Konsum als Arbeit

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Im Verlauf des letzten Jahres sprach ich bei verschiedenen Gelegenheiten über eine Veränderung in Begriff und Praxis des Konsums, die mir bisher zu wenig diskutiert erscheint. War Konsum lange Zeit mit Passivität, vor allem aber mit Verschwendung und Irrationalität assoziiert, während Produktion als etwas Aktives und als Arbeit gewürdigt wurde, so mehren sich in den letzten Jahren die Anzeichen dafür, auch Konsum als Form von Arbeit anzulegen. Insbesondere das Marketing hat Strategien entwickelt, um Konsumieren als Arbeit erfahrbar zu machen.

Diese Umcodierung hat aber weitreichende Folgen, da Menschen, die sich Konsum schlechter als andere leisten können, auf einmal umso mehr als defizitär – als passiv oder ignorant – wahrgenommen werden. Umgekehrt dürfen sich engagierte Konsumenten als besonders aktiv, gar als kreativ und damit als überlegen gegenüber anderen erleben. Damit aber wird eine neuen Klassengesellschaft, die auch sonst vielfach zu beobachten ist (z.B. hier und hier), immer mehr zur Realität.

Konsum als Arbeit

  1. Der Topos vom passiven Konsumenten

Lange Zeit waren die Vorstellungen vom Konsumenten von einigen wenigen Leitmotiven geprägt, die auch den Großteil konsumtheoretischer und konsumwissenschaftlicher Publikationen beeinflussten. Erst in den letzten Jahren wurden diese Leitmotive selbst zum Gegenstand der Analyse und daher ihrerseits kritisch beleuchtet sowie in ihrer Relevanz relativiert. So resümierte Kai-Uwe Hellmann 2011 etliche Stereotype des Konsumenten.[1] Dabei untersucht er besonders das Begriffsfeld der Unselbständigkeit: Konsumenten würden oft wie/als Kinder beschrieben, die leicht zu manipulieren seien, sie würden aber auch als passives Publikum gesehen, das sich von Produzenten etwas vorsetzen lasse. Tatsächlich fußen selbst etliche konsumtheoretische Publikationen, die in jüngerer Vergangenheit am meisten Aufmerksamkeit erregt haben, ganz selbstverständlich auf solchen letztlich einseitig negativen Bildern vom Konsumenten: Weiterlesen

Der westliche Kunstbegriff im Sog des globalisierten Kunstmarkts

Am 23. Januar 2019 hielt ich im Rahmen der Deutsche Bank Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ an der Goethe-Universität Frankfurt  einen Vortrag unter dem Titel „Der westliche Kunstbegriff im Sog des globalisierten Kunstmarkts“.

bildschirmfoto 2019-01-18 um 12.00.31„Die Globalisierung des Kunstmarkts hat Folgen für den Kunstbegriff und, im weiteren, für den Charakter der Kunst selbst. So zeigt sich, dass das westlich-moderne Verständnis von Kunst, ja die Idee einer Kunstgeschichte sowie einer daraus abgeleiteten autonomen Kunst, lediglich einen Sonderfall darstellte. In den meisten anderen Kulturen gibt es z.B. weder eine klare Trennung zwischen freier und angewandter Kunst noch eine zwischen ‚high‘ und ‚low‘. Der Vortrag beleuchtet, wie die Akteure des globalen Kunstmarkts Kategorien der Kunstbeurteilung relativieren, die von Theorie und Kritik zwar immer wieder infrage gestellt worden waren, sich aber dennoch lange Zeit gehalten hatten. Werden sie nun endgültig obsolet? Und wie sieht die Kunst aus, die dann entsteht?“

Den Vortragstext veröffentliche ich im folgenden vollständig:

Der westliche Kunstbegriff im Sog des globalisierten Kunstmarkts

Danach gefragt, wie sich das Verhalten von Kunstsammlern im Zuge der Globalisierung des Kunstmarkts verändert habe, gab Loïc Gouzer, der in den letzten Jahren einige der wichtigsten Auktionen für Christie’s organisierte (dazu später mehr), eine bemerkenswerte Antwort. So hob er – in einem Interview im Juni 2018 – hervor, wie sehr die Geschwindigkeit zugenommen habe, mit der die Kunstgeschichte nachvollzogen werde. Dabei erwähnte er speziell chinesische Sammler. Hier der Wortlaut der Passage: Weiterlesen

Kunst in Bewegung

Für das Magazin „Halle4“ der Deichtorhallen habe ich einen Beitrag verfasst, der sich der dortigen Ausstellung „Stuttgart sichten“ von Florian Slotawa widmet.

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Der Künstler hat Werke aus der Staatsgalerie Stuttgart ausgewählt und nach Hamburg transportieren lassen, um sie mit besonderem Augenmerk für das ‚art handling‚ – Logistik und Transfer – zu präsentieren. Damit lenkt er, so meine Interpretation, die Aufmerksamkeit eigens  auf die Beweglichkeit der Kunst. Diese als Mobilie zu begreifen, ist aber erst in der Moderne üblich geworden: Lange Zeit verstand man sie eher als Immobilie. In der Frühzeit der Museen und des Ausstellungswesens war dieser Wandel hinsichtlich des Grundzustands von Kunst noch bewusst – und wurde oft kritisiert. – Hier mein Beitrag.

