Konfektionierte Affekte. Trauerarbeit auf Instagram

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Auf dem Channel „Digitale Bildkulturen“ habe ich einen zweiten Videoessay veröffentlicht. Diesmal geht es darum, ob und wie die Sozialen Medien zu einem wichtigen Ort der Gestaltung von Affekten geworden sind – vergleichbar damit, wie etwa Genremalerei des 18. Jahrhunderts als Schule der Affektgestaltung fungierte. Dabei werden auf Plattformen wie Instagram selbst bisher eher intime, nicht-öffentliche Affekte wie Trauer zum Teil sehr detailliert in Szene gesetzt. Insbesondere bei Influencern kommt es immer wieder vor, dass sie ihr Leben auch in Extremsituationen mit ihren Followern teilen und auf diese Weise zu neuen Formen der Darstellung und Verarbeitung von Affekten gelangen.

Als Textfassung ist der Essay auf den Seiten der Pop-Zeitschrift erschienen!

Katalogtext über Stephan Balkenhol

Im Museum Jorn in Silkeborg (Dänemark) findet seit heute eine Ausstellung über Stephan Balkenhol statt. Für den Katalog habe ich einen Text geschrieben, den ich hier veröffentliche:

Stephan Balkenhol – der Souverän

Souverän sei, „wer den Normalfall garantiert“.[1] Das sagt Bazon Brock und dementiert damit die berühmte Formel des Staatsrechtlers Carl Schmitt, demzufolge Souveränität demjenigen zukomme, „der über den Ausnahmezustand entscheidet“.[2] Die Differenz zwischen Schmitts Satz von 1922 und Brocks Reaktion von 2006 besteht aber nicht nur in ihrer Antwort auf die Frage, wann sich am besten erkennen lässt, ob jemand im Vollbesitz der Macht ist. Vielmehr verrät die jeweilige Formulierung auch, worauf sich die stärkeren Sehnsüchte richten. Bildschirmfoto 2020-07-05 um 12.07.00Carl Schmitt ist dabei ein typischer Vertreter der Moderne. So wurden Ausnahmezustände in ihr – von Philosophen, Schriftstellern, Avantgardisten – immer wieder verklärt. Die Welt der Zivilisation und der alltagssichernden Institutionen galt als korrumpiert, unrein, entfremdend, entartet, lähmend oder lasch – dagegen erhoffte man sich von Krieg und Krisen eine Rückkehr zu vergessenen Ursprüngen, eine Suspendierung von Konventionen, eine Zeit für Heroen. Weiterlesen

Die zwei Orte der Kunst: Original und Reproduktion

Am 2. Juli 2020 hielt ich auf der Preview der rein digitalen Art Fair Mannheim einen Vortrag, der darauf Bezug nimmt, dass alle dort zum Verkauf präsentierten Werke nur in reproduzierter Form sichtbar werden. Doch so neu ein solcher Typ von Kunstmesse sein mag, so alt ist die Aufgabe von Künstler*innen, ihre Werke nicht nur als Originale zu schaffen, sondern ebenso an deren Re-produktion, also an ihrer wiederholten Neugestaltung für diverse und historisch wechselnde Medien zu arbeiten. In meinem Vortrag bringe ich dafür das Beispiel von Rubens (das dort erwähnte Buch von Hans Jakob Meier „Die Kunst der Interpretation. Rubens und die Druckgraphik“(2020) habe ich übrigens für die „Süddeutsche Zeitung“ rezensiert), bevor ich auf zeitgenössische Formen der Postproduktion speziell für die Social Media eingehe. Ich erläutere, warum es heute wichtig für Kunst ist, ‚instagramable‘ zu sein – und inwiefern das etwas anderes meint als ‚fotogen‘ oder ‚JPEG-tauglich‘. Insofern bietet der Vortrag auch eine Fortsetzung von Überlegungen, die ich in meinem 2009 erschienenen Buch „Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen“ entwickelt habe.

Der Vortrag ist auf dem Channel „Digitale Bildkulturen“ unter dem Titel „Die zwei Orte der Kunst: Original und Reproduktion“ abrufbar!

Verwechslungsgefahr (10): Unendlicher Algorithmus

In der letzten Folge meiner Serie über ‚Verwechslungsgefahren‘ in der Kunstwelt, die im Magazin Halle 4 der Deichtorhallen Hamburg erscheint, trete ich einen Schritt zurück. Statt eines konkreten Fallbeispiels analysiere ich diesmal die ideengeschichtlichen Voraussetzungen dafür, dass heutzutage – ganz anders als während der gesamten Moderne – so leicht Übergänge zwischen Kunst und anderen Bereichen möglich geworden sind. – Das ist nachzulesen hier!

