Buchpräsentation: „Anton Henning: Noch moderner“

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Am 30. Mai 2018 wurde in Berlin das Buch „Anton Henning: Noch moderner“ präsentiert, das ich im Kerber Verlag veröffentlicht habe. Es ist drei Kilo schwer geworden, da es in großem Format (von der Grafikerin Verena Gerlach sehr feinsinnig in Szene gesetzt) mehr als 200 Werke Hennings aus den letzten 25 Jahren zeigt.

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Nachdem ich bereits früher über Henning geschrieben hatte, befasse ich mich in meinem Text diesmal mit seinem spezifischen Umgang mit der Malerei der Avantgarden. Deren stilistische Eigenheiten werden in seinem Werk neu verhandelt und ebenso überraschend wie schlüssig zusammengeführt. Weit entfernt von Strategien des Appropriierens, des Re-enactment oder des Sampelns, die alle noch der Postmoderne entstammen, kommt auf Hennings Bildern eine Erfahrung zum Ausdruck, die sowohl davon geprägt ist als auch reflektiert, wie moderne Künstler von Modigliani bis Bacon, von Matisse bis Picabia, von Delaunay bis Guston sich ihre Welt malerisch anverwandelt haben.

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Das Ergebnis bezeichne ich als ‚geläuterte Moderne’: So sehr der überschwänglich-pathetische, zum Teil sogar martialische Charakter der Avantgarden verschwunden ist, so sehr wird überhaupt erst sichtbar, welche Stilmittel und Transformationen aus der Moderne weiter gelten. Bei Anton Henning werden sie in ihren Möglichkeiten ausgeschöpft und weiterentwickelt.

Im folgenden veröffentliche ich den Buchbeitrag „Anton Henning und die geläuterte Moderne“:

Schrift taucht auf den Gemälden Anton Hennings nur selten auf. In der unteren rechten Ecke auf einem Bild von 1997 aber stehen, in dünnen, leicht schiefen Buchstaben, oberhalb der viel kleineren Signatur, die Worte „noch moderner“. Sie sind auf hellen Grund geschrieben, der sonst in der linken und unteren Randzone des Bildes nicht weiter bemalt wurde. Den Rest der Fläche füllen vier annähernd quadratische Flächen, als Schachbrettmuster in kräftigem und blassem Orange angelegt. Darauf wiederum ist, sich von oben rechts in das Bild schlängelnd, eine Kette aus fünf Würsten gemalt. Sie wirken als einziges räumlich, da sie leichte Schatten werfen. Weiterlesen

Kunstfreiheit

Im SWR2 habe ich einen Essay zum Thema Kunstfreiheit veröffentlicht (Titel: „Tabubrecher! Wie moralisch soll Kunst sein?“), der hier nachzulesen und hier nachzuhören ist.

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Das Thema ‚Kunstfreiheit‘ ist in letzter Zeit wieder vermehrt in die Diskussion geraten. Einerseits berufen sich gerade aktivistische Gruppen mehr denn je darauf, andererseits gibt es, zumal im Zuge der #MeToo-Debatte, auch Stimmen, die darin ein Rechtsgut sehen, von dem lange Zeit vor allem eine privilegierte Minderheit profitiert habe und in dessen Namen viel Unheil passiert sei. Extremer können die Auffassungen also
kaum auseinandergehen. Daher ist es an der Zeit, neu über den Sinn einer Idee von Weiterlesen

Die Mobilisierung der Bilder. Museen und Soziale Medien

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Am 8. Mai 2018 hielt ich auf der vom Kunst-Forum Zürich veranstalteten Konferenz „Building a Museum for Next Generations“ eine Keynote, die ich hier komplett veröffentliche.

 

Die Mobilisierung der Bilder. Museen und Soziale Medien

Unter Kulturpessimisten zirkuliert schon seit einigen Jahren ein Foto aus dem Amsterdamer Rijksmuseum. Auf einer Bank im Raum mit Rembrandts Nachtwache sitzen einige Jugendliche, die aber nicht auf das Gemälde blicken, sondern nur Augen für ihre Smartphones haben. Der Befund scheint eindeutig: massenmediale Berieslung statt Auseinandersetzung mit der Hochkultur; Whatsapp- und Selfie-Trash statt große Kunst. Doch sollten die Weiterlesen

Interview über „christliche Werte“

Für die evangelische Wochenzeitung Die Kirche hat mich Tilman Asmus Fischer  über mein Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ interviewt. Wir sprechen nicht nur über Gewissenskult und ablassartige Strukturen der heutigen Konsumwelt, sondern vor allem auch über ‚christliche Werte‘. Dass diese gerade von Protestanten – von Margot Käßmann bis Markus Söder – so gerne beschworen werden, empfinde ich als problematisch und fahrlässig, ist doch das Realisieren von Werten immer an materielle Voraussetzungen gebunden und damit nicht allen Menschen gleichermaßen möglich. Sofern selbst innerhalb der Kirche mit der Wertethik eine exklusive Eliten- und Wohlstandsethik propagiert wird, ist von dem egalitären Geist, durch den sich gerade der Protestantismus auszeichnete, nicht mehr viel geblieben.

