Ist politische Aktionskunst der bessere Protest?

In der Sendung „Streitkultur“ des Deutschlandfunks diskutierten Raimar Stange und ich darüber, was politische Aktionskunst kann und darf – und wo ihre Grenzen liegen. Während Stange Gruppen wie das „Zentrum für politische Schönheit“ verteidigte, bezog ich einen kritischen Standpunkt – und verneinte die Titelfrage:

„Nein, politische Aktionskunst ist nicht die bessere Form des Protests. Um das zu sein, müsste sie ja eine Wirkung haben und etwas verändern können. Genau das aber ist meiner Wahrnehmung nach nicht der Fall. Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der durch ein Stück Aktionskunst seine Meinung geändert hätte und etwa vom Befürworter einer restriktiven Flüchtlingspolitik zum Befürworter offener Grenzen geworden ist. Im Gegenteil. Oft tritt Aktionskunst so schrill, so selbstgerecht auf, dass das ihren eigenen Zielen letztlich schadet und selbst Menschen, die an sich dieselben Ziele teilen, abgeschreckt werden. Im schlimmsten Fall kommt es also zu sogenannten Reboundeffekten – und am Ende wird das Gegenteil des Gewünschten erreicht, weil sich Menschen genervt abwenden. Deshalb ist politische Aktionskunst vielleicht sogar gefährlich: statt Diskussionen über gesellschaftliche Konflikte zu initiieren, verhärtet sie Fronten.“

Nachzuhören ist die Sendung hier.

Kräftiger Lack für starke Frauen (NZZ-Folio 5/17)

In meiner Kolumne „Aus der Warenwelt“ geht es diesmal um die Nagellacke von Edding. Ich sehe sie als weitgehend gelungenes Beispiel dafür an, dass es, neben zahllosen Produkten, die nur alte Geschlechterrollen-Klischees festklopfen, auch möglich ist, mit Produktdesign einen Beitrag zur Emanzipation zu leisten.Bildschirmfoto 2017-04-29 um 11.17.13

Hier der Text – und der darin erwähnte Werbefilm „P.O.W.E.R. statt püppchen“ ist hier zu sehen .

Das Gesetz der Serie (ZEIT-Artikel)

In der Ausgabe 14/2017 der ZEIT mache ich mir hier Gedanken, warum zeitgenössische Künstler besonders erfolgreich auf dem Markt sind, nicht obwohl, sondern gerade weil sie oft standardisierte Werkformen entwickelt haben, die sich mühelos – teilweise sogar von Dritten – seriell produzieren lassen. Was macht das Serielle so attraktiv? Warum kaufen viele lieber eine Variante eines Werktyps als ein wirkliches Unikat?

Spenden für die Schale (ZEIT-Kommentar)

Nachdem das Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin nun doch gebaut werden soll, habe ich in einem kurzen Kommentar in der ZEIT dafür plädiert, die von den Planern propagierte Idee einer Partizipation der Bürger doch wenigstens richtig ernst zu nehmen – zumindest so ernst, wie sie vor über hundert Jahren genommen wurde, als mit dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal schon einmal ein Einheits- und Freiheitsdenkmal errichtet wurde. -> hier der Kommentar!

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aus: "Das Völkerschlachtdenkmal - Weiheschrift" (1913) - Auflistung
der Spendenentwicklung des "Deutschen Patrioten-Bundes" (D.P.-B.), 
oben Plan der gesamten Anlage zusammen mit einer 'Kampfbahn'

 

Fotogene Produkte

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Für brand eins habe ich einen Artikel darüber geschrieben, wie sich das Produktdesign in Zeiten von Social Media und Influencer-Marketing verändert:

„In Zeiten, in denen viele Menschen mehrere Social Media-Plattformen parallel bespielen und ihren Freunden und Followern dauernd etwas bieten müssen, sind Produkte, die sich zum Fotografieren eignen oder als Motive sogar geradezu aufdrängen, umso willkommener. Daher besteht auch eine Neigung zu besonders witzig oder verspielt gestalteten Produkten. So wie es früher ‚conversation pieces’ gab, also Designstücke, die nicht unbedingt praktisch waren, aber aufgrund einer ungewöhnlichen Formsprache Anlass zu Diskussion boten, könnte man heute von ‚photographic pieces’ sprechen: Produkte, die vor allem dazu da sind, oft fotografiert zu werden.“

Den kompletten Artikel gibt es hier.

„Essen als Konfession“ (Radio-Essay)

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Im SWR 2 wurde am 13. Februar 2017 mein Essay „Essen als Konfession“ gesendet, in dem ich mich mit zeitgenössischen Formen des Umgangs mit Ernährung auseinandersetze. Mich interessiert die Aufwertung des Essens zu einem Medium für Bekenntnisse und zu einem Ort der (Selbst)inszenierung. Hier ein paar Thesen:

„Auf der Video-Plattform „YouTube“ finden sich unzählige Videos von Menschen, die von ihrer Ernährungsumstellung berichten und den Zuschauern Mut machen, sich auf denselben Weg zu begeben. Oft handelt es sich, wie auch sonst bei YouTubern, um junge Leute – 16-, 18-, 20-jährig –, die sich in absoluter Ernsthaftigkeit Video um Video mit ihrer Ernährungsumstellung befassen: Ausführlich legen sie die Gründe dar, warum sie vegan geworden sind oder künftig komplett auf irgendetwas verzichten, äußerst gewissenhaft beschreiben sie alle Veränderungen, die sie infolge ihrer neuen Ernährungsgewohnheiten verspüren, nicht ohne Pathos schildern sie die – oft ablehnenden – Reaktionen von Familienmitgliedern und Freunden, durch die sie zu Außenseitern werden. Wer sich daran erinnert, welcher Habitus unter Jugendlichen noch vor zwei, drei Generationen üblich war, kann nicht aufhören, sich über das Auftreten der Ernährungsumsteller zu wundern. Statt mit Drogenerfahrungen, Exzessen und Mutproben anzugeben, ja statt mit Ausnahmezuständen zu sympathisieren und sich draufgängerisch zu geben, beschwören sie einfach ein gesundes Leben. Voller Genugtuung teilen sie mit, wovon sie sich befreit haben und wie sie dadurch bei sich selbst angekommen sind. Überschüssige Kräfte werden nicht ausgelebt oder geradezu mutwillig vernichtet, indem man beim Essen und Trinken über die Stränge schlägt, sondern man haushaltet vernünftig damit, hegt und pflegt sie, sorgt sich bei jeder kleinen Übertretung.“

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