Festvortrag für Wolfgang Kemp

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Am 28. November 2016 hielt ich den Festvortrag aus Anlass des 70. Geburtstags von Wolfgang Kemp. Darin widme ich mich aktuellen Formen der Kunstrezeption, wie sie vor allem in den Sozialen Medien zu beobachten sind. Hat Kemp sich in seinem Werk viel mit dem schweigenden Rezipienten der Kunstreligion und dem expliziten Betrachter der partizipativen Kunst befasst, so hat man es hier zunehmend mit einem aktivierten User zu tun, der Bilder innerhalb der Kommunikation der Sozialen Medien analog zu Redewendungen als ‚Bildwendungen‘ nutzt. Was aber heißt es, wenn Werke zu Wendungen werden?

Der Vortrag ist nachzulesen unter festvortrag-wolfgang-kemp.

Eine kürzere Darstellung des Themas wurde in der Social Media Kolumne der Pop-Zeitschrift unter dem Titel „Bildwendungen“ publiziert.

Katalogtext über Fritz Schwegler

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Fritz Schwegler: Effeschiade 188 
(„Ausschlaggebender schwarzer 
Damenfuß“), 1969

Für den Katalog zur Ausstellung „Fritz Schwegler“, die am 10. November 2016 in der Kunsthalle Mannheim eröffnet wurde, habe ich einen Beitrag verfasst. Unter dem Titel „Ende der Inkubationszeit“ interpretiere ich Schwegler darin als einen Künstler, dessen Werk ausdrücklich darauf angelegt ist, inspirierend auf andere zu wirken. Seine in sogenannten ‚Urnotizen‘ gefassten Bildeinfälle übertrug er nicht nur selbst wiederholt in andere Formen und Medien, sondern sah sie vor allem auch als Partituren an, nach denen andere Menschen ihrerseits bildnerisch tätig werden können. Bestenfalls sollten seine Urnotizen so nach und nach zu „Volkseigentum“ werden. Damit war Schwegler einerseits ein Zeitgenosse von Künstlern wie Joseph Beuys oder Franz Erhard Walther, die ebenfalls versuchten, passive Rezipienten zu eigener schöpferischer Tätigkeit zu ermächtigen, lässt sich andererseits aber auch als Vorläufer einer Kunstvermittlung ansehen, bei der es darum geht, Impulse von Werken aufzunehmen und in praktische bildnerische Aktivitäten zu übersetzen:

„Erst recht wollte Schwegler Laien erreichen. Selbst Ausstellungseinladungen, die auf der einen Seite Urnotizen abbilden, nutzte er, um rückseitig dazu aufzufordern, diese umzusetzen und ihre „Realisation mitzubringen oder zuzuschicken“. Er wollte die Etüden des Publikums sogar „mit ausstellen“, ja schätzte sie offenbar nicht geringer als seine eigenen Fassungen, attestierte er ihnen doch, sie seien etwas, woran man „womöglich sich erfreut und was lernen kann“. Damit spielt er auf das ‚delectare et prodesse’, also eine traditionsreiche Funktion der Kunst an; zugleich beschwört er die Freiheit, die in Gefahr sei, würde man Gutes nicht teilen.“

War es in den 1970er Jahren, als Schwegler sein Konzept entwickelte, oft noch schwierig, Bildideen aufzugreifen und variiert umzusetzen, haben sich die Verhältnisse infolge von Digitalisierung und Sozialen Medien grundlegend geändert:

„Innerhalb weniger Jahre hat sich hier eine Bildkultur etabliert, die tatsächlich „Volkseigentum“ ist. An die Stelle eines Urheberstolzes tritt die Freude, andere inspirieren zu können, gute Bildideen verbreiten sich wie Witze oder Redewendungen und alle, die sich an dieser Form der Kommunikation mit Bildern beteiligen, fühlen sich in einen Zustand versetzt, in dem sie mehr Freiheit und Möglichkeiten besitzen als sonst. Vermutlich ist das jedoch erst der Beginn eines großen neuen Kapitels in der Geschichte der Bilder – eines, in dem die stärksten unter ihnen nicht mehr darüber definiert sind, Kunst zu sein, sondern in dem sie jenseits von Originalitätskult, Urheberrecht und Markt als „Stücke zum Glücke“ fungieren. Fritz Schwegler ließe sich als geistiger Schirmherr dieser Entwicklung würdigen. Die Inkubationszeit seines Programms ist jedenfalls vorüber, für die Urnotizen gibt es endlich einen Ort, an dem sich ihre Bestimmung erfüllen kann.“

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GORSAD.KIEV, auf: http://gorsadkiev.tumblr.com/image/92465247555, 2015

 

Den vollständigen Katalogtext gibt es unter schwegler-mannheim.

Im Frühjahr 2016 veröffentlichte ich bereits in der ZEIT einen Beitrag über Fritz Schwegler als Lehrer, der hier nachzulesen ist.