 

Gegen den Kanon

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Beim kunstpädagogischen Doppelkongress „Kunst – Geschichte – Unterricht“ hielt ich am 16. November 2018 einen Vortrag unter dem Titel „Gegen den Kanon. Neue Kunstgeschichte oder nach der Kunstgeschichte?“. Darin gehe ich von den Beobachtungen und Thesen meines Vortrags „Jenseits der Kunstgeschichte“ aus, den ich im März 2018 beim ersten Teil des Kongresses in Leipzig hielt (nachzulesen hier). Doch ist der Vortrag „Gegen den Kanon“ keine einfache Fortsetzung, sondern insofern ein Gegenstück, als ich versuche, dieselben Entwicklungen aus einer anderen Perspektive zu erörtern: derer, die den bestehenden Kanon infrage stellen.

Die Videoaufzeichnung des Vortrags gibt es hier.

Und dies ist der gesamte Text:

Gegen den Kanon. Neue Kunstgeschichte oder nach der Kunstgeschichte?

In meinem Vortrag im März sprach ich darüber, wie die Geschichte der Kunst als Rahmen und Maßstab für die Beurteilung von Werken an Stellenwert verliert. An mehreren Beispielen vom Kunstmarkt, aber auch aus dem Bereich kuratierter Kunst zeigte ich, dass Künstler, die sich einer Idee von autonomer Kunst verpflichtet fühlen, zunehmend weniger Wertschätzung erfahren. Vielmehr gilt die Aufmerksamkeit Künstlern, deren Arbeit einer Logik von – mehr oder weniger glamourösen und teuren – Markenprodukten entspricht. Alternativ werden Positionen ernstgenommen, die durch die moralisch-politische Brisanz des Themas für sich einnehmen. Auch innerhalb der Kunstwelt dominieren also vermehrt kunstexterne Kriterien. Das aber kann nicht zuletzt zur Folge haben, dass Künstler und Werke, die nach kunsthistorischen oder kunstspezifischen Maßstäben Teil des Kanons sind, allein aufgrund von Sujets, die in moralisch-politischer Hinsicht angreifbar sind, fragwürdig werden oder sogar die Berechtigung abgesprochen bekommen, weiter eine öffentliche Rolle zu spielen.Weiterlesen

Gender-Kettensäge (NZZ-Folio 11/2018)

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In meiner Konsum-Kolumne „Aus der Warenwelt“ bei NZZ-Folio widme ich mich diesmal am Beispiel eines Kinderspielzeugs dem Phänomen, dass sich Hersteller angesichts all der Erwartungen, die heutzutage von Konsumenten – vor allem in den Sozialen Medien – geäußert werden, überfordert zeigen. Mit ihren Produkten wollen sie entsprechend zu viel, vor allem zu vieles, was nicht zusammenpasst. – Hier der Text über ein Beispiel von Übercodierung aus Überforderung!

Gegen die Instrumentalisierung des Urheberrechts

Am Museum Marta Herford fand am 14./15. September 2018 ein Symposium unter dem Titel „Wem gehören die Bilder? Wege aus dem Streit um das Urheberrecht“ statt, das ich zusammen mit Roland Nachtigäller, dem Direktor des Museums , organisierte. Wir nahmen uns vor, etliche  der Probleme zu diskutieren, die sich in den letzten Jahren vor allem für Museen sowie für die Wissenschaft ergeben haben und die beider Arbeit im kritisch-interpretierenden Umgang mit Kunst behindern. Im Vorfeld erschien ein Interview mit Roland Nachtigäller, ebenso ein Blogbeitrag von ihm, ich hatte bereits früher einen Bericht über die Auseinandersetzung mit Rechteinhabern im Fall des Buchs „Siegerkunst. Neue Adel, teure Lust“ verfasst, ebenso  einen Aufsatz über das „Urheberrecht als Mittel der Postproduktion und Diskurskontrolle“.

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Das Symposium war gut besucht, es gab lebhafte, auch kontroverse Diskussionen – einiges davon lässt sich gut nachvollziehen bei Twitter unter dem Hashtag #mconf18.

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Wir werden versuchen, in den nächsten Monaten einige der Punkte, die als besonders dringlich identifiziert wurden, noch genauer zu fassen, um dann einen Appell mit konkreten Forderungen zu formulieren.

 

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Der Perlentaucher hat mittlerweile meinen Einführungsvortrag zum Symposium publiziert, in dem ich in einem persönlich gehaltenen Werkstattbericht einige meiner eigenen Erfahrungen referiere. Der Vortrag ist hier nachzulesen.

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Zu Marina Amarals Kolorierung alter Fotografien

Für GEO habe ich über Marina Amaral und ihre Kolorierung alter Schwarz-Weiß-Fotos geschrieben, aus Anlass ihres gerade erschienenen Buches „Die Welt von Gestern in Farbe“. – Eine meiner Thesen:

Bildschirmfoto 2018-09-12 um 14.58.38„Tatsächlich sind die am Computer kolorierten Bilder historisch korrekter als die originalen Schwarz-Weiß-Fotos. Amaral fügt den Fotos etwas hinzu, das sie aufgrund der Begrenztheit technischer Möglichkeiten nicht fixieren konnten, das aber zum Glück anderswo überliefert ist. Dafür forscht Amaral in Museen und Archiven. Manchmal befragt sie Zeitzeugen, um die Farbigkeit eines Ladenschilds oder Möbelstücks, einer Uniform oder Hausfassade herauszufinden oder um den Teint einer Person zu rekonstruieren. Schließlich bringt sie, zum Teil nach wochenlanger Recherchearbeit, bisher getrennt voneinander bewahrte historische Fakten zusammen.“

Hier der komplette Beitrag.