Buchpublikation über das Kunstsammeln

Unter dem Titel „Sieh mich an! Schlüsselmomente einer Sammlungsgeschichte“ ist bei Spector Books ein Buch erschienen, das ich zusammen mit Sasa Hanten-Schmidt herausgegeben habe. Darin geht es einerseits speziell um die in Genese und Charakter unterschiedlichen Kunstsammlungen von Sasa Hanten-Schmidt und ihrem Mann Klaus F.K. Schmidt, die nach beider Eheschließung zur Basis für eine neue, gemeinsame Sammlung wurden, andererseits aber um einige allgemein relevante Themen und Probleme im Zusammenhang mit Kunstsammlungen.

Bildschirmfoto 2018-02-15 um 08.41.09In meinem Buchbeitrag unter dem Titel „Vom ‚opus’ zum ‚corpus’. Über den Statuswandel von Kunstsammlungen“ untersuche ich mentalitätsgeschichtlich, warum gerade in der Bundesrepublik der 1970er und 80er Jahre viele private Kunstsammlungen begonnen wurden. Dabei fällt vor allem die männliche Codierung der meisten dieser Sammlungen auf. Im Zuge sich verändernder Geschlechterverhältnisse erscheinen diese Sammlungen mittlerweile in neuem Licht und in ihrer Bedeutung relativiert. Andere Formen des Sammelns sowie andere Arten des Selbstverständnisses von Sammlern und Sammlerinnen etablieren sich, womit auf einmal etwa auch das ‚Entsammeln’ – also das Abgeben und Veräußern von Sammlungsstücken – zu einer selbstverständlichen Strategie werden kann. Da aktuell und in den nächsten Jahren viele Sammlungen auf die nächste Generation übergehen, steht umso mehr zur Debatte, welche Veränderungen beim Sammeln von Kunst nötig und möglich sind. Das Ehepaar Sasa Hanten-Schmidt und Klaus F.K. Schmidt liefert dafür am Beispiel der eigenen Sammlung(en) ein anschauliches Fallbeispiel.

Im Folgenden ist mein kompletter Buchbeitrag zu lesen:

Um zu verstehen, warum in den letzten Jahrzehnten gerade viele Unternehmer und Selbstständige zu Kunstsammlern geworden sind, genügt die Lektüre eines einzigen Texts. Er stammt aus dem Jahr 1973 und ist die Druckfassung einer Rede von Jürgen Ponto, dem damaligen Vorsitzenden der Dresdner Bank. Er hielt sie Weiterlesen

Kommentare zur Debatte über das Abhängen von Kunstwerken

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In einem Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“ schreibe ich aus Anlass der Abhängung des Gemäldes „Hylas and the Nymphs“ (1896) von John William Waterhouse in der Manchester Art Gallery über das Missverständnis, Museen sollten nur das zeigen, was den jeweils aktuellen Moralstandards entspricht. – Hier der Text!

(Das Foto zeigt die Stelle, wo das Gemälde bisher hing und wo das Museum jetzt eine öffentliche Debatte darüber führen lässt. Diese findet auch auf dem Blog der Museums-Website statt, nämlich hier. – Update 4. Februar 2018: Das Museum hat das Gemälde mittlerweile wieder aufgehängt – unklar ist nur, ob es damit öffentlichem Druck folgte (wie z.B. hier behauptet wird) oder ob das von vornherein so geplant war (wie es z.B. hier heißt). )

Kürzlich hatte ich bereits im „Focus“ einen Artikel zu den Diskussionen über einzelne Kunstwerke, deren Abhängung oder gar Vernichtung gefordert wird, weil sie gegenwärtigen Moralvorstellungen widersprechen. Ich plädiere dafür, gerade „die historische Differenz [zu] nutzen, [um] den eigenen Standpunkt zu reflektieren, zu schärfen und gerne auch als Fortschritt zu empfinden.“ Denn nur wer die „Geschichtlichkeit [von Kunstwerken] verleugnet, muss befürchten, dass sie in der Gegenwart noch Schaden anrichten können“. – Hier der komplette Text!

Semantische Auszeit. Über „Die Schmiede des Vulkan“ von Alexander Camaro

Nicht alle Sammelbände und Anthologien, für die man einen Aufsatz schreibt, werden auch publiziert. Als ich letztens Jahr eingeladen wurde, einen Beitrag für einen Band über „Das Atlantis der BRD“, nämlich über die Stadt Bonn, zu schreiben, schien mir nichts passender als eine Analyse eines Gemäldes von Alexander Camaro, das einige Jahre eine zentrale Stellung im Bonner Kanzlerbungalow einnahm. – Nachdem aus dem Buchprojekt nun leider doch nichts wurde, veröffentliche ich meinen Beitrag hier.

