Thomas Nolden: „Ein Bild sind viele Bilder“

Viele Ausstellungen, die coronabedingt zur Zeit nicht stattfinden können, werden ins Netz verlegt, und manchmal erschließen sich dabei sogar Dimensionen eines Werks, die sonst kaum zur Geltung kämen. So hat der Maler Thomas Nolden stellvertretend für eine geplante Ausstellung ein Video gedreht, das den Prozess sichtbar macht, in dem seine Gemälde entstehen. Bildschirmfoto 2020-03-28 um 11.07.32Da das, was in einem Werkprozess geschieht, aber ohnehin schon ein wichtiges Thema seiner Arbeit ist und gerade in einem Leporello (erschienen im Distanz-Verlag) dokumentiert wurde, bietet das Video Einblicke, die wertvoll und ihrerseits unersetzbar bleiben – auch wenn die Ausstellung hoffentlich bald nachgeholt werden kann.

Für das Leporello habe ich einen Text über Thomas Nolden und seine Vergegenwärtigung von Bildprozessen verfasst. Darin entwickle ich die These, dass sich die Fixierung auf das jeweils eine Bild vor allem infolge digitaler Bildpraktiken generell zunehmend auflöst – zugunsten der Wahrnehmung von „Bildprozessen, innerhalb derer jede Variation gleichrangig neben beliebig vielen anderen Variationen steht. Schon bald dürfte die Zweiteilung zwischen statischen und bewegten Bildern keine Rolle mehr spielen, da im digitalen Raum alle Bilder variabel sind. Aus Bildern im Singular werden fortwährende Bildereignisse.“ – Der komplette Text ist nachzulesen unter: Nolden.

(Im Deutschlandfunk sprach Stefan Koldehoff am 25. März 2020 mit mir über virtuelle Museumsbesuche und den Umgang mit digitalisierten Bildwerken – auch da erwähnte ich Formen der (hochauflösenden oder animierten) Reproduktion, die der Begegnung mit dem Original sogar überlegen sein können, zumindest aber eine eigenständige Kunsterfahrung ermöglichen. – Nachzuhören ist das Gespräch hier!)

Verwechslungsgefahr (6): Duchamp ist sein Anwalt

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Die neue Folge meiner Serie über ‚Verwechslungsgefahren‘ in der aktuellen Kunstwelt,  die im Magazin Halle 4 der Deichtorhallen Hamburg erscheint, ist Virgil Abloh gewidmet. Er ist ein Meister des Überschreitens von Grenzen – nicht nur zwischen Kunst, Mode und Design, sondern ebenso zwischen ‚high‘ and ‚low‘. Das aber ist bei ihm vor allem auch politisches Programm – es stellt für ihn als Schwarzen einen Akt der Emanzipation dar. Und es gilt: „Nachdem er zuerst die Disziplinen der weißen Eliten wie Trophäen für sich erobert hat, bringt er nun deren angestammte Ordnung durcheinander.“ – Hier geht’s zum gesamten Text!

Kurze Geschichte des Emojis ‚😱‘

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Im November 2018 hielt ich auf einem von der Universität Düsseldorf veranstalteten  Symposium über ‚Schlüsselbilder‘ einen Vortrag über Edward Munchs „Schrei“ – für mich ein Schlüsselbild hinsichtlich der Möglichkeiten von Wirkungsgeschichte eines Kunstwerks. So lässt sich an diesem Beispiel Aby Warburgs Konzept von Pathosformeln sehr gut plausibel machen und in die Gegenwart – in die Zeiten von Online-Kommunikation – übertragen. Aus Munchs „Schrei“ wurde nämlich nicht nur ein Internet-Mem, sondern  auch eines der am häufigsten verwendeten Emojis. In meinem Vortrag rekonstruiere ich auf der Grundlage von Protokollen von Unicode – der Organisation, die über Emojis entscheidet und sie standardisiert -, wie es überhaupt zu dem Emoji ‚😱‘ gekommen ist. Und ich versuche zu zeigen, wie sich seine Verwendungsweisen seit 2010, als es etabliert wurde, verändert haben, wie dadurch aber das Potenzial der Pathosformel, das Munchs Motiv bietet, erst voll zur Geltung gelangen konnte. – Nun sind die Vorträge des Symposiums im Morisel-Verlag publiziert, meiner ist hier als PDF herunterzuladen: Schluesselbilder_Ullrich (im Buch S. 138-151).

Verwechslungsgefahr (5): Die Kunstfreiheit ist kein Joker

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In der neuen Folge meiner Serie über ‚Verwechslungsgefahren‘ in der aktuellen Kunstwelt, die im Magazin Halle 4 der Deichtorhallen Hamburg erscheint, gehe ich der Frage nach, warum Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit so oft und gerne miteinander verwechselt werden. Doch warum sind beides überhaupt eigene Rechtsgüter, die in Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert werden? Woher kommt die Unterscheidung zwischen beidem? Und was sagt es über die Rolle der Kunst aus, wenn diese Unterscheidung mittlerweile kaum noch anerkannt wird? Hier sind die Antworten auf diese Fragen!

