Die Mobilisierung der Bilder. Museen und Soziale Medien

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Am 8. Mai 2018 hielt ich auf der vom Kunst-Forum Zürich veranstalteten Konferenz „Building a Museum for Next Generations“ eine Keynote, die ich hier komplett veröffentliche.

 

Die Mobilisierung der Bilder. Museen und Soziale Medien

Unter Kulturpessimisten zirkuliert schon seit einigen Jahren ein Foto aus dem Amsterdamer Rijksmuseum. Auf einer Bank im Raum mit Rembrandts Nachtwache sitzen einige Jugendliche, die aber nicht auf das Gemälde blicken, sondern nur Augen für ihre Smartphones haben. Der Befund scheint eindeutig: massenmediale Berieslung statt Auseinandersetzung mit der Hochkultur; Whatsapp- und Selfie-Trash statt große Kunst. Doch sollten die Weiterlesen

Interview über „christliche Werte“

Für die evangelische Wochenzeitung Die Kirche hat mich Tilman Asmus Fischer  über mein Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ interviewt. Wir sprechen nicht nur über Gewissenskult und ablassartige Strukturen der heutigen Konsumwelt, sondern vor allem auch über ‚christliche Werte‘. Dass diese gerade von Protestanten – von Margot Käßmann bis Markus Söder – so gerne beschworen werden, empfinde ich als problematisch und fahrlässig, ist doch das Realisieren von Werten immer an materielle Voraussetzungen gebunden und damit nicht allen Menschen gleichermaßen möglich. Sofern selbst innerhalb der Kirche mit der Wertethik eine exklusive Eliten- und Wohlstandsethik propagiert wird, ist von dem egalitären Geist, durch den sich gerade der Protestantismus auszeichnete, nicht mehr viel geblieben.

Das Interview ist nachzulesen unter Interview Die Kirche.

Aus dem Archiv: Art-Kolumne 12/2011

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Die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung, künftig in allen staatlichen Behörden im Eingangsbereich gut sichtbar ein Kreuz anzubringen, schlägt hohe Wellen. – Markus Söder stellt sich damit in die Tradition eines ‚miles christianus‘, eines Soldaten Christi.

 

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Das hat lange Tradition. in meiner Kolumne, die ich bei „ART. Das Kunstmagazin“ seit 2011 schreibe, nahm ich mir das Thema in einer der ersten Folgen vor – an einer Gegenüberstellung von Lothar de Maizière, damals Bundesverteidigungsminister, und von Kaiser Ludwig dem Frommen aus dem frühen 9. Jahrhundert.

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Hier die Kolumne:

Zwei Bilder, zwischen denen fast genau 1200 Jahre liegen und deren Ähnlichkeiten vor allem eines veranschaulichen: Bekenntnisse zum Christentum werden über einen so langen Zeitraum hinweg mit denselben Zeichen und Gesten artikuliert. Eine solche ikonographische Stabilität ist ungewöhnlich, vielleicht sogar unheimlich. Letzteres, weil Weiterlesen

Simon Fujiwara als Gewissenshändler

Im Kunsthaus Bregenz fand von Januar bis April 2018 die Ausstellung „Hope House“ statt – eine über vier Etagen gehende Installation von Simon Fujiwara, die dem Anne Frank Haus in Amsterdam gewidmet ist. In der Ausstellung traf ich auf etliche Themen, die mich in meiner eigenen Arbeit schon länger beschäftigen – Konsum, Werte, gutes Gewissen -, so dass sich aus meinen Gedanken dazu ein eigener Text ergeben hat, der hier veröffentlicht wird.

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Simon Fujiwara als Gewissenshändler

In der gegenwärtigen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft erlebt eine Praxis eine Steigerung und Vollendung, die in Religionen eine lange Vorgeschichte besitzt. Es geht darum, dem Menschen die Erfahrung zu vermitteln, sowohl schlecht und schuldig als auch gut und gerecht zu sein. In der protestantischen Theologie heißt das prägnant „simul iustus ac peccator“ („zugleich gerecht und Sünder“), und Martin Luther formulierte es noch anschaulicher, wenn er betonte, dass in jedem „zwei in ihrer Natur einander entgegengesetzte Menschen“ steckten.[1] Für ihn war diese Dualität auch unauflöslich: So sehr jeder fortwährend danach zu streben habe, von einem sündigen und schuldhaften Zustand in einen der Gerechtigkeit zu gelangen, und so sehr Luther dafür eine Haltung der Buße anmahnte, so sehr schloss er aus, dass es der Einzelne in der Hand habe, sich von Schuld zu befreien: Heil und Gnade können nicht verdient und schon gar nicht erkauft werden. Weiterlesen

Kunst jenseits der Kunstgeschichte

Beim kunstpädagogischen „Doppelkongress: Kunst, Geschichte, Unterricht“ hielt ich am 23. März 2018 in Leipzig den Eröffnungsvortrag unter dem Titel „Kunst jenseits der Kunstgeschichte. Über zeitgenössische Aneignungspraktiken“.

Bildschirmfoto 2017-11-16 um 07.43.49Ausgangspunkt des Vortrags ist die Diagnose, dass der lange gültige Rezeptionsrahmen von Kunst, den die Idee einer Kunstgeschichte geliefert hat, an Relevanz verliert: Ein Leonardo zugeschriebenes Gemälde wird in einer Auktion für ‚Post-War and Contemporary Art‘ versteigert, Damien Hirst schafft Arbeiten, die eine fiktive neue Kunstgeschichte als Rahmen haben, Jeff Koons lässt beliebig Werke verschiedener Jahrhunderte nachmalen. Sprach Hans Belting schon vor mehr als zwanzig Jahren vom „Ende der Kunstgeschichte“ und reflektierte damit ein postmodernes Weltverhältnis, so gibt es mittlerweile eine vielfältige Praxis eines Umgangs mit Kunst jenseits kunsthistorischer Orientierungsweisen. Dies ist nicht nur am Kunstmarkt, sondern mindestens genauso bei Großereignissen wie Biennalen, ja generell bei kuratierter Kunst zu beobachten. Und generell gilt: Überall, wo Globalisierung stattfindet, erweist sich die Idee einer Kunstgeschichte als bloß westliche Konvention – und wird zugunsten anderer Kategorien aufgegeben. – So wie es für Artfefakte, die vor dem Zeitalter der Kunstgeschichtsschreibung entstanden sind, eine Zäsur bedeutet hat, als sie im Zuge der Musealisierung als Teile der Kunstgeschichte angesehen wurden, so ist es nun an der Zeit, zu fragen, was von Werken, die innerhalb einer Logik der Kunstgeschichte entstanden sind, bleiben wird, wenn sie zunehmend jenseits davon wahrgenommen werden.

Der Vortrag ist im folgenden nachzulesen: Weiterlesen

Im Stahlgezwitscher

Bildschirmfoto 2018-03-14 um 09.05.26Auf Twitter folge ich schon lange auch dem Medientheoretiker Norbert Bolz. Kamen von ihm vor Jahren noch überwiegend geistreiche, pointiert ironische Tweets, in denen er die Themen seiner Bücher geschickt in ein anderes Medium übersetzte, so ist seit rund drei Jahren eine Radikalisierung  zu beobachten: Viele seiner Tweets bedienen mittlerweile die Ressentiments rechtspopulistischer, teils sogar rechtsextremer Milieus; selbst vor verschwörungstheoretischen Szenarien schreckt Bolz nicht zurück.

Was ist da passiert? Warum ist es gerade bei Bolz passiert? Wie lässt sich seine Radikalisierung analysieren und deuten? Zu diesen Fragen haben Jörg Scheller und ich einen Dialog geführt. Wir rezensieren den Twitter-Account von Norbert Bolz – nachzulesen ist der auf der Seite der Pop-Zeitschrift veröffentlichte Text hier.

Update 15. März: Da die Seite der Pop-Zeitschrift zeitweise überlastet ist, kann man den Text nun auch hier abrufen.

Als wär’s Champagner (NZZ-Folio 3/18)

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Für das Märzheft von NZZ-Folio, das dem Thema ‚Wasser‘ gewidmet ist, habe ich einen Beitrag über die Produktkarriere von Mineralwasser geschrieben. Was sich hier in den letzten Jahrzehnten ereignet hat, lässt für mich nur einen Vergleich zu:

„Mit Mineralwasser ist es wie mit moderner Kunst. Beide verheissen viel, beide können teuer sein, beide scharen Kenner und Experten um sich, deren Kriterien den meisten Menschen ziemlich rätselhaft erscheinen. Beide haben in den letzten zwanzig Jahren einen spektakulären Zuwachs an Aufmerksamkeit und Bedeutung erfahren – und mit beiden assoziiert man mittlerweile Luxus.“

Der komplette Text ist hier zu lesen.