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Der Bonner Kanzlerbungalow, von Sep Ruf gebaut und 1964 von Bundeskanzler Ludwig Erhard bezogen, hat neben privaten Wohnräumen einen – größeren – Trakt für offizielle Empfänge, für Besprechungen und Verhandlungen. Darin wurden diverse Sitzgruppen, für unterschiedliche Konstellationen und Anzahlen von Personen aufgestellt – etwa eine kleinere um einen Kamin, eine größere um einen gläsernen Couchtisch und eine noch größere vor einer Klinkerwand. Auf dieser hing das einzige Gemälde, das für den Bungalow in Auftrag gegeben wurde: „Die Schmiede des Vulkan“ von Alexander Camaro. Werke des Berliner Kunstprofessors, ursprünglich 1901 in Breslau als Alphons Bernhard Kamarofski geboren und somit Weiterlesen

Werte muss man sich leisten können – der neue Moraladel

In einem Gastkommentar im Feuilleton der NZZ gehe ich, ähnlich wie schon in meinem Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“, sowohl der Attraktivität als auch der Gefahr nach, die eine Wertethik kennzeichnet. Sich zu Werten zu bekennen und danach zu handeln, verheißt Selbstverwirklichung und Individualität, es lässt die moralische Persönlichkeit als kreative Leistung erscheinen. Aber es heißt auch, dass diejenigen, die mehr Möglichkeiten als andere haben, ihre Werte zu leben, allein deshalb, weil sie reicher, gebildeter, begabter sind, auch moralisch überlegen erscheinen.


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Francesco de Pesellino: Die sieben Tugenden (ca. 1450) – Dieses Gemälde zeigt beispielhaft die Vorstellung von Tugenden als etwas, das als feststehendes Ideal über den Menschen steht. Man hat sich an ihnen zu orientieren, sie lassen dabei kaum Spielraum. Dagegen werden Werte als etwas angesehen, das immer wieder neu in Kraft gesetzt werden muss, dem Einzelnen aber auch viel Spielraum lässt.


„Wer eine nihilistische Diagnose stellt, also für die gesamte Gesellschaft einen generellen Verlust der Werte beklagt und deren Neubelebung fordert, aber auch wer sich um einzelne Werte kümmert, um individuell profilierter zu sein, vertritt gleichermassen die Überzeugung, dass Werte nur durch persönlichen Einsatz Geltung erlangen können. Solange sie nicht eigens verkörpert sind, bleiben sie abstrakt und leer. Diese Defizitunterstellung legt jedoch nicht nur eine Handlungsnotwendigkeit nahe, sondern verheisst vor allem einen Handlungsspielraum. Die Verkörperung und Realisierung von Werten verlangt und erlaubt jeweils eine Gestaltung: Hier ist Kreativität gefragt. […] [Das aber] führt dazu, dass diejenigen, die über keine Privilegien verfügen, die also nicht wohlhabend, gebildet und kreativ begabt sind und die daher jene Spielräume nicht zu füllen vermögen, sich immer wieder als Menschen zweiter Klasse erfahren müssen. Für sie stellt es einen grossen Nachteil dar, dass es unüblich geworden ist, die moralische Qualifikation an Tugenden oder Pflichten zu messen, sondern dass es vornehmlich darum geht, Werte umzusetzen. Denn um massvoll, gerecht, ehrlich oder rücksichtsvoll zu sein, braucht es weder Geld noch Begabung, ja nichts, worüber nicht jeder Mensch allein dadurch verfügt, dass er Mensch ist. Sind Tugend- und Pflichtenethiken ihrer Logik nach also egalitär, ist eine Wertethik im Gegenteil exklusiv. Sie ermöglicht es nicht allen Menschen gleichermassen, auch gute Menschen zu sein.“

Der Text ist hier nachzulesen.

Auch im Heft 1/2018 von „GEO“ schreibe ich über die Problematik des neuen Moraladels – unter dem Titel „Unsere Moral-Elite grenzt viele aus“ – nachzulesen hier.

Revolution rückwärts

Im Vorblick auf das 50-jährige Jubiläum der 68er-Bewegung habe ich für den FOCUS einen Debattenbeitrag verfasst, in dem es darum geht, warum gerade an den Universitäten, die damals Hauptorte der Rebellion und Regelverletzung waren, heute im Gegenteil ’safe spaces‘ und damit viele neue Regeln gefordert werden:

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„Haben die 68er mit all ihren Regelverletzungen und Emanzipationsenergien bis dahin Benachteiligten – Frauen und auch zahlreichen Minderheiten – zu mehr Rechten und besseren Lebensmöglichkeiten verholfen, so ist daraus offenbar eine Dynamik entstanden, die letztlich zu einer paradoxen Umkehrung der Stoßrichtung geführt hat. Je besser bis dahin unterprivilegierte Gruppen auch institutionell abgesichert wurden, desto attraktiver konnte es nämlich für mehr und mehr Menschen erscheinen, sich selbst als benachteiligt darzustellen und entsprechende Schutzrechte für sich zu reklamieren. Statt für eine insgesamt freiere Gesellschaft kämpft man dann nur noch für mehr Chancen für einzelne Gruppen und identifiziert sich zugleich mit der ein oder anderen von ihnen. Dazu aber muss jeder und jede immer neu beweisen, dass er oder sie nach wie vor benachteiligt ist. Und das gelingt am besten durch das Zeigen der eigenen Verletzungen. Indem damit zugleich andere als Aggressoren geoutet werden, kommt es aber dazu, dass diese umgekehrt nicht mehr als gleichberechtigt wahrgenommen werden. Vielmehr haben sie ihre Freiheiten durch deren Missbrauch verwirkt. Und so etablieren sich neue Verbote, und je besser es den ehedem Benachteiligten geht, desto lauter müssen sie sich als Betroffene zur Geltung bringen, desto strenger werden also die Maßstäbe, nach denen das Verhalten anderer als verletzend beurteilt wird, und desto rigider und zahlreicher entwickeln sich auch die Verbote. Damit aber mündet ein zuerst durch und durch emanzipatorischer Impuls in Kontrolle und Rundumreglementierung.“

