Katalogessay zu Hannah Villiger

Für die Ausstellung „Hannah Villiger: Amaze Me“, die im Muzeum Susch stattfindet, bin ich in einem Katalog-Essay der Frage nachgegangen, ob die fotografische Praxis von Villiger, die meist mit Polaroids arbeitete, in heutigen Fotoprojekten und unter den Bedingungen Sozialer Medien eine Fortsetzung erfährt. Bei Villigers Fotoarbeiten aus den 80er- und 90er-Jahren (Abb. links) scheint mir ein kritisch-analytischer, zum Teil sogar autoaggressiver Blick auf den eigenen Körper vorherrschend zu sein. Aktuelle Bilder z.B. von Maisie Cousins (Abb. rechts) mögen zum Teil ähnlich aussehen, doch geht es hier viel eher darum, jenen kritisch-autoaggressiven Blick selbst zu thematisieren und zu hinterfragen. Heutige Bildpraktiken sind also ‚aktivistischer’, denn negative Körperbilder sollen ausdrücklich überwunden, lange problematisierte Körperphänomene aufgewertet werden. 

Hier die deutsche Version meines Essays:

Und hier die englische:

„No time for romance“. Zu Neven Allgeiers Fotografien

Für das im Distanz-Verlag kürzlich erschienene Buch „Fading Temples“ des Fotografen Neven Allgeier habe ich einen Text geschrieben. Mein Ausgangspunkt war dabei die Aufschrift einer Basecap eines der Porträtierten: „No time for Romance“. Darin kommt für mich die Atmosphäre des aus Porträts und Environments bestehenden Bandes prägnant zum Ausdruck, denn für mich vergegenwärtigen Allgeiers Fotos sehr gut die dystopische Stimmung und Naturerfahrung vieler meist jüngerer Menschen – gerade auch derer, die sich als #lastgeneration begreifen. Hier ein Ausschnitt aus meinem Text:

„Man kann Natur nicht länger ästhetisch genießen, sondern spürt allenthalben die Folgen eines über lange Zeit maßlosen Umgangs mit Umwelt und Ressourcen. Mochte sich die Natur früheren Generationen als Zufluchtsort angeboten haben, wo sie die Enge des eigenen Lebens transzendieren, sich von den Enttäuschungen und Zumutungen der Zivilisation erholen, den unliebsamen Alltag für kurze Zeit verdrängen konnten, so weckt oder verstärkt ihr Anblick heute Schuldgefühle und Zukunftsängste, Trauer, Wut und Resignation. Wo einst viel Platz für Romantik war, ist keiner mehr.“

Und hier der gesamte Text:

Die Moderne in der Therapie

Gerade ist der Katalog zur Ausstellung „Raum und Gedächtnis“ von Ben Willikens im Schauwerk Sindelfingen erschienen. Dafür habe ich einen Essay geschrieben, in dem ich Willikens’ Auseinandersetzung mit „Räumen der Moderne“ zum Anlass nehme, mir im Vergleich anzuschauen, warum er und einige andere zeitgenössische Künstler:innen so gerne Räume von El Lissitzky, De Stijl-Künstlern, Mies van der Rohe, Bruno Taut etc. als Sujet wählen. Mein Text hat den Titel „Die Moderne in der Therapie“, da ich darin die These entwickle, dass es den Künstler:innen mit ihren Bildern jeweils darum geht, die Klassische Moderne einer Revision zu unterziehen und besser zu machen, als sie im ersten Anlauf war. Allerdings unterscheiden sie sich zum Teil deutlich hinsichtlich ihrer Idealbilder einer besseren Moderne! Wer den Text lesen will – hier ist er:

„Ein zweites Leben“ (Katalogtext zu Ingo Gerken)