(Wer sich noch weitergehend für das Thema interessiert – hier habe ich mich schon früher mal dazu geäußert!)

Immersion: Eine Geschichte von Misserfolgen

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An der Hochschule der bildenden Künste Hamburg (HfbK) hielt ich am 30. Januar 2020 einen Vortrag mit dem Titel „Immersion: Eine Geschichte von Misserfolgen“. Darin gehe ich von der Beobachtung aus, dass alle bisherigen Versuche der Etablierung von ‚Virtual Reality‘ und umfassender Immersion nach einer ersten Euphorie schnell an Attraktivität verloren haben. So unterschiedliche Formate wie Transparentbilder, Dioramen oder Stereo-Fotografie hatten nur kurzzeitig Erfolg. Doch warum? Welche Erwartungen gegenüber Bildern werden von immersiven Werkformen gerade nicht erfüllt? In meinem Vortrag entwickle ich eine Antwort auf diese Frage vor allem in Rückbezug auf die Bildtheorie von Lambert Wiesing. – Der Vortrag ist hier nachzuhören – eine Kurzform davon ist im Magazin „Lerchenfeld“ der HfbK erschienen: lerchenfeld_hfbk_nr52k (S. 25-28)

Mundschutz als Modeaccessoire (NZZ-Folio, Februar 2020)

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In meiner Kolumne „Aus der Warenwelt“ bei NZZ-Folio geht es diesmal mit dem Mundschutz um ein Accessoire, das in manchen Teilen der Welt, vor allem in einigen asiatischen Ländern, selbstverständlich, in Europa aber noch immer nicht angekommen ist. Ich schrieb den Text, bevor der Corona-Virus die Schlagzeilen beherrschte. Aus Angst vor ihm tragen nun zwar auch Menschen hier vermehrt einen Mundschutz, aber letztlich wird das wohl wiederum nicht dazu führen, dass er sich durchsetzt. Im Gegenteil werden die negativen Assoziationen, die er auslöst, sogar umso stärker. Was wäre also zu tun, um dieses nicht nur aus hygienischen Gründen nützliche Accessoire endlich zu etablieren? Hier meine Antwort auf diese Frage!

Verwechslungsgefahr (4): Followerpower

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In der neuen Folge meiner für das Magazin Halle 4 der Deichtorhallen verfassten Serie gehe ich von der Beobachtung aus, dass Repräsentanten des Kunstbetriebs sich mittlerweile nicht mehr mit Türsteherqualitäten hervortun und alles ausschließen wollen, was im Verdacht steht, ‚low‘ zu sein. Vielmehr scheint es gerade als cool zu gelten, alles – und gerade Populäres – zuzulassen. Was aber sind die Gründe für diesen Sinneswandel? Und welche Folgen haben sie, vor allem für den Kunstmarkt? – Hier der Text!

Warum eine Wertethik immer eine Elitenethik ist und was sie heute so erfolgreich macht

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Beim 23. Philosophicum in Lech/Vorarlberg, das sich den „Werten der Wenigen“ widmete, hielt ich am 29. September 2019 einen Vortrag, in dem ich mich, anknüpfend an mein Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ (2017), mit der Karriere des Sprechens über Werte in der heutigen Gesellschaft befasste. – Da der Vortrag am Tag der österreichischen Nationalratswahl stattfand, begann ich ihn mit der Analyse einiger Wahlkampfslogans, u.a. von Sebastian Kurz. Vor allem ging es darum, welche Milieus eine besondere Affinität zum Beschwören von Werten aufweisen. Nach meiner Analyse sind es vor allem Wohlstandsmilieus, Weiterlesen

Trotziges Vermächtnis

Für das Magazin Halle 4 der Deichtorhallen habe ich aus Anlass der dort gerade gezeigten Ausstellung „Baselitz – Richter – Polke – Kiefer. Die jungen Jahre der Alten Meister“ über das Medium ‚Interview‘ geschrieben, das gerade diese vier Maler immer wieder genützt und nicht unwesentlich als eigene (künstlerische) Ausdrucksform definiert haben. Im Katalog zur Ausstellung gibt es, dazu passend, jeweils sehr ausführliche Interviews von Götz Adriani mit den drei noch lebenden ‚Alten Meistern‘, in denen sie sich, trotzig und selbstbewusst, vor allem auch als ‚alte weiße Männer‘ in Szene setzen. Eine gewisse Endzeitstimmung bleibt beim Lesen nicht aus. – Hier mein Beitrag dazu.