Im Stahlgezwitscher

Bildschirmfoto 2018-03-14 um 09.05.26Auf Twitter folge ich schon lange auch dem Medientheoretiker Norbert Bolz. Kamen von ihm vor Jahren noch überwiegend geistreiche, pointiert ironische Tweets, in denen er die Themen seiner Bücher geschickt in ein anderes Medium übersetzte, so ist seit rund drei Jahren eine Radikalisierung  zu beobachten: Viele seiner Tweets bedienen mittlerweile die Ressentiments rechtspopulistischer, teils sogar rechtsextremer Milieus; selbst vor verschwörungstheoretischen Szenarien schreckt Bolz nicht zurück.

Was ist da passiert? Warum ist es gerade bei Bolz passiert? Wie lässt sich seine Radikalisierung analysieren und deuten? Zu diesen Fragen haben Jörg Scheller und ich einen Dialog geführt. Wir rezensieren den Twitter-Account von Norbert Bolz – nachzulesen ist der auf der Seite der Pop-Zeitschrift veröffentlichte Text hier.

Update 15. März: Da die Seite der Pop-Zeitschrift zeitweise überlastet ist, kann man den Text nun auch hier abrufen.

Als wär’s Champagner (NZZ-Folio 3/18)

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Für das Märzheft von NZZ-Folio, das dem Thema ‚Wasser‘ gewidmet ist, habe ich einen Beitrag über die Produktkarriere von Mineralwasser geschrieben. Was sich hier in den letzten Jahrzehnten ereignet hat, lässt für mich nur einen Vergleich zu:

„Mit Mineralwasser ist es wie mit moderner Kunst. Beide verheissen viel, beide können teuer sein, beide scharen Kenner und Experten um sich, deren Kriterien den meisten Menschen ziemlich rätselhaft erscheinen. Beide haben in den letzten zwanzig Jahren einen spektakulären Zuwachs an Aufmerksamkeit und Bedeutung erfahren – und mit beiden assoziiert man mittlerweile Luxus.“

Der komplette Text ist hier zu lesen.

Aufsatz über „Kallipädie“ und die Macht der Bilder

Allenthalben ist von der Macht der Bilder die Rede, die angeblich nie größer war als heute. Andererseits jedoch sprach man Bildern lange Zeit noch viel mehr Macht zu. Bevor das Sehen im 18. Jahrhundert zum Distanzsinn erklärt wurde, hielt man Bilder sogar für mächtig genug, um physisch einwirken und Körper und Seele formen zu können. Maßgeblich dafür war einerseits eine seit Demokrit und Epikur bestehende Tradition der Wahrnehmungstheorie, wonach alles Sichtbare via ‚eidola‘ die Augen des Wahrnehmenden penetriert; andererseits implizierte Platons Metapher, das Gedächtnis sei eine Wachstafel, in die ‚Eindrücke‘ fixiert werden, die Vorstellung von Bildern als gestaltgebenden Instanzen.

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Giovanni Bellini: Nackte Frau mit Spiegel (1515) - Ein Gemälde, 
das dazu anleiten und dienen sollte, schönen Nachwuchs zu zeugen.

Die größte Rolle spielte der Topos von der Macht der Bilder aber im Umkreis von Zeugung und Schwangerschaft. So war man über Jahrhunderte hinweg – und gerade auch in der Renaissance – überzeugt davon, dass die Bilder, die eine empfängnisbereite Frau betrachtet, das Aussehen und sogar den Charakter des Neugeborenen festlegen. Mit der Kallipädie gab es eine eigene Wissenschaft, in der es darum ging, mithilfe von Bildern möglichst schönen Nachwuchs zu generieren – dies vor allem für den Adel ein zentrales Anliegen.

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Mein Aufsatz „Kreativität als Pflicht“ rekonstruiert dieses wichtige, heute fast vergessene Kapitel aus der Geschichte der Bilder. Erschienen ist er in dem von Sandra Abend und Hans Körner kürzlich herausgegebenen Band „Der schöne Mensch und seine Bilder“. – Im folgenden ist er vollständig zu lesen:

 

In Platons Symposion erklärt Diotima dem Sokrates, die Menschen seien von einem großen Drang nach Berühmtheit besessen; am liebsten würden sie sogar unsterblichen Ruhm erlangen. Dies versuchten sie auf zweierlei Art und Weise. Die einen bemühten sich, „durch Zeugung von leiblichen Kindern Unsterblichkeit, Fortleben im Gedächtnis und Glückseligkeit […] zu erwerben“. Die anderen hingegen Weiterlesen