Seit zehn Jahren arbeitet der Konzeptkünstler Ingo Gerken an seiner Serie ‚Bibliosculptures’. Dazu nimmt er Kunstbücher, ergänzt darin reproduzierte Werke um alltägliche Objekte und fotografiert die so entstehenden Ensembles. Charakter und Bedeutung der Ausgangswerke verändern sich dadurch schlagartig – ernste und hermetische Kunst wird lapidar, oft sogar komisch. Nun hat Gerken die ‚Bibliosculptures’ in einem Buch mit dem Titel „Offenes Buch“ versammelt. Darin gibt es auch einen Text von mir – hier zu lesen:

„Art goes Pop“ (Vortrag)

Am 21. April 2022 hielt ich auf Einladung des SFB 1472 („Transformationen des Populären“) der Universität Siegen einen (deutschsprachigen) Vortrag mit dem Titel „Art goes Pop“. Darin erläutere ich anhand einer Reihe von Beispielen, dass und inwiefern die bildende Kunst, in der lange Zeit ein Monopol hochkultureller Praktiken herrschte, in den letzten Jahren verstärkt von popkulturellen Praktiken erfasst und entsprechend stark transformiert wurde. Damit greife ich zugleich einige Beobachtungen auf, die ich in meinem Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ diskutiere.

Der Vortrag ist nun online gestellt und kann hier angeschaut werden!

Bei Twitter gibt es einen guten (englischsprachigen) Thread von Luca Hammer zu einigen zentralen Thesen des Vortrags – und zwar hier!

„Die Kunst, keine zu sein“ (Essay auf ZEIT-Online)

Für ZEIT-online habe ich aus Anlass einiger Eigenheiten der Documenta-Debatte einen Essay geschrieben. Dabei interessiert mich insbesondere, was es heißt, dass Kunst für viele zwar nach wie vor (oder gar mehr denn je) kritisch und emanzipatorisch sein soll, anders als in der westlichen Moderne aber gerade nicht mehr maximale Freiheit das Ziel ist. Der Leitbegriff ist nun vielmehr ‚Gerechtigkeit’, oft verstanden im Sinne von Gleichberechtigung. Das bedeutet aber nicht nur, manche individuelle Freiheit zu überdenken, sondern verlangt auch, sich vermehrt in der Wahrnehmung kausaler Zusammenhänge zu schulen. Denn je knapper Ressourcen werden, je schädlicher einzelne Praktiken für heutige oder künftige Generationen sind, je stärker auch sozial bedingte Einschränkungen, unter denen viele Menschen leiden, präsent werden, desto mehr hängt davon ab, dass man die Konsequenzen des eigenen Handelns einschätzen und einen reflektierten Begriff von Verantwortung entwickeln kann. Die Kunst könnte künftig also im selben Maß, in dem sie lange als Vorbild für Freiheit und Individualismus fungiert hat, ein Vorbild für Transparenz und Rücksichtnahme sein. – Hier der vollständige Text:

„Viel Zeit auf wenig Fläche. Zu Hubert Beckers Fotografien“

Hubert Becker baut Fotografien oder Gemälde in Form aufwendiger 3D-Modelle nach, um diese dann abzufotografieren. Im Lauf von mehr als zwei Jahrzehnten hat er so einen individuellen Kanon der Werke geschaffen, die ihm besonders viel bedeuten, von Walker Evans (siehe Abb.) bis Luigi Ghirri, von Giorgio de Chirico bis Matthias Weischer. Die so entstehenden Bilder nach Bildern sind diesen sehr ähnlich, haben aber dennoch einen anderen Charakter. Sie wirken eingefroren oder künstlich. In jedem Fall wird man dazu verleitet, ein Becker-Foto analytisch zu betrachten, kleine Lücken oder Risse im perfekten Schein zu suchen. Man will kapieren, wie das Bild entstanden ist, gerade wenn es sich um ein Motiv handelt, dessen Vorbild man kennt. Dass Beckers Fotos ihre Machart aber nie ganz offenbaren, sondern bezogen auf sich selbst ausnehmend diskret sind, zeichnet sie aus. – Für den Katalog zu einer Ausstellung Beckers in der Kölner Galerie M29 habe ich einen Text geschrieben – hier zu lesen:

Vortrag: Die Aktivierung der Bilder im digitalen Raum. Was heißt das für die Fotokunst?

