„Die Kunst, keine zu sein“ (Essay auf ZEIT-Online)

Für ZEIT-online habe ich aus Anlass einiger Eigenheiten der Documenta-Debatte einen Essay geschrieben. Dabei interessiert mich insbesondere, was es heißt, dass Kunst für viele zwar nach wie vor (oder gar mehr denn je) kritisch und emanzipatorisch sein soll, anders als in der westlichen Moderne aber gerade nicht mehr maximale Freiheit das Ziel ist. Der Leitbegriff ist nun vielmehr ‚Gerechtigkeit’, oft verstanden im Sinne von Gleichberechtigung. Das bedeutet aber nicht nur, manche individuelle Freiheit zu überdenken, sondern verlangt auch, sich vermehrt in der Wahrnehmung kausaler Zusammenhänge zu schulen. Denn je knapper Ressourcen werden, je schädlicher einzelne Praktiken für heutige oder künftige Generationen sind, je stärker auch sozial bedingte Einschränkungen, unter denen viele Menschen leiden, präsent werden, desto mehr hängt davon ab, dass man die Konsequenzen des eigenen Handelns einschätzen und einen reflektierten Begriff von Verantwortung entwickeln kann. Die Kunst könnte künftig also im selben Maß, in dem sie lange als Vorbild für Freiheit und Individualismus fungiert hat, ein Vorbild für Transparenz und Rücksichtnahme sein. – Hier der vollständige Text:

Comments 2

  1. Dr. Mario Donick 21. August 2022

    Puh, ein komplexes Thema, danke für’s Teilen, sodass man es auch ohne Zeit-Abo lesen kann 😉 Ich stecke nicht wirklich in der Kunstszene drin, auch wenn ich darüber gerne was lese. Daher hat mich überrascht, dass es so eine krasse Kunst ungleich Kultur-Debatte zu geben scheint.

    Als Außenstehender habe ich Kunst wie selbstverständlich als Teil von Kultur angesehen, wobei ich aber „Kultur“ sehr eng bei „Gesellschaft“ sehe (alles von menschlicher Tätigkeit gemachte ist ja ein Artefakt der jeweiligen Gesellschaft), und dann Kunst als ein Teilsystem neben anderen, mit Aufgaben und Funktionen in der Gesellschaft, die spezifisch genug sind, um sich von Wissenschaft, Politik oder Religion zu unterscheiden, aber keinesfalls in der Lage, darüber zu stehen.

    Die Instagram-Posts von Jonathan Meese, die Sie verlinken, sind da schon ganz interessant und da sind diskussionswürdige Punkte drunter, und die Posts verstehen sich wohl selbst als Kunst, nicht als politischer Diskussionsbeitrag (und würde zukünftig „Kunst die Regierungsform“, dann wird Kunst Politik) … aber, mein Gott, was ist denn das für ein fast schon elitäres Selbstbild, dass „die Kunst“ da von sich zeigt?

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    • wolfgangullrich 22. August 2022

      Ja, lieber Mario Donick, Meeses Manifeste verstehen sich selbst als Kunst. Und kokettieren auch nicht damit, Teil eines politischen Diskurses zu sein. Insofern stehen hier selbst die provokantesten Formulierungen ganz klar unter dem Schutz der Kunstfreiheit. Das heißt aber nicht, dass man sie nicht kritisieren darf – hinsichtlich der Implikationen, die damit verbunden sind. Die Frage ist, ob ein so demonstrativ entwickeltes Bild von der Kunst als absolut autonomem Bereich noch sinnvoll ist angesichts der Probleme, vor denen wir aktuell und auf absehbare Zukunft stehen – oder ob das nicht eine Form von Eskapismus darstellt, die zwar nicht zu verurteilen ist, aber genauso wenig zu bewundern.

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