„This is Germany“

Die Künstlerin Candice Breitz startete im Februar 2021 ein Projekt, bei dem unter dem Titel „This is Germany“ jeweils aktuelle Schlagworte der politischen Debatte aufgegriffen und diskutiert werden. Eingeladen sind Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, die in einem kurzen Video Stellung zu einem Begriff wie ‚bio-deutsch‘ oder ‚cancel culture‘ nehmen sollen. Das Ziel ihres Projekts beschreibt Breitz folgendermaßen:

„The basic idea is to ‚take the temperature’ of Germany 2021. Where are we, right now, as a cultural community? What’s on our minds? What brings us together? What drives us apart? Though each episode will address a different topic, the underlying questions that are likely to persist across episodes, are as follows: Who are ‘we’? What is ‘freedom of expression’ and who has access to it? What kind of cultural community do we wish to exist within? How can we grow a public sphere in which a greater diversity of voices is heard and valued?“

Die Videos werden sowohl bei Facebook als auch bei YouTube veröffentlicht. Meine beiden ersten Beiträge zu dem Projekt sind hier anzuschauen:

Nils Pooker: „Autopsie einer Bildkritik“

Wird man als Kunstwissenschaftler üblicherweise erst um eine Beurteilung gebeten, wenn ein Werk vollendet ist, so gibt es auch Fälle, bei denen man bereits während des Werkprozesses mit dem Künstler diskutieren und das weitere Vorgehen besprechen kann. Eine wirkliche Ausnahme stellt es aber dar, dass eine die Werkentstehung begleitende Diskussion von vornherein geplant und zum Teil des künstlerischen Konzepts erklärt wird. Genau das machte Nils Pooker, als er im Herbst 2018 sein Projekt „Autopsie einer Bildkritik“ startete. Dies ist eine Arbeit über ein Kapitel deutscher Ideologie und Ikonografie, die den Bogen von der Romantik Caspar David Friedrichs über den Nationalsozialismus bis hin zur Fotografie Andreas Mühes spannt: eine eindrucksvolle und in ihren Methoden beispielhafte Konzeptkunst. Es zeichnet sie vor allem aus, Bilder so ernst zu nehmen, dass ihre Genese möglichst genau beobachtet, reflektiert und analysiert werden soll. Dazu fotografierte und filmte Pooker nicht nur den gesamten Prozess seiner gemalten Bildkritik, sondern stellte in einem E-Mail-Dialog mit mir die einzelnen formalen Entscheidungen seines Projekts zur Diskussion. Nichts an diesem Projekt sollte ‚einfach so‘ stattfinden, sondern über fast zwei Jahre hinweg tauschten wir uns über die jeweils nächsten Schritte aus. Nun hat Nils Pooker die konzeptuellen Voraussetzungen sowie die gesamte Dokumentation des Projekts veröffentlicht – darunter auch unseren (Achtung: sehr langen!) E-Mail-Dialog.

Zu den Bildern der Erstürmung des Kapitols

In Reaktion auf die Stürmung des Kapitols in Washington durch Trump-Anhänger am 6. Januar 2021 schrieb ich einen Beitrag für den Bayerischen Rundfunk. Darin interpretiere ich das Geschehene als Re-Enactment von Plots und Phantasien, die davor bereits intensiv in den Sozialen Medien ausgelebt worden waren. Das ist hier nachzulesen bzw. nachzuhören!

Auch der SWR interviewte mich zu dem Thema – nachzuhören hier!

Online-Veranstaltungen – eine Auswahl

Mittlerweile haben etliche Institutionen ihre Veranstaltungsformate erfolgreich in das Netz übertragen. Die Vorträge und Diskussionsrunden, die nun per Videokonferenz stattfinden, haben aufgrund der Ortsunabhängigkeit nicht selten sogar ein größeres Publikum als bisher, und sofern sie aufgezeichnet werden, stehen sie zudem dauerhaft zur Verfügung. Daher sei im folgenden eine Auswahl von Veranstaltungen aus diesem Herbst vorgestellt:

Auf dem von Michael Grossmann organisierten Festival „Fire a 1000 Poems“ fasste ich am 5. November in einem Eingangsvortrag einige meiner Thesen des 2016 publizierten Buchs „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“ zusammen, über die dann im folgenden diskutiert wurde – anzuschauen hier!