„Trost in XXL“

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In einem Artikel in der ZEIT 21/2020 publizierte ich unter der Überschrift „Trost in XXL“ einen Artikel über KAWS und seine ‚Art Toys‘. Ich versuche, den globalen Erfolg von Figuren wie seinem ‚Companion‘ zu erklären, schreibe aber vor allem darüber, wie sich die Machtverhältnisse im Kunstbetrieb dadurch verändern, dass immer mehr Künstler*innen Werke auf den Markt bringen, die sich an Fans und damit an eine neue Form von Kunstpublikum richten. Die These meines Artikels lautet: „Vieles spricht dafür, dass nach den Sammlern, die in den letzten Jahrzehnten so präsent waren, in näherer Zukunft die wachsende Gruppe der Fans die Kunstwelt umkrempeln wird.“ – Nachzulesen die der Text hier: KAWS: Trost in XXL | ZEIT ONLINE

Katalogtext über Ellen Akimoto

Die Malerin Ellen Akimoto präsentiert am 5. Juni 2020 innerhalb ihrer Ausstellung „Creamy Feelings Curdle“ in der Galerie Rothamel in Frankfurt ihren neuen (gleichnamigen) Katalog (erschienen im Kerber-Verlag). Dafür habe ich einen Text verfasst, den ich aus Anlass der Präsentation im folgenden publiziere:

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Im Jahr 2017 malte Ellen Akimoto ein Bild, dem sie den Titel „The Lower Left Hand Corner of Such a Good Painting“ gab. Es unterscheidet sich von vielen anderen ihrer Bilder, da es aus nur drei Elementen besteht: einem Parkettfußboden, einer weißen Wand, einem an ihr hängenden abstrakten Gemälde. Perspektive und Bildausschnitt sind so gewählt, dass die drei Sujets jeweils nur zum Teil zu sehen sind. So entsteht zwar ein illusionistischer Bildraum, doch fällt es nicht schwer, das Bild genauso als Abfolge von drei Flächen zu betrachten. Akimotos Bild hat damit den Charakter eines Kippbildes: Es lässt sich entweder als gegenständliches oder als abstraktes Bild wahrnehmen. Und da es als gegenständliches Bild ein abstraktes Gemälde als Sujet hat,Weiterlesen

„Symmetriezwang und Differenzangst“

Nach dem ersten visuellen Pendant zu einer Schweigeminute, der Aktion gegen Rassismus unter dem Hashtag #blackouttuesday, der Millionen von Instagram-Feeds am 2. Juni 2020 zu einer Abfolge schwarzer Flächen werden ließ, musste mit Störungen und Gegenprogrammen der Vertreter einer ‚White Supremacy‘-Ideologie gerechnet werden. Sie kamen prompt und platt – u.a. mit dem Hashtag #whiteoutwednesday. Nun gibt es also weiße Flächen, zum Teil von einschlägigen Kommentaren und weiteren Hashtags eskortiert.

Bildschirmfoto 2020-06-03 um 12.10.12Auch deutsche Rechtsradikale und Identitäre sind mit von der Partie – darunter nicht zuletzt ein Paar (Valerie Elisabeth und Jonathan Rudolph), dessen ideologisches Bildprogramm ich letztes Jahr innerhalb eines Aufsatzes in der Nr. 154 der Zeitschrift „Fotogeschichte“ analysiert habe. – Aus Anlass der aktuellen Vorfälle will ich diesen Aufsatz mit dem Titel „Symmetriezwang und Differenzangst“ nun hier öffentlich zugänglich machen. Ich versuche darin zu zeigen, dass rechtsextreme Ikonografien „ebenso brutal wie verzagt“ sind und vermutlich viel mehr von der Mentalität ihrer Urheber verraten, als diese ahnen – und als es ihnen recht sein kann. – Hier der Aufsatz: Ullrich_Symmetriezwang und Differenzangst (dazu insbesondere die Analyse von Abb. 3).

„Digitale Bildkulturen“ auf YouTube

Die seit 2019 im Verlag Klaus Wagenbach von Annekathrin Kohout und mir herausgegebene Buchreihe „Digitale Bildkulturen“ hat nun auch einen Channel auf YouTube. Dort werden wir nicht nur Aufzeichnungen von Veranstaltungen sammeln, die mit Autor*innen der Reihe stattgefunden haben, sondern veröffentlichen in loser Folge auch Videoessays. Ich mache den Start mit einem Video unter dem Titel „Selfies als Training für die Maskenpflicht“.

Ausgehend von meinem Band über Selfies stelle ich darin die These auf, dass viele derer, die in den letzten Jahren bereits ein positives und aktives Verhältnis gegenüber Selfies entwickelt haben, die Maskenpflicht nun kaum als Problem empfinden, ja vielleicht sogar als Chance ansehen, neue Typen von Selfies zu entwickeln. Sie empfinden sich in den Möglichkeiten der Inszenierung des eigenen Gesichts also gerade nicht eingeschränkt, begreifen Masken vielmehr als Fortsetzung der Selbstgestaltung mit anderen Mitteln. Zugleich aber fällt auf, dass viele, die ein negativ-kulturpessimistisches Verhältnis gegenüber Selfies haben, nun auch Gesichtsmasken bloß negativ – als Entzug, Verlust von Sichtbarkeit – wahrnehmen können. Beides, Selfies und Masken, behindert gemäß ihrer Überzeugung  die Entfaltung des wahren Selbst. Die aktuellen Debatten über die Maskenpflicht offenbaren damit eine ähnliche Konfliktlage wie der Streit über Selfies – letztlich geht es jeweils darum, ob die Inszenierung des Gesichts positiv als Akt der Selbstbestimmung und als Ausdruck einer Idee von öffentlichem Leben oder aber negativ als Form von Lüge, als Gegenteil von Wahrhaftigkeit verstanden wird.

Annekathrin Kohout und ich haben zudem ein Video hochgeladen, in dem wir den Channel näher vorstellen: