeln

In dem soeben im Springer-Verlag publizierten Band „Verbraucherpolitik von unten“ ist ein Vortrag von mir publiziert, den ich am 14. Juni 2019 in Berlin gehalten habe. Darin zeige ich zuerst auf, inwiefern Konsumieren seit einiger Zeit verstärkt als Handeln interpretiert und damit zu etwas erhoben wird, das genauso dem ‚Prinzip Verantwortung‘ unterworfen ist wie andere Formen des Handelns. Da dieses Verständnis von Konsum jedoch, wie ich im Folgenden zeige, zu noch mehr Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung führt, erscheint es mit wichtig, ein alternatives Verantwortungsdesign zu entwickeln. Ich erörtere, ob eine Pflichtenethik im Sinne von Hans Jonas der im heutigen Konsumismus vorherrschenden Wertethik nicht überlegen sein könnte. Abschließend skizziere ich eine Zukunft, in der sich pflichtenethische Infrastrukturen in der Konsumwelt etabliert haben, und formuliere einen konsumistischen Imperativ.

Der Text ist vollständig zu lesen unter 2020_Book_VerbraucherpolitikVonUnten_Ullrich

Konfektionierte Affekte. Trauerarbeit auf Instagram

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Auf dem Channel „Digitale Bildkulturen“ habe ich einen zweiten Videoessay veröffentlicht. Diesmal geht es darum, ob und wie die Sozialen Medien zu einem wichtigen Ort der Gestaltung von Affekten geworden sind – vergleichbar damit, wie etwa Genremalerei des 18. Jahrhunderts als Schule der Affektgestaltung fungierte. Dabei werden auf Plattformen wie Instagram selbst bisher eher intime, nicht-öffentliche Affekte wie Trauer zum Teil sehr detailliert in Szene gesetzt. Insbesondere bei Influencern kommt es immer wieder vor, dass sie ihr Leben auch in Extremsituationen mit ihren Followern teilen und auf diese Weise zu neuen Formen der Darstellung und Verarbeitung von Affekten gelangen.

Als Textfassung ist der Essay auf den Seiten der Pop-Zeitschrift erschienen!