Kanzelrede über „Little Cloud“

In der St. Matthäus-Kirche in Berlin findet gerade eine Reihe von Kanzelreden statt – aus Anlass des 500. Jahrestags des Wittenberger Bilderstreits. Es geht darum, welche Bildwerke auch heute einen Streit auslösen können, mit welchen man vielleicht sogar selbst „in einen inneren Bilderstreit“ gerät. Ich sprach in meiner Kanzelrede am 1. Mai über „Little Cloud“, eines der erfolgreichsten ‚Art Toys‘ der Künstlergruppe FriendsWithYou. Dieser Figur gelingt es wie auch anderen ‚Art Toys‘, dass Besitzer:innen ein enges, emotionales Verhältnis dazu entwickeln; sie nimmt für sie die Rolle eines Talismans, Maskottchens oder Begleiters durch den Alltag ein. Oft werden ‚Art Toys‘ in der Tradition animistischer Objekte gesehen. Damit aber steht der Umgang mit ihnen in starkem Kontrast dazu, wie vor allem die Kunst des Westens rezipiert wurde und wird. Ihr begegnet man analog zu einem monotheistischen Gott als etwas, dem man unterlegen ist, das Demut und Hingabe verlangt und oft unzugänglich bleibt – gerade dann nicht tröstet, wenn man es am dringendsten nötig hätte.

Zwischen der Kunstreligion und einen Animismus entsteht aktuell also vielleicht ein ähnlicher (Bilder)streit wie vor 500 Jahren zwischen Katholizismus und Protestantismus? Davon handelt meine Kanzelrede, in der ich damit auch ein paar Thesen zuspitze, die in einem Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ in breiteren Zusammenhängen verhandelt werden.

Hier meine Kanzelrede:

Feedback zu „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Vor genau einem Monat ist mein Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ erschienen (mehr dazu hier). Hier ein Überblick über die bisherigen Rezensionen:

Der in Kiel lebende Künstler Nils Pooker hat das Cover meines Buches in Quadrate übersetzt und daraus ein Gemälde gemacht – mehr zu seinem Konzept und seinen Werkformen hier!

Mark Siemons (FAS): „Der Sneaker als Kunst und Selbstermächtigung“

Thorsten Jantschek (Philosophiemagazin): „Weltinteresse“

Janis El-Bira (Nachtkritik): „Das ‚Art Toy‘ als Lebensbegleiter“

Brigitte Werneburg (taz): „Werk ohne Grenzen“

Christina Dongowski (54books): „Ist das Kunst oder kann ich das haben?“

Tobias Bruns (philosophenstreik): „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Michael Kröger (Kunstbuchanzeiger): „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Der Perlentaucher zählt mein Buch in seinem Bücherbrief zu „den besten Büchern des Monats April“.

Update 16. Mai:

Diedrich Diederichsen (Süddeutsche Zeitung): „Dieses Ende ist so hell, dass man sich eine Sonnenbrille aufsetzen muss“

„Digital Other“

Mit der Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Katja Kauer sprach ich für den Channel „Digitale Bildkulturen“ über ihren Begriff „Digital Other“. Gemeint ist damit das Phänomen, dass Menschen, die viele Selfies machen oder die ihren Alltag in den Sozialen Medien oft zum Bild werden lassen, ihre eigene Bildhaftigkeit – den Blick von anderen auf ihre Person – verinnerlichen und entsprechend immer schon versuchen, sich möglichst so zu präsentieren, dass sie dem Bild entsprechen, von dem sie glauben, dass es jene anderen von ihnen haben. Hier ist das Video anzuschauen – und hier noch eine kurze Inhaltsangabe des Gesprächs:

Kauer beobachtet das ‚Digital Other‘ als neue Instanz der Verhaltensreflexion und -regulierung gerade auch in der zeitgenössischen Literatur – ein Beispiel im Gespräch ist eine Passage aus dem Roman „Allegro Pastell“ (2020) von Leif Randt. Das Gespräch widmet sich dann der Frage, ob das ‚Digital Other‘ eine Ausweitung der Art von Fremdbestimmung darstellt, die in der feministischen Theorie unter dem Begriff des ‚male gaze‘ – des von Frauen internalisierten Blicks von Männern auf sie – verhandelt wird.

