Der Wahlkampf auf Instagram (Folge 7)

Mit zwei Körpern kandidieren

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Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um für ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl sollen einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachtet werden. Was könnte spannender sein, als ein neues Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend zu kommentieren? (Diese Serie entsteht in Kooperation mit der Zeitschrift „POP. Kultur und Kritik“.)

Eines der ältesten Wahlkampfmedien – das Plakat – trifft auf eines der neuesten Medien: Instagram. Das führt zu Varianten des klassischen, vor allem in der Kunstgeschichte oft traktierten Themas ‚Bild im Bild’: Zahlreiche Abgeordnete oder Kandidaten für ein Bundestagsmandat füllen ihre Accounts zurzeit mit Fotos, auf denen sie zusammen mit den Plakaten zu sehen sind, die sie abbilden. Ein Bild wird also zum Anlass für weitere Bilder.

Es geht dann darum, eventuelle medienkritische Vorbehalte auszuräumen und zu beweisen, dass die Plakate nicht geschönt sind: Alles authentisch! Oft aber sind die Abgebildeten vor allem ziemlich stolz darüber, dass sie für die Wochen des Wahlkampfs in ihrem Wahlkreis allenthalben bildlich präsent sind und als öffentliche Figuren fungieren. Gerade wenn es sich um eine Premiere für sie handelt, finden sie offenbar Gefallen an der Vorstellung, dass Sichtbarkeit gleichbedeutend mit Wichtigkeit ist. Der alte Traum vom Ruhm!

Von fernher klingt aber noch ein weiteres Motiv an, das ursprünglich der Repräsentationspolitik absolutistischer Monarchien entstammt. Der Kulturwissenschaftler Ernst Kantorowicz widmete ihm 1957 ein ganzes Buch unter dem Titel „Die zwei Körper des Königs“. Neben dem Körper des sterblichen Amtsträgers gibt es den Körper des unsterblichen Amts, der Kontinuität und damit Stabilität verheißt. Oft wurde ehedem der vergängliche dadurch zum ewigen Körper überhöht, dass man Bilder davon schuf. Denn ein Bild existiert auch dann weiter, wenn die Person, die es zeigt, nicht mehr lebt. Das Bild wird so zum Zeichen von Amt und Würden – von Macht. Abgebildet zu sein, bedeutet, mehr als nur eine vergängliche Privatperson zu sein.

Im Fall von Politikern, die der Faszination erliegen, auf Wahlplakaten präsent und überhöht zu sein, nimmt es manchmal eitle, manchmal aber auch komische Züge an, wenn sie ihre beiden Körper zugleich in Szene setzen. – Im Folgenden ein paar typische Varianten des Bild-im-Bild-Wahlkampfs:

 

Das Plakat als Verstärker: Neben dem Kandidaten platziert, soll es dessen Auftritt bedeutsamer erscheinen lassen. Das Publikum soll beeindruckt sein, dass er nicht nur lebens-, sondern zugleich überlebensgroß anwesend ist. Im Raum erfüllt es damit eine ähnliche Funktion wie ein Lautsprecher auf einem öffentlichen Platz. Wirkt aber auch etwas übertrieben. Und noch schlimmer: Wirkt so, als traue sich der Kandidat nicht allein zu seinen Wählern. Als fühle er sich ohne sein Plakat zu klein und zu schmächtig. Das gilt umso mehr, da das Plakat etwas improvisiert auf einem Stuhl abgestellt ist. Als sei es ein ‚alter ego’, eine zweite Person. Und die Blumenvase auf demselben Stuhl? Eine Verehrungsgeste, passt zu einem Denk- oder Grabmal, ja zum überhöhten zweiten Körper eines Amtsträgers, aber nicht zu einem Wahlkampftermin mit dem Kandidaten aus Fleisch und Blut.

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Manche legen es auf den Direktvergleich mit ihrem Plakat an. Sie stellen sich daneben, davor, dahinter und passen den Gesichtsausdruck dem auf dem Foto an, suggerieren also die Verschmelzung mit ihrem (angestrebten) Amt. Die tiefsinnige Aussage: „Ich kandidiere wirklich“.

