Warum das Neue immer wieder von Neuem neu ist

Bei der Jahrestagung „Positionen des Neuen“ der Gesellschaft für Designgeschichte war ich im Juni 2018 als Keynote-Speaker eingeladen. Mein Vortrag hieß „Warum das Neue immer wieder von Neuem neu ist (und warum irgendwann doch nicht mehr)“. Darin gehe ich der Frage nach, warum sich das Attribut ‚neu’ so lange größter Beliebtheit erfreut hat. Was ließ Neuartiges genauso wie Neuwertiges zur Leitkategorie für Design, Konsumästhetik und Marketing werden? Und wie wird es in Szene gesetzt – von Produzenten sowie von Konsumenten? Gerade letztere haben seit einigen Jahren mehr Möglichkeiten als früher, ihre Freude am Neuen zum Ausdruck zu bringen: mit Videos und Fotos, die sie in den Sozialen Medien publizieren, also etwa mit ‚Unboxing Videos’, in denen das Auspacken eines neuen Produkts dokumentiert wird, oder mit ‚Produktselfies’, auf denen man das jeweils Neue stolz in die Kamera hält.gfdg

Dennoch, so meine Diagnose, hat das Neue in den letzten Jahren an Verführungskraft eingebüßt. Bemühungen darum haben nachgelassen, man begnügt sich mit Schwundstufen davon. Aber warum? Ich deute diese Entwicklung mit sozioökonomischen Veränderungen, vor allem mit (auch sonst zu beobachtenden) Tendenzen zu einer Rearistokratisierung der Gesellschaft. Auf einmal sind Tradition und Vergangenheit wieder wichtiger als Zukunft und Neuheit.

Die Zeitschrift designreport hat meinen Vortrag in der Ausgabe 4/2018 komplett abgedruckt – und ihn hier online veröffentlicht.

Das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-Recherche

Für die Pop-Zeitschrift habe ich darüber geschrieben, wie das Thema ‚Europa‘ von identitären und anderen rechtsextremen Bewegungen immer stärker und immer aggressiver besetzt wird. Die Analyse von Bildpropaganda auf verschiedenen Accounts von Tumblr lässt bereits erkennen, mit welchem Narrativ insbesondere die jüngere Generation für eine Anti-EU-Ideologie gewonnen werden soll. Einiges von dem, was im Moment noch fernab einer größeren Öffentlichkeit entwickelt wird, könnte bereits im Zuge des nächsten Europawahlkampfs zum Einsatz kommen. – Hier mein (kompletter) Beitrag:

Das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-Recherche

Versucht Robert Menasse in seinem Roman Die Hauptstadt (2017), für die Idee einer supranationalen Europäischen Union zu werben, so schildert er doch vor allem, dass die meisten EU-Beamten selbst nur wenig davon halten, nach und nach mehr Entscheidungen von den nationalen Regierungen an eine europäische Regierung zu übertragen. Schon eine Kampagne, die nur das Image der EU-Kommission verbessern soll, überfordert die Brüsseler Bürokraten: Sie finden keine plausible – motivierende und verbindende – Erzählung für die Entwicklung und Zukunft der EU. Daher lässt sich Menasses Roman auch als Hilferuf lesen.Weiterlesen

Der Snack als Problemfall (NZZ-Folio 7/2018)

Bildschirmfoto 2018-07-23 um 11.43.57In meiner Konsum-Kolumne „Aus der Warenwelt“ in NZZ-Folio mache ich mir diesmal Gedanken über Snacks. Immerhin gilt:

„…so knackig es klingen mag, von einem «Snack» zu sprechen, so klar signalisiert das deutsche Äquivalent «Zwischenmahlzeit» seinen komplizierten Status: Snacks haben keinen festen Ort, keine eindeutige Bestimmung. Sie sind etwas für zwischendurch und stehen darum zwischen allem. Sie sind ein echter Problemfall!“

Den kompletten Text gibt es hier!

Buchpräsentation: „Anton Henning: Noch moderner“

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Am 30. Mai 2018 wurde in Berlin das Buch „Anton Henning: Noch moderner“ präsentiert, das ich im Kerber Verlag veröffentlicht habe. Es ist drei Kilo schwer geworden, da es in großem Format (von der Grafikerin Verena Gerlach sehr feinsinnig in Szene gesetzt) mehr als 200 Werke Hennings aus den letzten 25 Jahren zeigt.

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Nachdem ich bereits früher über Henning geschrieben hatte, befasse ich mich in meinem Text diesmal mit seinem spezifischen Umgang mit der Malerei der Avantgarden. Deren stilistische Eigenheiten werden in seinem Werk neu verhandelt und ebenso überraschend wie schlüssig zusammengeführt. Weit entfernt von Strategien des Appropriierens, des Re-enactment oder des Sampelns, die alle noch der Postmoderne entstammen, kommt auf Hennings Bildern eine Erfahrung zum Ausdruck, die sowohl davon geprägt ist als auch reflektiert, wie moderne Künstler von Modigliani bis Bacon, von Matisse bis Picabia, von Delaunay bis Guston sich ihre Welt malerisch anverwandelt haben.

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Das Ergebnis bezeichne ich als ‚geläuterte Moderne’: So sehr der überschwänglich-pathetische, zum Teil sogar martialische Charakter der Avantgarden verschwunden ist, so sehr wird überhaupt erst sichtbar, welche Stilmittel und Transformationen aus der Moderne weiter gelten. Bei Anton Henning werden sie in ihren Möglichkeiten ausgeschöpft und weiterentwickelt.

Im folgenden veröffentliche ich den Buchbeitrag „Anton Henning und die geläuterte Moderne“:

Schrift taucht auf den Gemälden Anton Hennings nur selten auf. In der unteren rechten Ecke auf einem Bild von 1997 aber stehen, in dünnen, leicht schiefen Buchstaben, oberhalb der viel kleineren Signatur, die Worte „noch moderner“. Sie sind auf hellen Grund geschrieben, der sonst in der linken und unteren Randzone des Bildes nicht weiter bemalt wurde. Den Rest der Fläche füllen vier annähernd quadratische Flächen, als Schachbrettmuster in kräftigem und blassem Orange angelegt. Darauf wiederum ist, sich von oben rechts in das Bild schlängelnd, eine Kette aus fünf Würsten gemalt. Sie wirken als einziges räumlich, da sie leichte Schatten werfen. Weiterlesen

Kunstfreiheit

Im SWR2 habe ich einen Essay zum Thema Kunstfreiheit veröffentlicht (Titel: „Tabubrecher! Wie moralisch soll Kunst sein?“), der hier nachzulesen und hier nachzuhören ist.

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Das Thema ‚Kunstfreiheit‘ ist in letzter Zeit wieder vermehrt in die Diskussion geraten. Einerseits berufen sich gerade aktivistische Gruppen mehr denn je darauf, andererseits gibt es, zumal im Zuge der #MeToo-Debatte, auch Stimmen, die darin ein Rechtsgut sehen, von dem lange Zeit vor allem eine privilegierte Minderheit profitiert habe und in dessen Namen viel Unheil passiert sei. Extremer können die Auffassungen also
kaum auseinandergehen. Daher ist es an der Zeit, neu über den Sinn einer Idee von Weiterlesen