Ferner sprechen wir über verschiedene Deutungsmöglich-keiten des ‚Digital Other‘ und ordnen es in historische Diskurse (z.B. den über ‚Anmut‘ im 18. Jhdt.) ein. Gegen Ende kommen wir auf den Internettheoretiker Rob Horning zu sprechen, der 2022 in einem Text beschrieb, wie eine große Sammlung von Polaroids aus den 1980er Jahren auf ihn wirkte. Damals hätten sich die Fotografierten noch nicht vorstellen können, dass sie allgemein sichtbar würden. Ihre Bildhaftigkeit sei ihnen noch nicht bewusst gewesen, damit würden sie arglos und unschuldig wirken, der Mangel an Bewusstsein ihrer selbst habe ihnen noch eine gewisse Aura verliehen, die, so könnte man folgern, durch das ‚Digital Other‘ verloren geht.

„Aktualitätsjetzt“

Bei DCV Contemporary ist gerade ein Buch mit dem Titel „Aktualitätsjetzt“ erschienen, das ich zusammen mit dem Künstler und Autor Roland Schappert verfasst habe. Ausgangspunkt von insgesamt vierzehn Dialogen sind jeweils Schriftbilder Schapperts. Diese sind für ganz verschiedene Medien entwickelt, sind zum Teil große Wandarbeiten, zum Teil schnelle Skizzen, liefern aufgrund ihrer jeweiligen formalen Eigenheiten aber immer viel Stoff für Diskussionen. Wir führten diese über zwei Jahre hinweg in Form von Mails und behandelten dabei auch etliche allgemeinere Fragen zu Kunsttheorie und Kunstsoziologie, sprechen also etwa über Spielarten und Funktionen politischer Kunst, über die Geschichte als Kategorie der Bewertung von Kunst, über das Verhältnis von Kunst und Kultur oder über NFTs. Exemplarisch sei hier einer der Dialoge – mit dem Titel VICTOR VICTIM – zugänglich gemacht:

Postdigitaler Salon

Am 19. März 2022 fand in Leipzig der „Postdigitale Salon“ statt – begleitend zur Popup-Buchmesse, die als Ersatz für die abgesagte Buchmesse sowie das Festival „Leipzig liest“ eingerichtet wurde. Der „Postdigitale Salon“ entstand in Kooperation des Online-Feuilletons „54books“ mit der im Verlag Klaus Wagenbach erscheinenden Reihe „Digitale Bildkulturen“.

Nun sind die Videomitschnitte des Salon-Abends online gestellt!

+ Elisa Aseva über ihr aus Facebook-Posts hervorgegangenes Buch „Über Stunden“ im Gespräch mit Simon Sahner – anzuschauen hier!

+ Annekathrin Kohout über ihr Buch „Nerds. Eine Popkulturgeschichte“ im Gespräch mit Marlen Hobrack – anzuschauen hier!

+ Berit Glanz über ihren Roman „Automaton“ im Gespräch mit Simon Sahner – anzuschauen hier!

+ Jacob Birken über sein Buch „Videospiele“ im Gespräch mit Linus Guggenberger – anzuschauen hier!

+ Christina Dongowski, Johannes Franzen und ich in der Diskussion über „Autonomie nach der Digitalisierung“ – anzuschauen hier!

Buchankündigung: „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Am 17. März erscheint mein neues Buch im Verlag Klaus Wagenbach – mit folgendem Klappentext:

„Das in der Moderne im Westen vorherrschende Ideal autonomer Kunst ist am Ende. Unterscheidungen zwischen Kunst und Kommerz lösen sich ebenso auf wie fest umrissene Werkgrenzen und Rollenklischees: Jeff Koons entwirft Taschen für Louis Vuitton, Künstler-Labels produzieren »Art Toys«, kollaborative Projekte setzen auf die Mitwirkung vieler, und Protestgruppen fordern mehr soziale Verantwortung der Kunstwelt.