Vortrag „Verwandeln und vermitteln. Sozialpolitik im Museum“

Am 11. November 2016 hielt ich auf dem Symposium „Philosophie des Museums“, das im Berliner Bode-Museum stattfand, einen Vortrag unter dem Titel „Verwandeln und Vermitteln. Sozialpolitik im Museum“. Darin widme ich mich in einem ersten – historischen – Teil der Frage, warum es (gerade) für Museen zu einer Aufgabe werden konnte, Kunst zu vermitteln. Im weiteren geht es darum, Grenzen des Vermittelbaren auszuloten, vor allem aber genauer zu bestimmen, welche Funktion das Museum im Zeitalter des Vermittelns – unter dem Paradigma einer „Kultur für alle“ – hat. Wird es  zunehmend zu einem Ort der Sozialpolitik, so ist das umso brisanter, da bildende Kunst gegenwärtig andererseits  wieder stärker an den Interessen der Reichen und Mächtigen orientiert ist. Soll mit dem Vermitteln von Kunst also ein Ausgleich zwischen weit voneinander entfernten Milieus der Gesellschaft hergestellt werden?

Der Vortrag knüpft an die Debatte über Kunstvermittlung aus dem Frühjahr 2015 an und ist vollständig abzurufen unter verwandeln-und-vermitteln.

Essay über Urheberrecht als Mittel der Postproduktion und Diskurskontrolle

Seit ich im Frühjahr 2016 die Erfahrung machte, dass mir für mein Buch „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“ diverse Reproduktionsgenehmigungen verweigert oder nicht gewährt wurden und seit dies auch mehrfach zu Diskussionen geführt hat, habe ich mich mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen ausgetauscht, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das wurde zur Grundlage für einen Vortrag, den ich am 21. Oktober 2016 auf dem Heidelberger Kunstrechtstag gehalten habe. Darin versuche ich, die in den letzten Jahren bemerkbaren Veränderungen in der Nutzung von Urheberrechten in einen größeren ideengeschichtlichen Rahmen zu stellen. Mich interessiert, was für ein Verständnis ihrer Rolle als Künstler und was für einen Werkbegriff Urheber haben, wenn sie eine möglichst große Verbreitung von Reproduktionen ihrer Werke zu verhindern suchen. Was heißt es, wenn das Urheberrecht zum Instrument der Rezeptionsgestaltung wird? Und was bedeutet es, wenn eine Strategie der Verknappung, wie sie für den auf Originale fixierten Kunstmarkt üblich ist, nun auch auf den Umgang mit Reproduktionen ausgedehnt wird? Ist darin gar eine Gegenbewegung zum freien Umgang mit Bildern in den Social Media zu sehen?

Mein Vortrag ist auf den Seiten des Perlentaucher veröffentlicht.

Eine vollständige englische Übersetzung des Vortragstexts ist abzurufen unter copyright-and-post-production.

Zwei Texte über Bildersozialismus

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Am 19. Oktober 2016 hielt ich auf Einladung der Kunstuni Linz einen Vortrag über die Rolle von Bildern in den Social Media. Darin stelle ich zur Diskussion, die dort sich etablierende Bildkultur im historischen Vergleich als erste Kultur zu beschreiben, in der ein Bildersozialismus existiert. Dazu beziehe ich mich (im zweiten Teil) vor allem auf Peter Weiss und „Die Ästhetik des Widerstands“, um zu zeigen, was Versuche der Aneignung elitärer Hochkultur, wie sie innerhalb der sozialistischen Bewegung stattfanden, mit heutigen Aneignungsversuchen von Ikonen der Kunstgeschichte in den Social Media verbindet – und was sie davon unterscheidet.

Der Vortrag ist nachzulesen unter bildersozialismus.

Am 31. Oktober 2016 erschien in der NZZ mein Kommentar „Der neue Bildersozialismus“, in dem ich zentrale Thesen aus dem Linzer Vortrag zusammenfasse.

NZZ-Folio 10/2016: Der Zauberbecher

In meiner NZZ-Folio-Kolumne „Aus der Warenwelt“ geht es diesmal um den „Slim Body Shake“ von Women’s Best:bildschirmfoto-2016-10-01-um-14-22-01

„Wer glaubt, Exerzitien seien eine Sache früherer Zeiten, irrt sich. Vielleicht gab es noch nie eine Kultur, in der so viele Rituale praktiziert und so strenge Verhaltensmassregeln eingehalten wurden wie heute. Das hat aber kaum etwas mit Religion zu tun, sondern vielmehr mit Konsumprodukten.“ FORTSETZUNG HIER

ZEIT-Artikel zur Exklusivität bildender Kunst

Unter dem Titel „Der totale Besitz“ erschien in der ZEIT 38/2106 vom 8. September 2016 ein Artikel, in dem ich mir Gedanken für Gründe und Folgen der Exklusivität bildender Kunst mache:

„Interessanterweise ist es für die bildende Kunst bis heute gelungen, einem Kult um Originale zu huldigen, obwohl längst hervorragende Reproduktionstechniken existieren, die nicht selten sogar Einblicke zulassen und Formen von Perfektion bieten, die in der direkten Begegnung mit dem Werk vorenthalten bleiben. Wäre man in der Musik genauso restriktiv, hätte der Tonträgermarkt sich gegen den Konzertbetrieb nie durchsetzen können; es würde auch hier unterstellt, dass eine technische Reproduktion höchstens einen matten Abklatsch des ursprünglichen Werks und Ereignisses vermitteln kann.“

Nachzulesen ist der Artikel hier.