Beim ‚Art Cologne Talk‘ sprach Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins ‚Monopol‘, am 10. November mit dem Künstler Thomas Huber und mir über Hubers Kunst, Unternehmenssammlungen und künstlerische Verantwortung – anzuschauen hier!

Innerhalb der an der TU Dresden von Kerstin Schankweiler veranstalteten Ringvorlesung „Bildkulturen des Digitalen“ sprach ich am 16. November über Selfies – in Weiterführung meines gleichnamigen Buchs von 2019 – anzuschauen hier!

Das ‚Charlottenburger Institut für Philosophie‘ lud mich am 24. November zu einem Live-Podcast unter dem Titel „Was darf die Kunst?“ ein. Wir sprachen, ausgehend von meinem Buch „Feindbild werden. Ein Bericht“, über die Rechtsverschiebung des Begriffs der Kunstautonomie, über Unterschiede des Kunstverständnisses in Ost- und Westdeutschland, über Postmoderne, Konsumismus und Kapitalismuskritik – nachzuhören hier!

Innerhalb der von Nina Venus veranstalteten Vortragsreihe ‚Kunst und Karriere‘ der Muthesius Kunsthochschule hielt ich am 26. November einen Vortrag unter dem Titel „Der kreative Mensch“, der auf mein gleichnamiges Buch von 2016 Bezug nimmt und einige Überlegungen von dort weiterführt – nachzuhören hier!

Neu erschienen: „Anton Henning – Noch moderner“ – Band 2

Nachdem 2018 der erste Band einer geplanten Trilogie erschienen ist, die dem Werk von Anton Henning gewidmet ist und die von mir im Kerber Verlag herausgegeben wird, haben wir nun den zweiten Band fertiggestellt, wiederum von der Grafikerin Verena Gerlach gestaltet und wiederum viersprachig (dt./engl./franz./jap.).

Ging es im ersten Band um Hennings Auseinandersetzung mit den Positionen und Stilmitteln der Klassischen Moderne, die er neu entdeckt und in ihren Möglichkeiten auslotet, so bietet der zweite Band einen anderen Blickwinkel auf sein malerisches Werk der letzten drei Jahrzehnte. „Noch moderner“ bedeutet bei Henning nämlich oft auch, über die Moderne hinweg Verbindungen zu früheren Epochen der Kunstgeschichte zu knüpfen. Ein Akt der Renaissance, eine barocke Landschaft oder ein Programmbild des 19. Jahrhunderts – das alles kehrt bei ihm vielfach gebrochen und modernisiert wieder. So wird ein barockes Ambiente etwa mit Motiven aus der zeitgenössischen Popkultur angereichert, Landschaften des 17. Jahrhunderts sind bei ihm mit Figuren bevölkert, die vor dem Kubismus noch unmöglich gewesen wären, und eine Marienfigur sieht so aus, als hätte Raffael nach fünfhundertjähriger Pause erneut in die Kunstgeschichte eingegriffen.

Dem umfangreichen Bildteil ist ein Gespräch vorangestellt, das Anton Henning und ich geführt haben und das seinem Selbstverständnis als Künstler, seiner künstlerischen Praxis sowie seinem Verhältnis zu anderen Künstlern gewidmet ist.

Meine kurze Einleitung sowie das vollständige Gespräch lassen sich hier

Streitort Museum

Für „Neues Deutschland“ nehme ich zu den Debatten Stellung, die seit einigen Jahren in und über Museen geführt werden – und in denen aus politischen oder moralischen Gründen etwa die Abhängung von Werken gefordert wird. Schnell ist dann von ‚Cancel Culture‘ die Rede. Doch warum sollte es nicht als Gewinn angesehen werden, wenn neben kunstspezifischen Kriterien auch (möglichst viele) andere Kriterien darüber entscheiden, was museumswürdig ist?