Mit wacher Zeitgenossenschaft führt Wolfgang Ullrich einzelne Phänomene wie beispielsweise Make- up-Fotos auf Instagram, die utopische Malerei von Kerry James Marshall und Takashi Murakamis Sneaker zusammen und entfaltet so das Panorama einer neuen Kunst, die sich mit Aktivismus und Konsum verbündet: einer Kunst, die Kräfte möglichst vieler Disziplinen in sich bündelt, damit aber anderen und mehr Kriterien als früher zu genügen hat.“

Die ersten Seiten des Buchs gibt es hier als PDF:

In der Verlagsvorschau erschien zudem folgendes Interview mit mir über das Buch:

Die moderne Idee einer Kunst, die nur ihren eigenen Gesetzen verpflichtet ist, ist Ihrer Ansicht nach am Ende. Woran lässt sich das erkennen?

Was heutzutage in der Kunstwelt die größte Aufmerksamkeit erfährt, sind polit- aktivistische Projekte, Werke, die zu hohen Preisen als Luxusprodukte verkauft wer- den, oder Produkte, die aus Kooperationen von Künstlerinnen und Künstlern etwa mit Modelabels entstehen. So unterschiedlich diese Formen von Kunst sind, so haben sie eines gemeinsam: Es sind jeweils Zwecke mit ihnen verbunden, die sich nicht aus rein künstlerischen Fragen ergeben. Entsprechend ist diese Kunst nicht mehr autonom, sondern richtet sich genauso nach den Bedingungen, unter denen etwas als NGO, Mode oder Designobjekt Erfolg haben kann.

Was hat das für Konsequenzen für die, die Kunst machen?

In dem Moment, in dem Kunst sich nicht mehr als autonom versteht, werden von außen immer mehr Ansprüche an sie herangetragen. Sollte sie, wenn sie mit der Mo- debranche kooperiert, nicht auch nachhaltig sein? Muss sie nicht zu gesellschaftspo- litischen Fragen Stellung beziehen? Und was, wenn sie nicht »instagramable« ist? Da kann es schnell passieren, dass man sich in einem Anforderungskatalog verliert oder etwas streberhaft To- Do- Listen abarbeitet.

Wird die Kunst dadurch nicht unfrei?

Aus der Sicht derer, die noch an der Idee der Autonomie festhalten, erscheint das so. Aber diejenigen, die davon Abstand genommen haben, erleben es als Zugewinn an Spielraum und Freiheit, dass sie nun über die Kunstwelt hinaus Geltung besitzen. Für sie hat ihre Kunst mehr Kraft und Wirksamkeit, wenn sie nicht auf sich bezogen bleibt, sondern mit der realen Welt – dem Markt, politischen Diskursen oder dem Alltagsleben vieler Menschen – eine möglichst enge Verbindung eingeht.

Und hier bereits eine erste Rezension (von Mark Siemons in der F.A.S.)!

Und hier eine zweite (von Thorsten Jantschek im „Philosophie Magazin“):

Und eine weitere (von Janis El-Bira bei „Nachtkritik“)

„Face Values“

Auf Einladung der in Barcelona ansässigen Fundación Foto Colectania führte ich in den letzten Wochen einen Briefwechsel mit der Fototheoretikerin und -kuratorin Jana Haeckel. Wir diskutieren darüber, wie sich Formen des Maskierens von Gesicht (und Körper) durch die Digitalisierung sowie die Macht der Sozialen Medien verändert haben – und wieso es heute wohl mehr Formen und Funktionen von (analogen und digitalen) Masken gibt als jemals zuvor. Wann ist eine Maskierung eine Verkleidung, wann will man damit etwas verbergen, wann etwas expliziter machen? Diesen (und anderen) Fragen gehen wir in den Briefen nach – und zu lesen ist das hier!

Am 10. März fand abschließend außerdem ein Video-Talk zwischen Jana Haeckel und mir statt, den man hier anschauen kann.