Buchpublikation über das Kunstsammeln

Unter dem Titel „Sieh mich an! Schlüsselmomente einer Sammlungsgeschichte“ ist bei Spector Books ein Buch erschienen, das ich zusammen mit Sasa Hanten-Schmidt herausgegeben habe. Darin geht es einerseits speziell um die in Genese und Charakter unterschiedlichen Kunstsammlungen von Sasa Hanten-Schmidt und ihrem Mann Klaus F.K. Schmidt, die nach beider Eheschließung zur Basis für eine neue, gemeinsame Sammlung wurden, andererseits aber um einige allgemein relevante Themen und Probleme im Zusammenhang mit Kunstsammlungen.

Bildschirmfoto 2018-02-15 um 08.41.09In meinem Buchbeitrag unter dem Titel „Vom ‚opus’ zum ‚corpus’. Über den Statuswandel von Kunstsammlungen“ untersuche ich mentalitätsgeschichtlich, warum gerade in der Bundesrepublik der 1970er und 80er Jahre viele private Kunstsammlungen begonnen wurden. Dabei fällt vor allem die männliche Codierung der meisten dieser Sammlungen auf. Im Zuge sich verändernder Geschlechterverhältnisse erscheinen diese Sammlungen mittlerweile in neuem Licht und in ihrer Bedeutung relativiert. Andere Formen des Sammelns sowie andere Arten des Selbstverständnisses von Sammlern und Sammlerinnen etablieren sich, womit auf einmal etwa auch das ‚Entsammeln’ – also das Abgeben und Veräußern von Sammlungsstücken – zu einer selbstverständlichen Strategie werden kann. Da aktuell und in den nächsten Jahren viele Sammlungen auf die nächste Generation übergehen, steht umso mehr zur Debatte, welche Veränderungen beim Sammeln von Kunst nötig und möglich sind. Das Ehepaar Sasa Hanten-Schmidt und Klaus F.K. Schmidt liefert dafür am Beispiel der eigenen Sammlung(en) ein anschauliches Fallbeispiel.

Im Folgenden ist mein kompletter Buchbeitrag zu lesen:

Um zu verstehen, warum in den letzten Jahrzehnten gerade viele Unternehmer und Selbstständige zu Kunstsammlern geworden sind, genügt die Lektüre eines einzigen Texts. Er stammt aus dem Jahr 1973 und ist die Druckfassung einer Rede von Jürgen Ponto, dem damaligen Vorsitzenden der Dresdner Bank. Er hielt sie Weiterlesen

Kommentare zur Debatte über das Abhängen von Kunstwerken

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In einem Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“ schreibe ich aus Anlass der Abhängung des Gemäldes „Hylas and the Nymphs“ (1896) von John William Waterhouse in der Manchester Art Gallery über das Missverständnis, Museen sollten nur das zeigen, was den jeweils aktuellen Moralstandards entspricht. – Hier der Text!

(Das Foto zeigt die Stelle, wo das Gemälde bisher hing und wo das Museum jetzt eine öffentliche Debatte darüber führen lässt. Diese findet auch auf dem Blog der Museums-Website statt, nämlich hier. – Update 4. Februar 2018: Das Museum hat das Gemälde mittlerweile wieder aufgehängt – unklar ist nur, ob es damit öffentlichem Druck folgte (wie z.B. hier behauptet wird) oder ob das von vornherein so geplant war (wie es z.B. hier heißt). )

Kürzlich hatte ich bereits im „Focus“ einen Artikel zu den Diskussionen über einzelne Kunstwerke, deren Abhängung oder gar Vernichtung gefordert wird, weil sie gegenwärtigen Moralvorstellungen widersprechen. Ich plädiere dafür, gerade „die historische Differenz [zu] nutzen, [um] den eigenen Standpunkt zu reflektieren, zu schärfen und gerne auch als Fortschritt zu empfinden.“ Denn nur wer die „Geschichtlichkeit [von Kunstwerken] verleugnet, muss befürchten, dass sie in der Gegenwart noch Schaden anrichten können“. – Hier der komplette Text!