Auf der Biennale „düsseldorf photo+“ hielt ich am 31. Mai 2022 einen Vortrag darüber, welche Folgen Charakter und Funktionen von Bildern im digitalen Raum für die Fotokunst haben. Inwiefern ist es eine Gefahr für diese, dass Bilder in den Sozialen Medien adressiert, vereinnahmend, auf Reaktion angelegt sind? Und wie kann man mit spezifisch künstlerischen Methoden wichtige Gegenakzente setzen und der Fotokunst damit zu umso größerer Legitimation verhelfen? – Der nochmals nachproduzierte und etwas gekürzte Vortrag ist auf dem YouTube-Channel von „Digitale Bildkulturen“ hier anzuschauen.

Ergänzend zum Vortrag gibt es ein Gespräch, das Andy Scholz mit mir für seinen Podcast „Fotografie neu denken“ aufgenommen hat – zu hören hier!

Thematisch verwandt ist zudem ein Beitrag, den ich für das Programmheft der „düsseldorf photo+“ schrieb. Der Text mit dem Titel „Der zweite Klick“ ist hier abrufbar:

Karin Kneffel: Ontologisches Neuland

Für die Ausstellung „Karin Kneffel – im Augenblick“ im Max Ernst Museum Brühl habe ich einen Katalogbeitrag geschrieben. Unter dem Titel „Ontologisches Neuland“ widme ich mich darin vor allem Karin Kneffels Auseinandersetzung mit der Klassischen Moderne:

„Dank der vielfältigen Brechungen und Überlagerungen und wegen der dadurch entstehenden Verfremdungen erscheinen die [durchwegs der Kunstgeschichte der Klassischen Moderne entstammenden] Räume, Skulpturen und Gemälde auf Karin Kneffels Bildern wie verhext oder verzaubert. Es ist, als würde es in ihnen spuken. Dass es oft dunkel ist, dann aber plötzlich irgendwo ein Licht auftaucht, verstärkt diesen Eindruck, ebenso wie jede Unklarheit darüber, ob eine Figur ein Mensch oder eine Skulptur ist, ob sich etwas vor oder hinter einer Glasscheibe abspielt, ob es sich bei einem Phänomen um eine Spiegelung oder eine Projektion handelt oder von was für einer Lichtquelle ein Schatten herrührt. Eine derart verwunschen-unheimliche Atmosphäre kennt man sonst vor allem aus Erzählungen und Filmen von alten Schlössern, in denen Untote oder Geister ihr Unwesen treiben. – Ist die Moderne also ein Spuk? Sind ihre Orte gar nicht nüchtern, nicht die oft propagierten White Cubes, sondern im Gegenteil Räume voll unerlöster Objekte und Beziehungen? […] Zumindest entsteht auf Kneffels Gemälden ein ganz anderes Bild der Moderne, als deren Protagonisten es selbst vermittelt hatten. Und den berühmt gewordenen Satz des Kurators Roger M. Buergel, wonach „die Moderne unsere Antike“ sei, mit dem er die von ihm verantwortete documenta 12 im Jahr 2007 erläuterte, hört man auf einmal mit einem düsteren Unterton. Ist die Moderne vielleicht nicht deshalb nach wie vor so präsent in vielen zeitgenössischen Œuvres, weil sie als das strahlende Vorbild, als geradezu allgemeingültiger, unüberholbarer Maßstab fungiert, sondern weil sie zum Wiedergänger mutiert ist und sich als solcher in vielfältigster Gestalt in die Werke heutiger Künstler und Künstlerinnen einschleicht, ja zur Obsession geworden ist?“

Der vollständige Katalogtext ist hier zu lesen: