Rechtsdrift der Idee autonomer Kunst: ein begriffsanalytischer Artikel und ein aktueller Fall

In der ZEIT – Ausgabe 21/2019 vom 16. Mai 2019 – veröffentlichte ich einen Artikel [Link für ZEIT-Abonnenten, sonst hier: Auf dunkler Scholle], in dem ich mich mit dem aktuellen Zustand der Idee autonomer Kunst befasse. Meine Beobachtung: Viele maßgebliche – traditionell eher linke und emanzipatorische – Milieus der heutigen Kunstwelt vertreten die während der gesamten Moderne virulente Idee der Autonomie nicht mehr aktiv oder sehen sie sogar als problematischen Nährboden für eine elitäre, exkludierende und unsensible Kunstpraxis an. Mit der Preisgabe des Autonomie-Paradigmas lässt man aber zu, dass Kunst nicht mehr als etwas Eigenständiges angesehen wird, sondern die Kriterien ihrer Beurteilung von anderswo übernommen werden, sei es vom Markt, von der Politik oder von anderen prägenden Bereichen der Gesellschaft. Zugleich, so meine weitere Beobachtung, ist die Idee der Autonomie aber nicht aus der Welt. Vielmehr wird sie aktuell zunehmend von Milieus adoptiert und neu gewendet, die politisch (weit) rechts stehen. Sie sehen darin – wie im Christentum oder wie im Bikini – einen Teil westlichen Kulturerbes, das es gegen Globalisierung und Überfremdung zu verteidigen gilt. Bei ihnen wird Autonomie oft sogar heroisch zur Selbstbehauptung aufgeladen, betrachten sie sich doch selbst in der Defensive, gar als Opfer. Wie schon in einigen Strömungen der Avantgarde erfährt der Autonomie-Begriff damit eine martialisch-aggressive Codierung – und wird für die Milieus, in denen er bisher beheimatet war, erst recht ungenießbar.

In den letzten Wochen kam es in Leipzig zu Vorgängen, die zu meiner Beobachtung einer Rechtsdrift des Autonomie-Begriffs passen.

Für die jährliche „Leipziger Jahresausstellung“ wurde in diesem Jahr als einer von 36 Künstler*innen auch Axel Krause nominiert, der 2018 in die Schlagzeilen geriet, als sich seine langjährige Galerie von ihm trennte, weil er – vor allem auf seinem Facebook-Account – wiederholt rechte, AfD und Pegida nahestehende Statements publizierte. Nicht einmal seine Gegner behaupten jedoch, seine Gemälde – in der Tradition des magischen Realismus – seien ‚rechts’, gewaltverherrlichend oder auf andere Weise gegen die Menschenwürde. Dennoch löste die Nominierung Krauses (der auch in meinem ZEIT-Artikel Erwähnung findet) verschiedene Formen von Protest aus.

Zu respektieren ist die Entscheidung eines anderen nominierten Künstlers – Moritz Frei –, der seine Teilnahme widerrief, weil er nicht zusammen mit einem Künstler ausstellen wolle, dessen politische Ansichten so präsent seien, dass man davon nicht mehr abstrahieren könne. Frei forderte nicht den Ausschluss Krauses, sondern verzichtete lieber selbst auf eine Ausstellungsmöglichkeit.

Verfasser eines Briefs, die aus dem Kreis der nominierten Künstler*innen stammen, unnötigerweise jedoch anonym blieben, verlangten hingegen den Ausschluss Krauses – allein mit dem Hinweis auf seine politische Einstellung. Der Forderung gab der Verein „Leipziger Jahresausstellung“ auch nach, sagte dann in einem nächsten Schritt sogar die gesamte Ausstellung ab, um sie letztlich doch wieder anzukündigen: ohne Axel Krause und nun lediglich als geschlossene Veranstaltung konzipiert.

Da der Verein vorwiegend selbst aus Künstler*innen besteht, ist umso bemerkenswerter, dass man nicht einmal ernsthaft versuchte, für die Kunst eine Eigenständigkeit – Autonomie – zu behaupten – und entsprechend etwa klar zwischen dem Künstler Krause und dem Bürger Krause zu unterscheiden. Zeugt es aber nicht von einem erstaunlich schwachen Selbstbewusstsein von Künstler*innen, wenn sie über die Werke ihrer eigenen Kolleg*innen nach Kriterien urteilen (lassen), die mit Kunst gar nichts zu tun haben?

Zugleich hat man Krause mit der Entscheidung den Status eines Märtyrers geschenkt. Er kann denen, die ihn ausgeschlossen haben, Feigheit, Angepasstheit, Zensur und allerlei anderes vorwerfen. Und er kann sich im Gegenzug als Künstler feiern, der sein Werk unabhängig von seiner politischen Einstellung erschafft – der also im besten Sinn im Geist der Autonomie denkt. Diese erscheint umso verklärter und heroischer, als sie sich gegen äußere Widerstände zu behaupten hat. So wird sie zum Signum von Unangepasstheit und Dissidenz – und ersteht (weit) rechts wieder auf, nachdem sie ihren links-liberalen Platz verloren hat.

Gewiss kann und soll man über Möglichkeiten und Grenzen des Autonomie-Paradigmas diskutieren und es nicht ‚per se’ gutheißen, aber man soll darüber diskutieren – und es nicht leichtfertig (oder gar mutwillig) den Rechten und Rechtsextremen überlassen und diese damit weiter stärken. Hoffentlich ist das die Lehre, die aus den Vorgängen rund um die „Leipziger Jahresausstellung“ gezogen wird.

Einen ersten Beitrag zur Diskussion über den Status der Autonomie hat in Erwiderung auf meinen ZEIT-Artikel der Philosoph Harry Lehmann geliefert – nachzulesen hier.

Update 12. Juni 2019: Im Deutschlandfunk Kultur wurde ich zu den Vorgängen rund um die Leipziger Jahresausstellung interviewt – nachzuhören hier.

 

Comments 2

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