Für mich gilt, so schreibe ich, „dass man Kategorien der Kunst nicht zwangsläufig zu missachten braucht, nur weil man zudem berücksichtigt, wie ein Werk auf verschiedene Teile seines Publikums wirken könnte, welche Provenienz es hat oder unter welchen Bedingungen es entstanden ist. Nachdem man bei vielen Konsumprodukten und erst recht bei der Beurteilung ihrer Qualität bereits ganz selbstverständlich soziale oder ökologische Kriterien einbezieht, sollte endlich – spät genug – auch bei Kunst so verfahren werden. Es wäre ein erheblicher Gewinn, würde der Blick auf die Werke doch differenzierter; je mehr unterschiedliche Kriterien ins Spiel kämen, desto mehr Sensibilitäten prägten sich aus. Und das, was dann letztlich für gut befunden wird, ist es in umfassenderer Weise als bisher. Gerade von Kunst – von Artefakten, an die man höhere Ansprüche als an anderes stellt – sollte erwartet werden können, dass sie nicht nur in einer, sondern in möglichst vielen Hinsichten über Exzellenz verfügen, also nicht nur formal brillant, geistreich und überraschend, sondern zugleich frei von Diskriminierungen, besonders ressourcenbewusst und unter absolut fairen Bedingungen produziert sind.“

Hier der komplette Text!

Buchpräsentation „Feindbild werden. Ein Bericht“

Innerhalb des Programms der (sonst ausgefallenen) Frankfurter Buchmesse präsentierte ich zweimal mein neues Buch „Feindbild werden. Ein Bericht“ – zuerst (am 14.10.) auf dem ‚Blauen Sofa‘ des ZDF, auf dem mich Thorsten Jantschek befragte, und dann (am 15.10.) bei ‚OPEN BOOKS‘ in Frankfurt, wo ich mit Stefan Trinks diskutierte. – Vollständige Mitschnitte beider Veranstaltungen sind online verfügbar:

> Blaues Sofa

> OPEN BOOKS

Rezensionen zu „Feindbild werden. Ein Bericht“

Die ersten Rezensionen zu meinem im September erschienenen Buch „Feindbild werden. Ein Bericht“ (Verlag Klaus Wagenbach) sind da! – Hier die Liste mit Links:

> Kolja Reichert: „Kunst, Macht, Geld“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27. September 2020

> Michael Hübl: „Wolfgang Ullrichs Antwort auf Neo Rauchs Bild ‚Der Anbräuner‘ und die Folgen“, in: Badische Neueste Nachrichten vom 1. Oktober 2020

> Robert Braunmüller: „Unbewältigte Vergangenheit“, in: Abendzeitung vom 2. Oktober 2020

> Peter Hintz: „Kunstautonomie als rechtes Ideal – von Neo Rauch bis Uwe Tellkamp“, auf: 54 books, 6. Oktober 2020

> Michael Wurlitzer: „Ullrichs ‚Feindbild werden‘. Kulturkampf zwischen Maler und Kritiker“, in: Der Standard vom 6. Oktober 2020

> Tilman Urbach: „‚Feindbild werden‘ – Mehr als ein Streit um rechte Kunst“, in: Bayerischer Rundfunk, Diwan vom 11. Oktober 2020

> Mario Donick: „Gesellschaftsdiagnose und Traumabewältigung. Wolfgang Ullrich: Feindbild werden“, auf: Überstrom vom 17. Oktober 2020

Update vom 22. Oktober 2020:

> Jens Kassner: „Schießscheibenbildanalyse“ auf: Jens Kassner vom 18. Oktober 2020

> Daniel Völzke: „Ein Monster von einem Bild“, auf: Monopol vom 20. Oktober 2020

> Jana Münkel: „‚Feindbild werden‘ – Wolfgang Ullrichs Debatte mit Neo Rauch“, in: Deutschlandfunk Kultur, Lesart vom 22. Oktober 2020

> Thomas Rogers: „A German Painter’s New Rule: ‘Never Answer a Critic’“, in: New York Times vom 22. Oktober 2020

Update vom 30. Oktober:

Auf der Sachbuchbestenliste von LITERARISCHE WELT, WDR 5, NZZ und Österreich 1 ist „Feindbild werden“ im November auf Platz 4.