Semantische Auszeit. Über „Die Schmiede des Vulkan“ von Alexander Camaro

Nicht alle Sammelbände und Anthologien, für die man einen Aufsatz schreibt, werden auch publiziert. Als ich letztens Jahr eingeladen wurde, einen Beitrag für einen Band über „Das Atlantis der BRD“, nämlich über die Stadt Bonn, zu schreiben, schien mir nichts passender als eine Analyse eines Gemäldes von Alexander Camaro, das einige Jahre eine zentrale Stellung im Bonner Kanzlerbungalow einnahm. – Nachdem aus dem Buchprojekt nun leider doch nichts wurde, veröffentliche ich meinen Beitrag hier.

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Der Bonner Kanzlerbungalow, von Sep Ruf gebaut und 1964 von Bundeskanzler Ludwig Erhard bezogen, hat neben privaten Wohnräumen einen – größeren – Trakt für offizielle Empfänge, für Besprechungen und Verhandlungen. Darin wurden diverse Sitzgruppen, für unterschiedliche Konstellationen und Anzahlen von Personen aufgestellt – etwa eine kleinere um einen Kamin, eine größere um einen gläsernen Couchtisch und eine noch größere vor einer Klinkerwand. Auf dieser hing das einzige Gemälde, das für den Bungalow in Auftrag gegeben wurde: „Die Schmiede des Vulkan“ von Alexander Camaro. Werke des Berliner Kunstprofessors, ursprünglich 1901 in Breslau als Alphons Bernhard Kamarofski geboren und somit Weiterlesen

Werte muss man sich leisten können – der neue Moraladel

In einem Gastkommentar im Feuilleton der NZZ gehe ich, ähnlich wie schon in meinem Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“, sowohl der Attraktivität als auch der Gefahr nach, die eine Wertethik kennzeichnet. Sich zu Werten zu bekennen und danach zu handeln, verheißt Selbstverwirklichung und Individualität, es lässt die moralische Persönlichkeit als kreative Leistung erscheinen. Aber es heißt auch, dass diejenigen, die mehr Möglichkeiten als andere haben, ihre Werte zu leben, allein deshalb, weil sie reicher, gebildeter, begabter sind, auch moralisch überlegen erscheinen.


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Francesco de Pesellino: Die sieben Tugenden (ca. 1450) – Dieses Gemälde zeigt beispielhaft die Vorstellung von Tugenden als etwas, das als feststehendes Ideal über den Menschen steht. Man hat sich an ihnen zu orientieren, sie lassen dabei kaum Spielraum. Dagegen werden Werte als etwas angesehen, das immer wieder neu in Kraft gesetzt werden muss, dem Einzelnen aber auch viel Spielraum lässt.


„Wer eine nihilistische Diagnose stellt, also für die gesamte Gesellschaft einen generellen Verlust der Werte beklagt und deren Neubelebung fordert, aber auch wer sich um einzelne Werte kümmert, um individuell profilierter zu sein, vertritt gleichermassen die Überzeugung, dass Werte nur durch persönlichen Einsatz Geltung erlangen können. Solange sie nicht eigens verkörpert sind, bleiben sie abstrakt und leer. Diese Defizitunterstellung legt jedoch nicht nur eine Handlungsnotwendigkeit nahe, sondern verheisst vor allem einen Handlungsspielraum. Die Verkörperung und Realisierung von Werten verlangt und erlaubt jeweils eine Gestaltung: Hier ist Kreativität gefragt. […] [Das aber] führt dazu, dass diejenigen, die über keine Privilegien verfügen, die also nicht wohlhabend, gebildet und kreativ begabt sind und die daher jene Spielräume nicht zu füllen vermögen, sich immer wieder als Menschen zweiter Klasse erfahren müssen. Für sie stellt es einen grossen Nachteil dar, dass es unüblich geworden ist, die moralische Qualifikation an Tugenden oder Pflichten zu messen, sondern dass es vornehmlich darum geht, Werte umzusetzen. Denn um massvoll, gerecht, ehrlich oder rücksichtsvoll zu sein, braucht es weder Geld noch Begabung, ja nichts, worüber nicht jeder Mensch allein dadurch verfügt, dass er Mensch ist. Sind Tugend- und Pflichtenethiken ihrer Logik nach also egalitär, ist eine Wertethik im Gegenteil exklusiv. Sie ermöglicht es nicht allen Menschen gleichermassen, auch gute Menschen zu sein.“

Der Text ist hier nachzulesen.

Auch im Heft 1/2018 von „GEO“ schreibe ich über die Problematik des neuen Moraladels – unter dem Titel „Unsere Moral-Elite grenzt viele aus“ – nachzulesen hier.