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Andere stellen sich neben ihr Plakat, als sei es ein kleines Kind oder ein Haustier. Und sie sprechen von einer „Real Life Begegnung“, so als bedeute Wahlkampf vor allem, jederzeit auf Varianten seiner selbst treffen zu können: „Oh, ich schon wieder, was für eine nette Überraschung!“

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Wahlkampf ist Ochsentour. All die Plakate müssen ja auch geklebt und gehängt werden. Vielleicht sogar bei Nacht, um schneller als die Konkurrenz zu sein und die besten Plätze auf einer Laternenstange zu ergattern. Ohne fleißige Hilfskräfte geht das nicht. Umso wichtiger ist aber, dass die Kandidaten zeigen, ihrerseits die mühsame Arbeit keineswegs zu scheuen. Auch sie steigen also auf Leitern. Wenn sie sich dann zusammen mit ihren eigenen Plakaten fotografieren lassen, lautet die Botschaft: „Ich bin zwar groß und wichtig, aber nicht abgehoben.“ Das kommt umso besser bei Kandidaten von Parteien an, in denen Solidarität und Soziales großgeschrieben werden. Dann signalisieren die Bilder: „Ich bin und bleibe eine(r) von Euch.“ Die Person auf der Leiter dementiert also gleichsam den Anspruch, der von dem Plakat ausgeht, so als sei dieser etwas peinlich. Man ist eben wirklich demokratisch geworden.

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In anderen Fällen steigen die Kandidaten zwar nicht selbst auf Leitern, würdigen die Arbeit ihrer Helfer aber zumindest. Sie fahren, am besten gleich noch in der Nacht, in der die Plakate gehängt wurden, ihren Wahlkreis ab und steigen an den Stellen aus, an denen sie ein Plakat von sich sehen. Das heißt: Sie haben bemerkt, was andere für sie getan haben, und freuen sich darüber.

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Oder sie tarnen sich als Arbeiter, ziehen gar eine Leuchtweste über, so als begäben sie sich in akute Gefahr, wenn sie auf die Straße gehen. Wahlkampf ist eben gefährlich, darüber sollte auch ein freudiges Gesicht nicht hinwegtäuschen.

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Wenn sie schon mitteilen wollen, dass sie alle Plakate gesehen haben und damit die Arbeit ihrer Helfer würdigen, gibt es aber keinen Grund, das Plakat selbst auf dem Beweisfoto abzuschneiden. Oder ist auch das wieder Ausdruck davon, dass es in einer Demokratie etwas peinlich ist, als Amtsträger überhöht zu werden?

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Die Reproduktion – also das Plakat – wird schnell zur Norm für das Original. Denn sie muss als solche erkennbar sein. Daher hat das Original ihr möglichst exakt zu entsprechen. Wer auf seinem Plakat glattrasiert ist, sollte den Wahlkampf somit nicht mit Dreitagebart bestreiten. Es irritiert sogar schon, wenn der Kandidat auf dem Plakat eine Brille trägt, live hingegen nicht. Anstatt eine Differenz zwischen Abbild und realer Person reizvoll zu finden (kommen so nicht insgesamt mehr Aspekte einer Person zur Geltung?), wird sie schnell zum Problem. Die Person wird dadurch geschwächt – profaniert. Es sieht so aus, als bleibe sie hinter ihrem Abbild zurück. Daran zeigt sich nicht zuletzt ein hartnäckiger Bilderglaube und damit nochmals das Prinzip der zwei Körper: Weil das Bild statisch ist, neigt man dazu, ihm den Nimbus des Dauerhaften zu attestieren – als sei es der Zeit entzogen und daher ewig, unsterblich, von höherem ontologischen Rang als sein Sujet.

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Manchmal schließlich betrachtet ein Kandidat sein eigenes Plakat. Blickt zu ihm auf. Und zwar so, wie er sich wünscht, dass die Wähler zu ihm aufblicken. Aber warum nicht? Er kann sich ja auch selbst wählen.

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Folge 1: Mit dem Regenbogenherz ins politische Sommermärchen

Folge 2: Martin Schulz in der Schule

Folge 3: Wochenende eines protestantischen Läufers

Folge 4: Körpersprache statt Dingsymbole

Folge 5: Wer gewinnt den großen Fotowettbewerb?

Folge 6: Ein Mann sieht rot

Folge 8: Friede, Freude, Eierkuchen

Folge 9: #kunstistpolitisch

Folge 10: Ungeschützte Bilder

 

 

 

 

 

 

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