Das Interview ist nachzulesen unter Interview Die Kirche.

Aus dem Archiv: Art-Kolumne 12/2011

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Die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung, künftig in allen staatlichen Behörden im Eingangsbereich gut sichtbar ein Kreuz anzubringen, schlägt hohe Wellen. – Markus Söder stellt sich damit in die Tradition eines ‚miles christianus‘, eines Soldaten Christi.

 

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Das hat lange Tradition. in meiner Kolumne, die ich bei „ART. Das Kunstmagazin“ seit 2011 schreibe, nahm ich mir das Thema in einer der ersten Folgen vor – an einer Gegenüberstellung von Lothar de Maizière, damals Bundesverteidigungsminister, und von Kaiser Ludwig dem Frommen aus dem frühen 9. Jahrhundert.

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Hier die Kolumne:

Zwei Bilder, zwischen denen fast genau 1200 Jahre liegen und deren Ähnlichkeiten vor allem eines veranschaulichen: Bekenntnisse zum Christentum werden über einen so langen Zeitraum hinweg mit denselben Zeichen und Gesten artikuliert. Eine solche ikonographische Stabilität ist ungewöhnlich, vielleicht sogar unheimlich. Letzteres, weil Weiterlesen

Simon Fujiwara als Gewissenshändler

Im Kunsthaus Bregenz fand von Januar bis April 2018 die Ausstellung „Hope House“ statt – eine über vier Etagen gehende Installation von Simon Fujiwara, die dem Anne Frank Haus in Amsterdam gewidmet ist. In der Ausstellung traf ich auf etliche Themen, die mich in meiner eigenen Arbeit schon länger beschäftigen – Konsum, Werte, gutes Gewissen -, so dass sich aus meinen Gedanken dazu ein eigener Text ergeben hat, der hier veröffentlicht wird.

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Simon Fujiwara als Gewissenshändler

In der gegenwärtigen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft erlebt eine Praxis eine Steigerung und Vollendung, die in Religionen eine lange Vorgeschichte besitzt. Es geht darum, dem Menschen die Erfahrung zu vermitteln, sowohl schlecht und schuldig als auch gut und gerecht zu sein. In der protestantischen Theologie heißt das prägnant „simul iustus ac peccator“ („zugleich gerecht und Sünder“), und Martin Luther formulierte es noch anschaulicher, wenn er betonte, dass in jedem „zwei in ihrer Natur einander entgegengesetzte Menschen“ steckten.[1] Für ihn war diese Dualität auch unauflöslich: So sehr jeder fortwährend danach zu streben habe, von einem sündigen und schuldhaften Zustand in einen der Gerechtigkeit zu gelangen, und so sehr Luther dafür eine Haltung der Buße anmahnte, so sehr schloss er aus, dass es der Einzelne in der Hand habe, sich von Schuld zu befreien: Heil und Gnade können nicht verdient und schon gar nicht erkauft werden. Weiterlesen

Kunst jenseits der Kunstgeschichte

Beim kunstpädagogischen „Doppelkongress: Kunst, Geschichte, Unterricht“ hielt ich am 23. März 2018 in Leipzig den Eröffnungsvortrag unter dem Titel „Kunst jenseits der Kunstgeschichte. Über zeitgenössische Aneignungspraktiken“.

Bildschirmfoto 2017-11-16 um 07.43.49Ausgangspunkt des Vortrags ist die Diagnose, dass der lange gültige Rezeptionsrahmen von Kunst, den die Idee einer Kunstgeschichte geliefert hat, an Relevanz verliert: Ein Leonardo zugeschriebenes Gemälde wird in einer Auktion für ‚Post-War and Contemporary Art‘ versteigert, Damien Hirst schafft Arbeiten, die eine fiktive neue Kunstgeschichte als Rahmen haben, Jeff Koons lässt beliebig Werke verschiedener Jahrhunderte nachmalen. Sprach Hans Belting schon vor mehr als zwanzig Jahren vom „Ende der Kunstgeschichte“ und reflektierte damit ein postmodernes Weltverhältnis, so gibt es mittlerweile eine vielfältige Praxis eines Umgangs mit Kunst jenseits kunsthistorischer Orientierungsweisen. Dies ist nicht nur am Kunstmarkt, sondern mindestens genauso bei Großereignissen wie Biennalen, ja generell bei kuratierter Kunst zu beobachten. Und generell gilt: Überall, wo Globalisierung stattfindet, erweist sich die Idee einer Kunstgeschichte als bloß westliche Konvention – und wird zugunsten anderer Kategorien aufgegeben. – So wie es für Artfefakte, die vor dem Zeitalter der Kunstgeschichtsschreibung entstanden sind, eine Zäsur bedeutet hat, als sie im Zuge der Musealisierung als Teile der Kunstgeschichte angesehen wurden, so ist es nun an der Zeit, zu fragen, was von Werken, die innerhalb einer Logik der Kunstgeschichte entstanden sind, bleiben wird, wenn sie zunehmend jenseits davon wahrgenommen werden.

Der Vortrag ist im folgenden nachzulesen: Weiterlesen