Update vom 10. November:

> Jakob Hayner: „Kunstfreiheit im Kulturkampf“, in: Neues Deutschland vom 10. November 2020

Update vom 19. November:

> Christoph Dieckmann: „Im innerdeutschen Kulturkampf“, in: Die ZEIT 48/2020 vom 19. November 2020

Update vom 8. Dezember:

> Helmut A. Müller: „Wolfgang Ullrich, Feindbild werden. Ein Bericht“, auf: Nordheimer Scheune vom 24. November 2020

> Kito Nedo: „Kunstglaube und Fäkalien für die Mitte“, in: Süddeutsche Zeitung vom 7. Dezember 2020

> Michael Bittner: „Tief im Schützengraben“, in: Junge Welt vom 8. Dezember 2020

Update vom 3. Januar 2021:

> Gerald Heidegger: „Neo Rauch, die Rechte und der Kot-Topf“, in: ORF vom 2. Januar 2021

> Henrik Wolff: „Einige ziemlich uninformierte und daher eher vorläufige Bemerkungen zur Sache Neo Rauch vs. Wolfgang Ullrich“, auf: Blog von Henrik Wolff

Und hier und hier und hier und hier und hier noch ein paar Kommentare auf Twitter.

„Bitte mal auffallen“

Zum 10. Geburtstag von Instagram habe ich in der ZEIT einen Artikel geschrieben, in dem ich dem wohl wirkmächtigsten Medium der Gegenwart aber nicht nur gratuliere, sondern auch schreibe, was sich im zweiten Jahrzehnt ändern muss:

„In den letzten Jahren hat nichts die Mode, die Kunst- und Designwelt so stark verändert wie Instagram. Auch für das Wohnen, Essen oder Reisen hat die 2010 gegründete Plattform die ästhetischen Standards neu definiert. Wohl noch nie in der Kulturgeschichte war ein Medium so viel stärker als das, was es vermittelt, noch nie konnte es die Welt so sehr nach seinen Bedingungen umformen. Immer mehr Lebensbereiche werden „instagramable“ gemacht. […] Allerdings  ist es ein Problem, ja ein Skandal, dass gerade das Medium, das so demokratisierend auf die Bildkultur gewirkt hat, selbst völlig undemokratisch ist. Algorithmen werden geheim gehalten, Entscheidungen, die zuerst nur die Infrastrukturen der Plattform betreffen, dann jedoch gewaltige Folgen für die ganze Gesellschaft haben, bleiben gänzlich intransparent. Das muss sich ändern. Es sollte endlich die Mitbestimmung der User ermöglicht werden, um wählen zu können, wie Algorithmen und Features weiterentwickelt und eingesetzt werden. So mächtig Instagram im ersten Jahrzehnt geworden ist, so sehr ist es die Aufgabe des zweiten Jahrzehnts, diese Macht des Facebook-Konzerns demokratisch zu gestalten.“

Hier geht es zum Artikel!

Update vom 6. Oktober 2020: Im SWR2 wurde ich zum Instagram-Geburtstag interviewt – nachzuhören hier!

Home Art Objects

Aus dem 2019 erschienenen Heft 14 der Printausgabe der Pop-Zeitschrift wurde nun ein Aufsatz online gestellt, den ich zusammen mit Annekathrin Kohout unter dem Titel „‚Hi Art!!‘ statt High Art“ verfasst habe:

„Die wohl interessantesten Veränderungen des Kunstbetriebs fanden in letzter Zeit in Museumsshops und an anderen ›Points of Sale‹ statt. Dort gibt es nämlich in großer, rasch wachsender Zahl Objekte, deren Status mit herkömmlichen Kategorien nur bedingt zu begreifen ist. Im Shop des New Museum in New York werden sie als »Home Art Objects« bezeichnet – und das ist vielleicht gar kein so schlechter Begriff, zumal er, zumindest im Deutschen, die Assoziation zulässt, dass es neben Haustieren nun auch Hauskunst geben könnte. Kunst zum Liebhaben und zum Knuddeln? Kunst für den Alltag?“ – Zum weiteren Text geht es hier!