Aufsatz über „Kallipädie“ und die Macht der Bilder

Allenthalben ist von der Macht der Bilder die Rede, die angeblich nie größer war als heute. Andererseits jedoch sprach man Bildern lange Zeit noch viel mehr Macht zu. Bevor das Sehen im 18. Jahrhundert zum Distanzsinn erklärt wurde, hielt man Bilder sogar für mächtig genug, um physisch einwirken und Körper und Seele formen zu können. Maßgeblich dafür war einerseits eine seit Demokrit und Epikur bestehende Tradition der Wahrnehmungstheorie, wonach alles Sichtbare via ‚eidola‘ die Augen des Wahrnehmenden penetriert; andererseits implizierte Platons Metapher, das Gedächtnis sei eine Wachstafel, in die ‚Eindrücke‘ fixiert werden, die Vorstellung von Bildern als gestaltgebenden Instanzen.

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Giovanni Bellini: Nackte Frau mit Spiegel (1515) - Ein Gemälde, 
das dazu anleiten und dienen sollte, schönen Nachwuchs zu zeugen.

Die größte Rolle spielte der Topos von der Macht der Bilder aber im Umkreis von Zeugung und Schwangerschaft. So war man über Jahrhunderte hinweg – und gerade auch in der Renaissance – überzeugt davon, dass die Bilder, die eine empfängnisbereite Frau betrachtet, das Aussehen und sogar den Charakter des Neugeborenen festlegen. Mit der Kallipädie gab es eine eigene Wissenschaft, in der es darum ging, mithilfe von Bildern möglichst schönen Nachwuchs zu generieren – dies vor allem für den Adel ein zentrales Anliegen.

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Mein Aufsatz „Kreativität als Pflicht“ rekonstruiert dieses wichtige, heute fast vergessene Kapitel aus der Geschichte der Bilder. Erschienen ist er in dem von Sandra Abend und Hans Körner kürzlich herausgegebenen Band „Der schöne Mensch und seine Bilder“. – Im folgenden ist er vollständig zu lesen:

 

In Platons Symposion erklärt Diotima dem Sokrates, die Menschen seien von einem großen Drang nach Berühmtheit besessen; am liebsten würden sie sogar unsterblichen Ruhm erlangen. Dies versuchten sie auf zweierlei Art und Weise. Die einen bemühten sich, „durch Zeugung von leiblichen Kindern Unsterblichkeit, Fortleben im Gedächtnis und Glückseligkeit […] zu erwerben“. Die anderen hingegen Weiterlesen

Buchpublikation über das Kunstsammeln

Unter dem Titel „Sieh mich an! Schlüsselmomente einer Sammlungsgeschichte“ ist bei Spector Books ein Buch erschienen, das ich zusammen mit Sasa Hanten-Schmidt herausgegeben habe. Darin geht es einerseits speziell um die in Genese und Charakter unterschiedlichen Kunstsammlungen von Sasa Hanten-Schmidt und ihrem Mann Klaus F.K. Schmidt, die nach beider Eheschließung zur Basis für eine neue, gemeinsame Sammlung wurden, andererseits aber um einige allgemein relevante Themen und Probleme im Zusammenhang mit Kunstsammlungen.

Bildschirmfoto 2018-02-15 um 08.41.09In meinem Buchbeitrag unter dem Titel „Vom ‚opus’ zum ‚corpus’. Über den Statuswandel von Kunstsammlungen“ untersuche ich mentalitätsgeschichtlich, warum gerade in der Bundesrepublik der 1970er und 80er Jahre viele private Kunstsammlungen begonnen wurden. Dabei fällt vor allem die männliche Codierung der meisten dieser Sammlungen auf. Im Zuge sich verändernder Geschlechterverhältnisse erscheinen diese Sammlungen mittlerweile in neuem Licht und in ihrer Bedeutung relativiert. Andere Formen des Sammelns sowie andere Arten des Selbstverständnisses von Sammlern und Sammlerinnen etablieren sich, womit auf einmal etwa auch das ‚Entsammeln’ – also das Abgeben und Veräußern von Sammlungsstücken – zu einer selbstverständlichen Strategie werden kann. Da aktuell und in den nächsten Jahren viele Sammlungen auf die nächste Generation übergehen, steht umso mehr zur Debatte, welche Veränderungen beim Sammeln von Kunst nötig und möglich sind. Das Ehepaar Sasa Hanten-Schmidt und Klaus F.K. Schmidt liefert dafür am Beispiel der eigenen Sammlung(en) ein anschauliches Fallbeispiel.

Im Folgenden ist mein kompletter Buchbeitrag zu lesen:

Um zu verstehen, warum in den letzten Jahrzehnten gerade viele Unternehmer und Selbstständige zu Kunstsammlern geworden sind, genügt die Lektüre eines einzigen Texts. Er stammt aus dem Jahr 1973 und ist die Druckfassung einer Rede von Jürgen Ponto, dem damaligen Vorsitzenden der Dresdner Bank. Er hielt sie Weiterlesen