Komplett nachzulesen ist der Artikel hier.

In offener Feindschaft

Im Juli 2017 veröffentlichte ich beim Perlentaucher einen Vortrag, in dem ich unter dem Titel „Deko und Diskurs“ über ein Schisma in der Kunstwelt spekuliere. Der Text erfuhr sowohl viel kritische als auch zustimmende Resonanz, im Oktober wurde er vom Deutschlandfunk als Essay gesendet. Nun, zum Ende des ‚Superkunstjahres‘, veröffentliche ich eine Fortsetzung – wieder auf den Seiten des Perlentaucher! Es handelt sich hierbei um die schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 1. Dezember 2017 unter dem Titel „Rollenwechsel im Superkunstjahr? Der Kunstmarkt nach den Ereignissen von 2017“ beim FAZ-Forum in Berlin gehalten habe.

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„So gerne man dem Kapitalismus – also dem gewinnorientierten, auf Spekulation getrimmten Denken – vorhält, keine Werte und keine Moral zu kennen, so sehr kann gerade das zum Vorteil für eine Kunst werden, die unter den Druck moralischer Rechtfertigung gerät. Denn soweit der Markt amoralisch ist, herrscht auf ihm auch nicht jener Druck; vielmehr lässt er der Kunst in moralischer Hinsicht Freiheit. Daran zeigt sich eine Wahlverwandtschaft zwischen Markt und Kunst. Beide kommen darin überein, die Phantasie über die Moral zu stellen, auch wenn jene jeweils eine ganz andere Ausprägung annimmt. Gibt man auf dem Markt allem eine Chance, was als Kunst durchgehen könnte, richtet darauf also Phantasien von Entdeckung und Gewinn, so geht es in der Kunst darum, Grenzen infrage zu stellen, die Realität zu paraphrasieren oder Fiktionen ohne Rücksicht auf was auch immer zu schaffen und dabei jedes Mal eine lebhafte Einbildungskraft unter Beweis zu stellen. Markt und Kunst – so könnte man es pathetisch formulieren – leben vom Abenteuer, in dem die sonst geltenden Konventionen zumindest entkräftet, wenn nicht völlig suspendiert sind.“

Der gesamte Text ist hier zu lesen.

Unbefriedigte Neugier – Rekonstruktion eines fast verschwundenen Gefühls (DHM-Blog)

Auf dem Blog des Deutschen Historischen Museums widme ich mich aus Anlass der Ausstellung „Gier nach neuen Bildern“ dem Phänomen der Neugier. Diese galt lange Zeit als Laster:

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„Neugier wurde umso mehr als schlimm und sündhaft empfunden, weil sie meist unbefriedigt blieb. Dann bohrten sich die Blicke überall hinein, um doch noch Unbekanntes zu entdecken, ja dann verlor man sich erst recht in allen Richtungen, immer lauernd, wo sich etwas tun könnte. Und wenn plötzlich etwas passierte, machte „die Neugierde […] jeden Zuschauer fünf Zoll größer, und seine Augen […] um einen halben Zoll weiter“, wie es 1774 in einem „Toleranz-Brief an die Oberhessische Geistlichkeit“ anschaulich formuliert wurde. – Unerfüllte Neugier bedeutete hingegen nicht nur quälende Langeweile, sondern konnte zu Unduldsamkeit oder Depression führen, brachte die betroffenen Personen also um ein gutes Verhältnis zu ihrer Umwelt. Bilder verhießen in dieser misslichen Lage Erlösung, zumindest eine kurzfristige Linderung des Leidens an der Neugier. Aber sie waren selten, selbst nach Erfindung druckgrafischer Techniken eine Mangelware. Vor allem aber eine Ware, denn die Menschen waren gerne bereit, zu zahlen, wenn es der Befriedigung ihrer Neugier diente. Bilderhändler zogen von Dorf zu Dorf, vertrieben offiziell Heiligenbilder und inoffiziell Pornografie, Bänkelsänger wanderten ebenfalls durchs ganze Land und zogen ihr Publikum mit spektakulären Bildern von Katastrophen, Unglücken und Verbrechen in ihren Bann, gesteigert durch eindringliche Texte und musikalische Untermalung.“

Den gesamten Beitrag gibt es hier zu lesen.